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NWZonline.de Ratgeber

Fantastische Welt der Wunder im Watt

08.08.2015

Tossens Es knistert im Watt. Und zwischendurch scheint es um mich herum zu spucken. „Das sind Schlickkrebse und Herzmuscheln“, sagt Simone Izadpanah und lacht. Unzählige Stunden hat die Wattführerin schon im Watt verbracht und nur den Geräuschen der Natur gelauscht. „Es ist, als ob die Zeit anders tickt. Sobald ich im Watt bin, lasse ich Ärger und Stress zurück“, erzählt die 42-Jährige.

Auf Spurensuche

Viele Länder hat sie schon bereist: Indien, Kuba, Indonesien, ihre innere Ruhe aber findet sie direkt vor der Haustür in Tossens in der Gemeinde Butjadingen (Kreis Wesermarsch). Dort führt sie Touristen und Einheimische in kleinen Gruppen ins Weltnaturerbe und begibt sich mit ihnen auf Spurensuche. Wer mit der dunkelhaarigen Frau losmarschiert, hat keine andere Wahl: Er muss das Watt lieben – so sehr kann Simone Izadpanah begeistern.

Was mich betrifft: Ich bin skeptisch. In Jever aufgewachsen, hatte ich das Meer zwar viele Jahre direkt vor der Nase, doch wirklich gepackt hat es mich nie. Wenn Freunde von endloser Weite, Wellen und Wind redeten, dachte ich an Quallen, Ebbe und verregnete Sommer und sehnte mich nach türkisblauem Wasser und Dauerflaute. Erst mit Ende 30 entdeckte ich bei einem Besuch auf Spiekeroog meine Liebe für den Norden. Doch für eine geführte Wattwanderung hat es bis zum heutigen Tag nicht gereicht.

Während ich noch meinen Kindheitserinnerungen nachhänge, zeichnet Simone Izadpanah mit einem Stock eine etwa ein Quadratmeter große Fläche ins Watt und entdeckt mit mir den Lebensraum: Da ist die Herzmuschel mit ihrer welligen Außenstruktur, die ihren Namen von ihrem herzförmigen Querschnitt hat. „Die gibt es in Tossens zuhauf. Sie lebt bis zu zwei Zentimeter unter der Sedimentoberfläche“, erzählt die Wattführerin. Und diese kleine Muschel filtriert Plankton aus dem Wasser – ganze 2,5 Liter pro Stunde schafft sie und „spuckt“ es anschließend wieder aus. Wer durchs Watt stapft, spürt sie – wie unzählige kleine Nüsse unter nackten Füßen.

Auch die Miesmuschel hat sich im „Wattquadrat“ auf einem Stein festgesetzt. Wellen, Wind und Sturm können dem Schalentier nichts anhaben, denn die haarfeinen Byssusfäden, mit denen sie sich festsetzt, gehören zu den stabilsten Materialien der Natur.

Und dann sind da auf dem Stein noch kleine weiße Kegel aus Kalk, die Seepocken. Die scharfkantigen Krusten können unter nackten Füßen ganz schön schmerzen.

Seepocken gehören zu den Krebsen. Als freischwimmende Larve fällt das „Seepöckchen“ im Moment der Anheftung die wichtigste Entscheidung seines Lebens: Es kann diesen Ort nämlich nie wieder verlassen! Der Klebstoff, mit dem die Krebstiere sich an Kaimauer, Muschel oder Schnecke zementieren, hält stärker als jeder andere in der Natur vorkommende Kleber.

Das Watt als Deutschlands bedeutendster Naturraum beherbergt viele solcher wunderbaren Geschichten. Auf einer Fläche von 11 500 Qua­dratkilometern leben über 10 000 verschiedene Lebewesen. Die Vielfalt reicht vom nahezu gewichtslosen Einzeller über Muscheln und Schnecken bis hin zur 200 Kilogramm schweren Kegelrobbe. Das Watt ist auch Drehscheibe des Vogelzugs: Zweimal im Jahr, im Herbst und im Frühjahr, rasten dort Millionen Zugvögel, um für die weite Reise zwischen ihren Brutgebieten im hohen Norden und ihrem Winterquartier im Süden Energie zu tanken.

Voller Geheimnisse

An uns vorbei zieht derweil ein Mann in hochgekrempelten Hosen und Feinripphemd. Mit von der Partie: Boxerhund „Emma“ – ohne Leine. Frei laufende Hunde gehören laut Nationalparkverwaltung tatsächlich zu den häufigsten Störungen im Watt.

Auch mich stört der Vierbeiner, denn Simone Izadpanah hat ihre Lieblingsmuschel ausgegraben: Die Pfeffermuschel lebt ganze 15 Zentimeter tief im Wattboden. „Wir schauen ihr jetzt zu, wie sie sich wieder eingräbt, das kann aber eine Weile dauern“, sagt sie. Geduld ist also gefragt und Bodenerschütterungen stören da nur. „Emma“ sieht das anders. Fröhlich springt der Hund um uns herum – die Pfeffermuschel rührt sich genauso wenig wie der Hundebesitzer. Wir müssen etwas deutlicher werden, bis „Emma“ endlich den Rückzug antritt. Und dann traut sich auch die Pfeffermuschel: Vorsichtig schiebt sie ihren Grabfuß aus dem Spalt, kippt langsam in die Senkrechte und beginnt sich einzugraben. Nach wenigen Minuten ist sie lautlos verschwunden.

Wir setzen unsere Wanderung fort, marschieren durch Priele und beobachten Garnelen und Strandkrabben im glitzernden Wasser. Noch einmal sticht Simone Izadpanah mit der Forke ins Watt – dieses Mal suchen wir den berühmten Wattwurm: „Zu jedem Loch gehört ein Wurm“, erklärt sie. Schnell wird sie fündig, immerhin leben 40 Würmer auf einem Quadratmeter.

Es gibt definitiv hübschere Tiere als diesen 20 bis 35 Zentimeter langen Zeitgenossen – aber er ist sehr nützlich fürs Watt, denn er pflügt gewissermaßen den Boden, befördert Nährstoffe nach oben, baut totes Pflanzenmaterial ab und reichert den Boden mit Sauerstoff an. Innerhalb eines Jahres fressen die Wattwürmer das gesamte Nordseewatt bis zu 20 Zentimeter Tiefe und scheiden es wieder aus. Zurück bleiben die berühmten „Spaghettihäufchen“.

Langsam kommt die Flut, und wir kehren um. Längst hat auch mich die Ruhe eingeholt, und ich sehe das Watt mit anderen Augen: ein Lebensraum voller Wunder und Geheimnisse, dessen Schönheit entdeckt werden will – mit Geduld und Zeit.

Durchs Wattdürfen nur amtlich zugelassene Wattführer führen – und zwar nur in jenem Teil des Wattenmeeres, für den sie ihre Prüfung abgelegt haben. Wer Wattführer werden will, muss Gesundheits-, Schwimm- und Führungszeugnis vorlegen, eine Erste-Hilfe-Ausbildung nachweisen und eine bestimmte Stundenzahl, die man einen Wattführer begleitet hat.

In Niedersachsen muss jeder Antragsteller bei der Nationalparkverwaltung eine zweistündige mündliche Prüfung abgelegen. Der vierköpfige Prüfungsausschuss fragt Sicherheitsvorschriften, Ortskenntnisse im betreffenden Wattgebiet, Wetterkunde, Kompasskunde, ornithologisches und botanisches Fachwissen sowie die Navigation auf einer Seekarte ab.

Zur Pflichtausrüstung eines Wattführers gehören zehn Dinge: Kompass, Rettungsseil, Rettungsdecke, Erste-Hilfe-Ausrüstung, Uhr, Trillerpfeife, Fernglas, Notsignalmittel, Handy oder Funkverbindung und Seekartenausschnitte.


     www.nationalpark-wattenmeer.de 
Katja Lüers Redakteurin / Redaktion Westerstede
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