Am 11. März 2020 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Ausbruch einer Pandemie. Die ist zwar seit dem 5. Mai offiziell vorbei, aber Corona ist nicht verschwunden. Täglich stecken sich noch Menschen an – und das Virus mutiert. Die Wittmunder Amtsärztin Dr. Anja Behnke erklärt, wie sich Corona im Herbst verhalten wird und wer sich impfen lassen sollte.

Amtsärztin Dr. Anja Behnke spricht über Corona und wer sich jetzt impfen lassen sollte.

Amtsärztin Dr. Anja Behnke spricht über Corona und wer sich jetzt impfen lassen sollte.

Inga Mennen

Ist im Herbst mit einer neuen Corona-Variante zu rechnen?

Dr. Anja BehnkeDavon ist auszugehen, da das Virus sich ständig verändert. Bereits im September 2020 gab es mehr als 12 000 verschiedene Mutationen des Virus. Wie sich diese weiterentwickeln, ist nicht vorhersehbar. Aktuell wird eine Variante besonders beobachtet. Die WHO hat sie als „Variante of Interest“ eingestuft, sie heißt Eris.

Schützen die Corona-Impfungen mit Biontec, Astrazeneca und Moderna noch, wenn sie schon mehr als ein Jahr her sind?

Dr. Anja BehnkeBei Nicht-Risikogruppen schützen nach aktuellem Stand die Impfungen noch. Für diese Menschen reichen also drei Impfungen oder zwei Impfungen und eine Infektion. Die Impfung schützt aber nicht zu 100 Prozent, weil sich das Virus ständig verändert. Aber wir haben eine Grundimmunität in der Bevölkerung. Unser Immunsystem kennt das Virus und kann es sozusagen in Schach halten.

Soll man sich wie für die Grippe jedes Jahr erneut gegen Corona impfen lassen?

Dr. Anja BehnkeJa, wenn man zu einer von der Ständigen Impfkommission (Stiko) festgelegten Risikogruppen gehört. Das heißt, Personen ab 60 Jahre, Menschen mit Grunderkrankungen, wenn sie älter als sechs Monate sind, Bewohner in Pflegeeinrichtungen, medizinisches und pflegerisches Personal sowie Familienangehörige oder enge Kontaktpersonen von Personen, die eine immunsuppressive Therapie machen.

Zur Person

Dr. Anja Behnke ist seit 2019 Ärztin im Gesundheitsamt Wittmund. Die 56-Jährige war in ihrer Funktion während der Pandemie Teil des Krisenstabes des Landkreises Wittmund. Das Gesundheitsamt hatte in den Corona-Hochzeiten 2021/ 2022 etwa zusätzlich 20 Mitarbeiter, die für die Kontaktverfolgung und die Beratung der Corona-Infizierten zuständig waren.

Darf sich trotzdem jeder impfen lassen?

Dr. Anja BehnkeJa, auf eigenes Risiko. Denn auch jede Impfung kann Nebenwirkungen haben. Deshalb empfiehlt die Stiko nur die Impfungen für die Risikogruppen. Am Ende entscheidet der Arzt, ob er einen Menschen trotzdem impfen möchte.

Rechnen Sie damit, dass es erneut eine Variante geben kann, die wieder mehr Todesopfer fordert?

Dr. Anja BehnkeAktuell gibt es keine Hinweise darauf. Aber es ist möglich, wie bei anderen Viren wie zum Beispiel der Influenza auch.

Ist Corona noch gefährlich?

Dr. Anja BehnkeFür abwehrgeschwächte und vor erkrankte Personen ja. Gesunde Menschen stecken die Erkrankung aber meist gut weg. Sie haben dann die typischen Erkältungssymptome – manchmal mit den Symptomen der richtigen Grippe.

Es gibt keine Testpflicht mehr. Coronafälle werden nicht mehr erfasst. Können Sie trotzdem sagen, wie sich das Virus gerade verbreitet?

Dr. Anja BehnkeNein. Es gibt keine Testpflicht mehr und so bleiben viele Infektionen unerkannt. In der vergangenen Woche hatte der Landkreis Wittmund sieben durch PCR-Tests bestätigte Infektionen. Allerdings hört man aus den Praxen und im Bekanntenkreis wieder von vermehrten Infektionen. Dazu kommen auch die grippalen Infekte und die normalen Erkältungen.

Was muss ich tun, wenn ich zu Hause einen Test gemacht habe und positiv bin?

Dr. Anja BehnkeBei Beschwerden ist der Hausarzt zuständig. Man sollte Maßnahmen ergreifen, so dass man niemanden anstecken kann, sich also am besten separieren – insbesondere von abwehrgeschwächten Personen. Eine Meldepflicht besteht erst bei positivem PCR-Test. Die werden oft nur noch in den Krankenhäusern vorgenommen. Das RKI empfiehlt Pflegepersonal nach einem positiven Test solange zu Hause zu bleiben, bis der wieder negativ ist, also mindestens fünf Tage.

Was ist aus dem Tätigkeitsverbot Ungeimpfter in Pflegeheimen, Arztpraxen und Krankenhäusern geworden?

Dr. Anja BehnkeAm 31. Dezember 2022 ist das Gesetz ausgelaufen, die Impfpflicht wurde nicht verlängert. Es gibt sie nicht mehr. Damit sind die laufenden Verfahren bezüglich noch ungeimpfter Beschäftigter in medizinischen Einrichtungen ausgelaufen.

Sind Ihrer Meinung nach alle Entscheidungen der Bundesregierung während der Pandemie richtig gefällt worden?

Dr. Anja BehnkeDie ersten Lockdowns waren auf jeden Fall richtig. Niemand konnte wissen, wie gefährlich das Virus ist. Im schlimmsten Fall hätte unser Gesundheitssystem nicht alle Patienten behandeln können. Stellen Sie sich vor, ein Arzt wäre wirklich in die Situation gekommen zu entscheiden, welchen Patienten er beatmet und welchen er sterben lässt.

Inga Mennen
Inga Mennen Thementeam Soziales