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NWZonline.de Ratgeber

Kunst: Mit der Axt am himmelblauen Ackerwagen

08.05.2021

Dangast Es muss ein wildes Wochenende gewesen sein. Der Künstler Anatol und seine 20 Mitstreiter waren Ende Januar 1973 ins Kurhaus nach Dangast zu einer produktiven wie fröhlichen Schaffenszeit gekommen. Sogar der berühmte Professor Joseph Beuys war in seinem Bentley S1 nach Dangast gefahren, den er 1966 als Gebrauchtwagen erworben hatte.

„In jedem Menschen steckt ein Künstler“, hatte Beuys den Polizisten Karl-Heinz Herzfeld (Künstlername Anatol) zum kreativen Schaffen ermutigt – und später weitere wie Buthjatha und Eckart Grenzer. Der Beuys-Schüler Anatol bemalte an jenem Januar- Wochenende einen Ackerwagen hellblau, als „wandelnder Akzent“ trat der Beuys-Schüler Anatol dann im roten Anzug auf. Immer, wenn er zu sehen war, schoss Kurhaus-Wirt Karl-Anton Tapken (1910-1977) mit einer Flinte in die Luft.

„Kunst ist Arbeit“

Der hellblaue Heuwagen wurde im Laufe des Wochenendes angezündet, um Karl-Anton Tapkens Geburtstag zu würdigen. Den Ackerwagen hatte Karl-Anton Tapken besorgt, und Beuys „hackte mit seinem dicken Hackebeil da drin“, erinnerte sich später Kurhauswirt Karl- August Tapken (1936-2016). Das Motto lautete „Kunst ist Arbeit, und Arbeit ist Kunst“

Nach eigenen Angaben war Anatol erstmals 1963 nach Dangast gekommen und hatte wie so viele das Alte Kurhaus und das Wirtsehepaar Karl- Anton und Olga Tapken sowie die in ärmlichen Verhältnissen lebende Malerin Trude Rosner-Kasowski (1899-1970) schätzen gelernt. Dangast erinnerte ihn an seine Heimat Masuren.

Ab 1965 fuhr Anatol regelmäßig mit dem Beuys-Schüler Blinky Palermo (1943-1977) nach Dangast. Und irgendwann begann Anatol mit Aktionen beim Kurhaus, das die Familie Tapken (meist in der besucherarmen Winterzeit) zur Verfügung stellte. Die Dorfjugend – darunter Konstanze Radziwill, Ulrike Hinck und Lena Tapken – war fasziniert von dem unterhaltsam erzählenden Anatol. Er zog auch den Kunstvereinsvorsitzenden Ummo Francksen in seinen Bann, „sodass man im wohlsituierten Oldenburger Bürgertum schon in Sorge war, ob Francksen in ein anderes Milieu wechseln würde“, erinnert sich Konstanze Radziwill, die als Gymnasiastin mit den Künstlern der Freien Akademie Oldenburg erstmals in Berührung kam.

Sympathisant Radziwill

Der Maler Franz Radziwill hatte durchaus Sympathie für die Aktionskünstler im Kurhaus, pflegte ein freundlich-distanziertes Verhältnis. „Wir wollen mal nicht so tun“, sagte er. Und: „Dass überhaupt noch gemalt wird – auch wenn das nicht immer mein Geschmack ist“, ließ er sich zu den Veranstaltungen einladen.

Die skurrile Bardame Bettina, im Gefolge mit Anatol nach Dangast gekommen, sprach Radziwill im Kurhaus an, als der an seinen Stammplatz im kleinen Speiseraum neben dem Kursaal wollte. „Herr Professor, da können Sie nicht rein, das sitzen jetzt lauter Künstler.“

Anatol zog aus dem Badeort und seinen herben Reizen seine Inspiration. 1975 resultierte daraus der Auftritt Anatols im Oldenburger Kunst­verein. „Bei Tante Olga in Dangast“ lautete der Titel der Aktion, bei der Anatol im Beisein von Besuchern eine grüne Bauernhaustür anmalte. Die Aktion rief unterschiedliche Reaktionen hervor, es gab Zustimmung wie auch Skepsis. Kann das Kunst sein? Im tradierten Kunstverständnis eher nicht. „Was er herstellt, erfährt Sinngebung nicht im Fortbestand, sondern in der Hervorbringung, nicht in dem, was sichtbar wird, sondern in dem, was er in Kontakt mit Augenblick und Umwelt dabei denkt“, merkte Kunstkritiker Karl Veit Riedel an.

„Tante Olga“ – das war Olga Tapken (1911-1977), die beliebte Gattin des Kurhaus-Wirtes und Originals Karl- Anton Tapken, die auch ein Grußwort im Oldenburger Kunstverein sprach.

„Tante Olga“ in Kassel

Nach ihr benannte Anatol später ein Kunstobjekt, nämlich das einem Papierschiffchen ähnelnde Boot „Tante Olga“, mit dem die Freie Akademie an der Documenta 1977 teilnahm, und das Karl-Antons Sohn, Kapitän Anton Tapken, über den Jadebusen, Weser und Werra nach Kassel schipperte. „Endlich ist die Kunst zu Lande, zu Wasser und zur Luft frei“, kommentierte Beuys die Aktionen der Akademie Oldenburg.

„Kunst gegen die Kreis­reform“ formulierte Anatol den Zweck des Bootes und seine Überführung nach Kassel. Hintergrund war die beabsichtigte Aufspaltung des Landkreises Friesland auf die Kreise Wittmund und Ammerland (1980 rückgängig gemacht). Es könne nicht sein, ein „seit Jahrhunderten kulturell gewachsenes Gebiet“ wie Friesland zu zerstören.

Hier war der Aktionskünstler durchgebrochen. Der Landkreis Friesland war erst 1933 aus dem Jeverland und dem Amt Varel entstanden, das bis zum Bau der ersten Kunststraße von Oldenburg schwer erreichbare Jeverland wechselte mehrfach die Herrschaft, Varel hatte andere Herren.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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