Huntlosen - Wie haben die Menschen vor 100 000 Jahren gelebt, was haben sie gegessen, welche Werkzeuge haben sie benutzt? Fragen auf diese Antworten findet der Besucher im Steinzeitgarten von Marion Kanczok in Huntlosen (Kreis Oldenburg).
Der Garten liegt versteckt an der Wehme. Ein Fußweg führt am Gemeindehaus und Denkmal vorbei. Zu schnell sollte man nicht gehen, sonst übersieht man in der dichten grünen Hecke den Zugang, der in die Urgeschichte führt.
Pferdemist und Lehm
Mit dem Steinzeitgarten, für den Freunde das etwa 700 Quadratmeter große Gelände zur Verfügung gestellt haben, erfüllt sich für Marion Kanczok ein Traum. Dort bringt die 40-Jährige experimentelle Archäologie und Museumspädagogik zusammen und führt in die fremde Welt der Vorgeschichte ein. „Das macht einfach Spaß“, sagt sie, und der Besucher spürt, dass sie in ihrem Element ist.
Marion Kanczok hat Vor- und Frühgeschichte, klassische Archäologie und europäische Ethnologie in Würzburg, Galway (Irland) und Marburg studiert. Sie nahm an mehreren Ausgrabungen teil, arbeitete am Neanderthal Museum Mettmann und leitete Ausgrabungen unter anderem in Remels (Ostfriesland), Rotenburg/Wümme und Holdorf (Kreis Vechta). Seit 2011 arbeitet sie freiberuflich als archäologische Gutachterin und Archäopädagogin.
Der Garten liegt idyllisch an einem Bach, große Bäume und Büsche spenden Schatten. Die Altsteinzeit (Paläolithikum), die erste und längste Periode der Urgeschichte, und die Jungsteinzeit (Neolithikum), in der die Jäger und Sammler sesshaft wurden und begannen, Ackerbau- und Viehzucht zu betreiben, sind dort nur ein paar Meter voneinander entfernt.
Kürzlich wurde der jungsteinzeitliche Backofen in Betrieb genommen. Marion Kanczok hat ihn zusammen mit Kindern gebaut. Das Weidengeflecht haben sie mit einem Gemisch aus Lehm, Sand, Stroh und Pferdemist, der Risse im „Putz“ verhindert, ummantelt. Nachdem das Gehäuse ausgetrocknet war, wurde das erste Brot aus Einkorn, ein einzeiliges Urgetreide, gebacken. „Die Steinzeitmenschen bauten auch Emmer, ein zweiteiliges Getreide an, außerdem Erbsen und Linsen. Später kam Gerste hinzu“, erklärt die Archäologin, während sie Einkorn durch die Finger rieseln lässt.
Mit den Planungen für den Garten begann Marion Kanczok 2013, dann verzögerte ein Armbruch die Aufbauarbeiten, mit Hilfe von Freunden hat das Areal aber mittlerweile Gestalt angenommen und eröffnet viele Möglichkeiten für kleine und große Archäologen. Im Bereich der Altsteinzeit fällt eine stattliche runde Hütte ins Auge, die mit Laub und Tüchern, als Ersatz für Tierhäute, bespannt ist. Es ist eine Rekonstruktion auf Grundlage eines archäologischen Befundes in Frankreich. Die Pfosten, alte Baumstämme, wurden einen Meter tief eingegraben und an der Spitze mit Lederstreifen zusammengebunden. Solide Arbeit, die einiges an Schweiß gekostet hat.
Viele Pläne
Auf der anderen Seite – in der Jungsteinzeit – entsteht die Rekonstruktion eines trichterbecherzeitlichen Hauses aus der Zeit 4300 bis 3700 vor Christus. Bei Grabungen in Flögeln bei Bederkesa (Kreis Cuxhaven) und in Visbek ist man auf solche Häuser gestoßen. „Pfostenlöcher findet man bei Grabungen immer“, weiß Marion Kanczok.
Auf Basis dieser Pfostenlöcher wird die Konstruktion des trichterbecherzeitlichen Hauses sichtbar gemacht. „Der Garten ist kein Freilichtmuseum“, betont sie, „es ist ein Projektgarten, der sich entwickeln kann.“ Und in dieser Hinsicht hat die Archäologin noch viele Pläne: eine Feuerstelle zum Salzsieden, Filzen und Kochen, außerdem ein Steinschlagplatz zum Schlagen von Feuersteinen. Und ein Speerwurfplatz darf auch nicht fehlen.
Ein jungsteinzeitliches Hausdach war meistens mit Rinde von Linde oder Birke bedeckt, die Flechtwerkwände hat man mit Lehm verkleidet. Es gibt also noch einiges zu tun und auszuprobieren.
Kinder sind häufig zu Gast bei Marion Kanczok. An diesem Nachmittag schleppen Christopher (10) und Kollmann (10) Äste und kleine Baumstämme zur jungsteinzeitlichen Baustelle. Sie haben schon beim Bau des Backofens geholfen und sind auf den Geschmack gekommen. Zusammen mit Henny (7) wollen sie unbedingt noch einmal das Einkorn mahlen – mit einem dicken Stein auf einer Steinplatte.
Die Archäologin lässt sich nicht lange bitten, jungem Forscherdrang gibt sie in ihrem Garten gern Zeit und Raum.
Die Steinzeit ist weltweit die früheste Epoche der Menschheitsgeschichte. Sie begann – nach dem heutigen Kenntnisstand – mit dem ältesten gefundenen Steinwerkzeugen vor etwa 2,6 Millionen Jahren in Afrika. In Mitteleuropa wird die Steinzeit von der Frühbronzezeit etwa um 2200 v. Chr. abgelöst.
Im Steinzeitgarten von Marion Kanczok finden Workshops rund um das Thema Steinzeit, Bronzezeit, Werken und Leben für Jung und Alt statt. Zum Angebot gehören Filz-, Back- und Töpfer-Kurse. Die neolithische Hauskonstruktion und Jagdwerkzeuge der Eiszeitjäger sind weitere Themen. Um Höhlenmalerei in der Altsteinzeit geht es in einem Workshop am 25. und 26. Juli für Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahren.
Der Garten, Bunkenburger Weg 12, kann nach vorheriger Anmeldung unter
