Oldenburg - Schlürfend nimmt Thorsten Nack einen großen Schluck aus der Probierschale und lässt die hellgelbe Flüssigkeit im Mund bis weit nach hinten an den Gaumen fließen. Konzentriert wie ein erfahrener Weinkenner lässt er sich die Aromen auf der Zunge zergehen. „Nussig und grasig, ein bisschen nach Heu“ schmeckt der 54-Jährige schließlich als charakteristisch heraus. Es handelt sich um grünen Tee aus der chinesischen Provinz Zhejiang.
Nack ist „Tea Taster“, zu deutsch Tee-Tester. Das heißt, er vergleicht und bewertet Teeproben. Für die Verkostung hat er zuerst den trockenen Tee in Augenschein genommen und ihn befühlt, um dann exakt 2,86 Gramm abzuwiegen und aufzubrühen. Erst nachdem er an dem nassen, aufgequollenen Teeblatt gerochen hat, folgte die Geschmacksprobe.
Tee beliebt wie nie
Obwohl in Deutschland weit mehr Kaffee als Tee getrunken wird, ist Tee so beliebt wie nie. So stieg der Teekonsum im vergangenen Jahr um ein Prozent auf fast 20 000 Tonnen. Dazu tragen vor allem die Ostfriesen bei, denn sie trinken mit 300 Litern pro Kopf und Jahr fast elfmal soviel Tee wie der Rest der Republik. An Assam-Tee mit Sahne und Kluntjes kommt dort niemand vorbei, auch wenn der allgemeine Trend zu grünem Tee geht. „Die Verbraucher sind gesundheitsbewusster geworden“, weiß Thorsten Nack, der in Oldenburg den Teepalast betreibt.
Grünem Tee werde unter anderem nachgesagt, er könne helfen, Bluthochdruck und den Cholesterinspiegel zu senken. Für den gebürtigen Bremer, der als Elfjähriger mit seinen Eltern nach Wilhelmshaven zog, ist er aber vor allem eins: „ein sauberes, gesundes Lebensmittel“.
Seine Leidenschaft für Tee entdeckte der gelernte Einzelhandelskaufmann jedoch nicht in Ostfriesland, sondern in New York (USA). „Dort wurde zu einem asiatischen Gericht immer eine Kanne Oolong auf den Tisch gestellt.“ Das war vor 20 Jahren. Seitdem hat er sich zusammen mit seinem Partner Michael von den Berg jede Menge Fachwissen angeeignet, Schulungen besucht, Anbauländer wie China und Sri Lanka (Ceylon) bereist und probiert, probiert, probiert.
Ausschlaggebend für die Qualität sind zum Einen die Wachstumsbedingungen in den Teegärten wie Bodenbeschaffenheit, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Niederschlag, Sonneneinstrahlung und Pflege. Zum Anderen legt Nack Wert auf eine sorgfältige Verarbeitung. „Die fängt schon bei der Ernte an. Denn es ist ein Unterschied, ob ich die Teepflanze mit einer Art Rasenmäher abernte oder die jungen Triebe, jeweils zwei Blättchen und die Blattknospe, per Hand pflücke.“ Viel Arbeit, denn für ein Kilo fertigen Schwarztee werden vier Kilo frische Blätter gebraucht.
Die Herstellung nach der orthodoxen Methode, also vorwiegend in Handarbeit, besteht aus dem kontrollierten Welken, dem Rollen der Teeblätter, dem Fermentieren, dem Trocknen und schließlich dem Sortieren in Blatt-Tee, Broken-Tee, Fannings und Dust.
Ob schwarzer, grüner, weißer oder mit Früchten oder Kräutern aromatisierter Tee ist Geschmacksache. Auch Teebeutel dürfen bei Thorsten Nack in die Tasse. „Da gibt es Superqualitäten“, sagt er. Wichtig sei die Zubereitung. Während grüner Tee bei 70 bis 80 Grad zwei bis drei Minuten ziehen sollte, mag es schwarzer Tee heißer und länger.
„Schwarztee wirkt nach kurzer Ziehzeit von drei Minuten anregend. Aber nicht sprunghaft wie Kaffee, sondern langsam ansteigend“, erläutert der Kenner. Nach längerer Ziehzeit verbindet sich das Tannin mit dem Koffein beziehungsweise Tein und wirkt beruhigend auf Darm und Magen. Über fünf Minuten kann der Geschmack bitter werden.
Ursprung in China
Tee wurde vor mehr als 5 000 Jahren von dem chinesischen Kaiser Shennong entdeckt und kultiviert. Über Japan erreichte das Getränk im 17. Jahrhundert Europa. Heute ist Deutschland nach Angaben des Teeverbandes ein Zentrum für die Veredelung von Tee. Fast die Hälfte des Tee-Imports von knapp 60 000 Tonnen wird wieder ausgeführt, vor allem in die EU.
Thorsten Nack bezieht zwei Drittel seines Sortiments vom 1823 gegründeten Teehaus Ronnefeldt. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Frankfurt produziert in Worpswede bei Bremen. Regelmäßig trifft er sich dort oder in Frankfurt mit Kollegen und Teeimporteuren, beispielsweise aus Aurich, um sich auszutauschen und neue Tees zu kreieren.
Derzeit tüftelt Nack an einer Komposition für die 1904 in Oldenburg geborene Opernsängerin Erna Schlüter, die Weltgeltung erlangte. Eigentlich eine naheliegende Idee, verkauft er seine Tees doch in ihrem Elternhaus. „Ich stelle mir einen leichten Darjeeling mit einem Hauch Bergamotte aus Kalabrien als Basis vor“, erzählt er. Bis es soweit ist, wird der Tee-Tester noch die ein oder andere Tasse Tee aufbrühen.
