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NWZonline.de Ratgeber

Die Welt mit viel Fantasie erklärt

29.04.2017

Oldenburg In Zeiten ohne Navigationssystem, Google Maps und GPS waren Karten, die einzige Möglichkeit, sich in fremder Umgebung zu orientieren. Ihre Detailgenauigkeit vermittelt heute noch den Eindruck von fundierten Fakten, aber der Eindruck täuscht. Kartenmacher haben ihrer Fantasie oftmals auch freien Lauf gelassen und die Welt aus ihrer Sicht erklärt.

Druck auf Seide

Wer wüsste das nicht besser als Michael Recke (66) aus Emden und Michael Remmers (58) aus Butjadingen. Recke, Präsident des Freundeskreises für Cartographica in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und Remmers, Vorstand der Sektion Weser-Ems der Deutschen Gesellschaft für Kartographie und Geomatik, sind die Kuratoren der Ausstellung „Fakten oder Fantasie? Karten erzählen Geschichte“ vom 4. Mai bis zum 1. Juli in der Landesbibliothek Oldenburg.

Gezeigt werden etwa 100 Objekte aus 500 Jahren, darunter viele Schätze aus dem Bestand der Landesbibliothek. „Es gibt einige Kuriositäten und Raritäten zu sehen“, sagt Recke und holt ein kleines flaches Schächtelchen hervor, das nicht größer als eine Visitenkarte ist. Aus der Schachtel zieht er eine taschentuchgroße Seidenkarte heraus, die vor 1790 gedruckt worden sein muss. Die Niederlande gehören auf der Karte bereits zu Frankreich unter Napoleon Bonaparte, Ostfriesland und Oldenburg aber noch nicht.

Seidenkarten hatten Soldaten auch im Zweiten Weltkrieg im Gepäck, um sich in Feindesland orientieren zu können. „Man kann sie lautlos auseinanderfalten, sie gehen im Wasser nicht kaputt“, nennt Recke zwei Vorteile.

Ein perfektes Beispiel für den Wandel des Weltbildes am Beginn der Neuzeit ist für die beiden leidenschaftlichen Kartensammler die berühmte Weltchronik des Nürnberger Arztes Hartmut Schedel (1440–1514). Die illustrierte Weltgeschichte reicht von der Erschaffung der Welt bis zum Ausblick auf das Jüngste Gericht.

Auch dem evangelischen Theologen und Geografen Heinrich Bünting (1546–1606) aus Hannover ging es nicht um geografische Genauigkeit. Er verband in einer Karte aus dem Jahr 1581 die Formen der drei Kontinente Europa, Asien und Afrika zu einem allegorischen Kleeblatt, Amerika ist als Zipfel am Kartenrand erkennbar, Dänemark und England liegen außerhalb Europas. Für Bünting war Jerusalem das Zentrum der Welt.

In einer anderen Karte aus dem gleichen Jahr verband Bünting die Küstenlinien Europas zum Umriss einer liegenden Königin. Auf einer Karte von Sebastian Münster aus der Zeit um 1561 steht Europa sogar Kopf.

Ideale Städte

Auch mit dem Universalgelehrten Athanasius Kircher (1602–1680) ist die Fantasie durchgegangen. Er hat in einer Karte die Orte der Bibel mit wissenschaftlichen Methoden bestimmt – einschließlich der Lage des Paradieses, von dem er sehr geordnete Vorstellungen hatte. Andererseits stammt von Kircher eine Karte des Erdinneren und der Sonnenflecken, die um 1678 entstanden ist. Er soll zu diesem Zweck sogar in den Vesuv abgestiegen sein.

Etwas ganz Besonderes ist der Himmelsatlas des Augsburger Astronomen Johann Bayer aus dem Jahr 1661. „Die von ihm präzise ermittelte Position der Fixsterne war über Jahrhunderte maßgebend“, betont Recke.

Ein Kapitel für sich sind die Karten idealer Städte. Weltberühmt ist die Karte von Utopia im 1518 erschienenen gleichnamigen Werk von Thomas Morus. Die ideale Stadt schwebte auch den Planern von Christiansburg bei Varel (Kreis Friesland) vor. Mit dem Bau der Festungsanlage und des Hafens wurde 1681 begonnen, die Stadt aber nie fertiggestellt.

Endgültig im Reich der Fantasie angekommen sind wir dann bei der Karte vom Schlaraffenland (um 1700 entstanden), auf der die Dollart-Region als das Land der Trinker verzeichnet ist.

Von ganz anderem Kaliber sind die Spezialkarten, die politische Geschichte erzählen, zum Beispiel vom Hitler-Stalin-Pakt und der Aufteilung Polens oder wie sich die Niederlande 1948 das Deutschland im Jahr 1998 vorstellten – nämlich als niederländische Provinz.

Die LandesbibliothekOldenburg (Pferdemarkt 15) zeigt vom 4. Mai bis 1. Juli die Ausstellung „Fakten oder Fantasie? Karten erzählen Geschichte!“. Die Schau ist in sieben thematische Abschnitte gegliedert, öffentliche Führungen finden am 9., 18. und 23. Mai sowie am 1., 13., 22. und 27. Juni jeweils um 17 Uhr statt. Öffnungszeiten: montags bis freitags 10–19 Uhr, samstags 9–12 Uhr. Der Eintritt ist frei

Zur Ausstellungerscheint ein Katalog mit Texten der Kuratoren Michael Remmers, Michael Recke und der Direktorin der Landesbibliothek, Corinna Roeder (KomReGis, 136 Seiten, 19 Euro).


     www.lb-oldenburg.de 
Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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