Helgoland - „Austi“ liebt Käse. Und er weiß, wo er welchen bekommt. Jeden Morgen stolziert der Austernfischer zum Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr am Hafen, pocht mit dem feuerroten Schnabel dreimal gegen die Eingangstür – tock, tock, tock – und holt sich sein Frühstück ab. Die Jungs von der Feuerwache warten schon auf ihn. „Nur für Austi“, steht auf der Käsepackung, die stets griffbereit im Kühlschrank liegt.
Toleranz und Respekt
Erlebnisse wie diese gehören zu den stillen Kostbarkeiten auf Helgolands Nachbarinsel, der Düne. Gerade mal 1000 Meter lang und 700 Meter breit ist das kleine Naturparadies aus Kalk und Sand. Es gibt keine spektakuläre Felsenküste, keine Einkaufsstraßen und zum Glück auch keinen Rummel. Die üblichen Tagestouristen verirren sich – schon aus Zeitgründen – nur selten dorthin. Dafür trifft man auf dem Mini-Eiland zunehmend Naturfreunde und Fotografen.
Nirgendwo sonst, so heißt es, kann man Seevögel und Robben so hautnah beobachten. Gut möglich, dass beim Schwimmen im Meer plötzlich eine glatzköpfige Kegelrobbe neben dem Badegast auftaucht oder dass Passagiere auf dem kleinen Inselflughafen geduldig warten, weil ein paar Seehunde auf der Startbahn gerade ihr Mittagsstündchen halten. Man begegnet sich mit Toleranz und Respekt – und wird dafür mit unvergesslichen Begegnungen belohnt.
Gleich links vom kleinen Dünenhafen beginnt der Nordstrand. Da liegen sie, dicht an dicht, wie schwergewichtige Strandurlauber: Kegelrobben und Seehunde. Die einen bis zu sechs Zentner schwer mit der typisch kegelförmigen Schnauze, die anderen deutlich kleiner, mit rundem Mondgesicht und Kulleraugen. An menschliche Besucher haben sich die gemütlichen Speckwalzen längst gewöhnt. Die meisten heben nur träge den Kopf, ein herzhaftes Gähnen, dann wird weiter gedöst. Andere räkeln sich genüsslich und in geradezu akrobatischer Manier vor den Fotografen oder kratzen sich mit den Vorderflossen lässig den Pelz.
Es ist wunderbar, sich mit gebührendem Abstand einfach in den Sand zu setzen und in Augenhöhe mit den Robben die Zeit zu vergessen. So behäbig sie an Land wirken, so temperamentvoll wird’s im Wasser. Übermütig balgen sich die „größten Raubtiere der Nordsee“ in den Brandungswellen. Schwarze Schatten schießen mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 35 Stundenkilometern knapp unter der Wasseroberfläche dahin – die nächste Fischmahlzeit ist ihnen sicher.
Das wohlige Geschnaufe der Robben noch in den Ohren geht es weiter zur Aade, dem Steinstrand im Osten der Düne. Dort warten Naturtöne ganz anderer Art. Mit jedem Wellenschlag, der an das Ufer schwappt, tanzen die feinen Kiesel im klingenden Meeresreigen. Sammler finden in dieser glitzernden Schatzkiste Bernstein, Fossilien und den auf der ganzen Welt einzigartigen „Roten Feuerstein“. Sein Herz ist purpurrot und wunderschön gezeichnet.
Feinsandiger Strand
Eiderenten dümpeln nahe am Strand. Auch sie fast ohne Scheu. Die Herren im auffälligen Federkleid, schwarz-weiß-grau mit grafischen Mustern, ein erster Preis im Natur-Design. Unaufhörlich umwerben sie die Damenwelt. Ihre Stimmen heulen wie der Wind, ein dunkles, kräftiges „Ohuuuu“. Darüber, mit großem Flügelschlag, der raue Schrei der Heringsmöwen.
Weiter südlich lockt ein feinsandiger Badestrand mit rotgeringeltem Leuchtturm, Strandkörben und einem einfachen Restaurant. Am liebsten sitzt man draußen. Was die cleveren Austernfischer zu nutzen wissen. Längst haben sie entdeckt, wie man an die leckeren Pommes kommt. Selbstbewusst – und zur Freude der Besucher – patrouillieren sie zwischen Klappstühlen und Tischen.
Wer morgens mit den Seevögeln aufstehen und mit den Robben zu Bett gehen will, nistet sich am besten gleich für mehrere Tage auf der Düne ein. Nett sind die gerade erst neu entstandenen, bunten Holzhütten im Schwedenstil, direkt am Hafen. Auch dort kommen gern Austernfischer oder Enten „zu Besuch“.
Wenn es dann dunkel wird, der Blick rüber nach Helgoland geht auf die Lichter der kleinen Stadt am Felsen und wenn der alte Leuchtturm im steten Puls seine Signale in die Ferne schickt, spürt man ihn ganz deutlich, diesen fabelhaften Abstand zwischen sich und dem Rest der Welt.
