Stollhamm - Der Bauernhof aus dem Jahr 1846 liegt einsam in der weiten Marsch, eine steife Brise weht über die Weiden, Nebel zieht auf. Kein Wetter, um lange draußen zu sein. Gemütlich ist es dagegen bei Ruth Schupp im Hofcafé in Stollhamm-Mitteldeich. Die 56-Jährige hat vor zehn Jahren in Butjadingen einen beruflichen Neuanfang gewagt und auf dem Kastanienhof die Nordseechocolaterie gegründet.
Gespür für Trends
Die ehemalige Krankenschwester und Betriebswirtin lernte Butjadingen als Feriengast kennen. Viele Jahre verbrachte die Familie aus Lippstadt (Nordrhein-Westfalen) die Sommerferien auf der Halbinsel im Norden der Wesermarsch. Schließlich kauften Ruth und Peter Schupp den Kastanienhof, renovierten und richteten Ferienwohnungen ein. „Im Sommer kamen immer wieder Radfahrer am Hof vorbei und bedauerten, dass man bei uns nicht Kaffee trinken kann“, erinnert sich Ruth Schupp. In ihr reifte ein Plan: „Ich wollte was Besonderes anbieten.“ Sie richtete das Hofcafé ein und stieg in die Schokoladenverarbeitung ein. Den Anstoß dazu gab ihr Sohn, selbst Koch und Küchenmeister.
Ruth Schupp lernte das Handwerk bei Chocolatiers in Belgien und Frankreich. Mittlerweile kommen Chocolatiers aus Belgien nach Stollhamm, um bei ihr dazuzulernen, und sie wurde zum Salon de Chocolade – dem Spitzentreffen der Branche – in Paris eingeladen.
Ihre Spezialität sind Meeresfrüchte aus feiner belgischer Schokolade, der Renner im Hofcafé ist ihre Trinkschokolade. Über 50 verschiedene Sorten Tafeln Schokolade stellt sie her und bietet sie in ihrer Chocolaterie, einem kleinen Laden, in Burhave an.
Im Winter und zur Weihnachtszeit sind ihre handgefertigten Pralinen gefragt. Ihr Erfolgsrezept: nur gute Zutaten, keine Konservierungsstoffe oder Geschmacksverstärker, dazu kommen Kreativität und ein Gespür für Trends. „Derzeit ist Schokolade mit Meersalz sehr beliebt. Sehr gut schmeckt auch weiße Schokolade mit Curry“, erzählt sie und empfiehlt außerdem dunkle Schokolade mit rosa Pfefferbeeren oder mit Ingwer.
Ruhe und Konzentration
„Die besten Ideen kommen beim Machen“, sagt Ruth Schupp in ihrer Küche. Im Topf erwärmt sie gerade Vollmilchschokolade auf 30 Grad. „Schokolade darf nicht zu heiß werden, sonst glänzt sie nicht so schön“, erklärt sie und füllt die flüssige Masse in vorbereitete Formen für die beliebten Meeresfrüchte und für Schokoherzen zum Dekorieren. Einmal kräftig klopfen, damit keine Luftbläschen entstehen, und dann etwa 30 Minuten warten, bis die Masse ausgehärtet ist.
Der Kakaoanteil einer Schokolade entscheidet über den Verwendungszweck. Denn Schokolade mit einem Kakaoanteil von 60 Prozent hat eine andere Konsistenz als beispielsweise mit 54 Prozent. Eine Schokolade eignet sich für Füllungen, eine andere für Überzüge. Das ist eine Wissenschaft für sich. Ruth Schupp will im nächsten Jahr ihr Wissen weitergeben und Schokoladen- und Pralinenkurse auf dem Kastanienhof anbieten.
In einem anderen Topf wird mittlerweile gute Butter zerlassen, dazu gibt sie Sahne und frisch geriebene Tonkabohne, die aus Südamerika stammt und einen eleganten Vanilleduft verströmt. Die Masse gießt sie auf weiße Schokoladenflocken und verrührt das Ganze. Zu schnell darf sie nicht rühren, sonst gibt’s unschöne Bläschen. „Pralinen kann man nicht so nebenbei machen. Dazu braucht man Ruhe und Konzentration“, erklärt sie.
Der Appetit auf Schokolade ist Ruth Schupp noch nicht vergangen, wenn sie auch längst nicht mehr alles probiert. „Es muss schon etwas Besonderes sein“, sagt sie. Ihr Favorit sind Eierlikörtrüffel. Bei Männern seien Cognactrüffel beliebt, gibt sie noch einen Geschenktipp mit auf den Weg, bevor sie sich wieder an die Arbeit macht. Bis Weihnachten ist nicht mehr viel Zeit. Aber von Stress keine Spur bei Ruth Schupp: „Ich mache Schokolade und Pralinen und habe Spaß dabei.“
