• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • Veranstaltungskalender
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
  • Über uns
 
NWZonline.de Ratgeber

Geschichte: Ostfriesischer Kapitän hilft Freiheitskämpfern

06.08.2022

Der erste deutsche Kapitän, der das berühmt-berüchtigte Kap Horn umsegelte, war sehr wahrscheinlich ein Ostfriese. Im Sommer 1822 brach Hikke Janssen de Bloom in Amsterdam mit der Fregatte „Harmonie“ zu einer Reise nach Südamerika auf. Sein Logbuch gilt zumindest als das älteste erhaltene Journal einer Kap-Horn-Umsegelung in deutscher Sprache. Spannend ist die Lektüre nicht zuletzt auch deshalb, weil das Schiff und seine Besatzung mitten hinein gerieten in die Unabhängigkeitskämpfe von Simón Bolívar und seinen Mannen gegen die Spanier.

Hikke Janssen de Bloom wurde 1781 als Spross einer ostfriesischen Seefahrerfamilie in Westaccumersiel geboren. Nachdem er seinen Vater bereits 1783 infolge eines Schiffsunglück verloren hatte, wuchs er bei der Mutter auf. Der Schicksalsschlag hinderte den Sohn nicht daran, in die Fußstapfen seines Erzeugers zu treten. Die Fahrt mit der „Harmonie“, die 1814 gebaut wurde und auf der de Bloom spätestens ab 1817 das Kommando führte, war offensichtlich seine letzte große Reise als Kapitän. Das Schiff hatte eine Raumtiefe von 4,51 Metern. Es war 26,4 Meter lang und 5,28 Meter breit.

Reiseberichte verfasst

Das Logbuch hat der Heimatforscher Karl-Heinz Wiechers in einer 1979 neu veröffentlichten und ausführlich kommentierten Fassung noch einmal gründlich aufgearbeitet. Als zusätzliche Quelle nutzte er einen auf Briefen des Kapitäns basierenden Reisebericht, der zwischen dem 10. und 14. Juli 1824 in einer Emder Zeitung abgedruckt war. Das erhalten gebliebene Journal setzt erst am 26. November 1822 ein. Laut dem Zeitungsbericht hatte die „Harmonie“ zuvor aus Amsterdam „nach einer bald widerwärtigen, bald glücklichen Fahrt von 77 Tagen“ am 3. Oktober 1822 Rio de Janeiro erreicht.

Die Mannschaft bestand hauptsächlich aus Ostfriesen, wobei neben dem Kapitän lediglich ein weiteres Mitglied namentlich erwähnt wird. Ob überhaupt und mit was die Fregatte bis dahin befrachtet war, ist nicht bekannt. Das Journal vermerkt, dass für die anstehende Reise nach Callao, den Hafen von Lima, „Mehl, Butter, Jenever, Bier nebst Tee und Pech“ geladen wurden. Wiederum dem Zeitungsbericht zu entnehmen ist, dass in Rio Passagiere an Bord gingen, darunter ein „halber Doktor“, der den Kapitän später an der Küste vor Feuerland nach einer fünftägigen Krankheit heilen sollte.

Am 3. Januar 1823 erblickte die Mannschaft Kap Horn, das sich aber bald „wieder in stürmischem Dampf und Schneegestöber verlor“. Die Umsegelung des Kaps vom 50. atlantischen bis zum 50. pazifischen Breitengrad dauerte 35 Tage. Das war länger als erwartet, weswegen irgendwann die Wasservorräte knapp wurden und der Kapitän sich gezwungen sah, die Ausgabe auf eine Flasche pro Mann und Tag zu rationieren. Auch die ursprünglich 150 an Bord befindlichen Nutztiere bekamen den Mangel spüren. Bis auf ein paar Hühner und Schweine starben die meisten von ihnen „teils vom Durst verschmachtet, teils bei Kap Horn ertrunken oder, selbst Schweine, vor Kälte, erstarrt.“

„Falsche“ Fracht

Von Callao segelte die „Harmonie“ nach Guayaquil. Geplant war dort Kakao für Europa zu laden und sich dann wieder auf den Rückweg zu machen. Doch daraus wurde vorerst nichts. Simón Bolívar und seine Truppen, die zuvor die Region um Venezuela, Kolumbien und Ecuador von den Spaniern befreit hatten, schickten sie sich nun an, ihren Unabhängigkeitskrieg in Peru fortzusetzen. Um ihre Soldaten zu transportieren, requirierten sie kurzerhand Schiffe aller Herren Länder wie sie eben gerade vor der Küste verfügbar waren, darunter auch die „Harmonie“.

Nachdem die am 25. April den Hafen von Guayaquil erreicht hatte, wurden Hikke Janssen de Bloom und ein englischer Kapitän zu einem Gespräch mit Simón Bolívar gebeten. Die Unterhaltung dauerte rund eine halbe Stunde. Worüber geredet wurde ist zwar nirgendwo dokumentiert. Es dürfte jedoch mit ziemlicher Sicherheit um die die Einbindung der Schiffe in die militärischen Auseinandersetzungen gegangen sein.

Quälende Hitze

Während des Aufenthalts in Guayaquil herrschte eine quälende Hitze. Ob die „Harmonie“ dort bereits Truppen aufgenommen hat, geht weder aus dem Logbuch noch aus den Zeitungsberichten hervor. Karl-Heinz Wiechers hält es für durchaus möglich. Als die Fregatte am 2. Juli in Callao die Anker lichtete, waren jedenfalls 350 Soldaten und ein Korps von 30 Musikanten an Bord. Die Fahrt führte dieses Mal gen Süden in die kleine Hafenstadt Atiquipa.

Als nächstes hätte der Kapitän Quilca anlaufen sollen. Weil dies wegen starker Strömung und schwacher Winde nicht ging, segelte die „Harmonie“ stattdessen weiter runter bis zur heutigen chilenischen Küste. Wasser und Proviant wurden erneut knapp, was beinahe fatale Konsequenzen gehabt hätte. Die Soldaten waren drauf und dran, die komplette Schiffsmannschaft über Bord zu werfen. Nur das Einschreiten eines Hauptmanns verhinderte dies. Er ließ die Rädelsführer festnehmen und hinrichten. Die übrigen Truppen wurden ein paar Kilometer unterhalb von Atiquipa abgesetzt und mussten den Rest des Weges dorthin zu Fuß laufen.

In den nächsten Wochen und Monaten transportierte die „Harmonie“ zusammen mit anderen Schiffen mehrfach Truppen entlang der peruanischen Küste und hatte so maßgeblichen Anteil daran, dass das Land seine Unabhängigkeit erfolgreich verteidigte.

In einem Eintrag datiert vom 28. Oktober 1823 steht nachzulesen, wie zu Ehren „des Libertadors und Generalissimus S. Bolívar“ die Tops der Masten „vielfach mit fliegenden Fahnen gezieret“ waren und eine Kanonensalve abgefeuert wurde. „Ihr folgte eine freudige Feldmusik mit Trommelwirbel und Pfeifenklang, durch welche die schmetternden Trompeten hallten und ‘Viva Patria, Viva Bolívar!’ gerufen wurde“, heißt es in dem Eintrag weiter. „Nach dem Salut auf der Harmonie folgten die Schüsse auf den anderen Transportschiffen und um 6 Uhr auf den Kriegsschiffen. Des Mittags gab es ein großes Diner an Bord der Harmonie, und abends war Ball im Dorf Parcaca, zu welchem Zweck unsere Musikkapelle ausgeschifft und dorthin gebracht wurde, damit sie dort spielte. Um 10 Uhr abends erhielten wir die Order, am anderen Morgen die Truppen auszubooten.“

Sympathie für Rebellen

Wenngleich der Kapitän aus Ostfriesland nicht nur in dieser Passage spürbare Sympathien für die südamerikanischen Freiheitskämpfer offenbart, betrachtete er die Kooperation wohl in erster Linie als Geschäftsmann. Für die Transporte kassierte er nämlich Frachtgelder. Abgesehen davon wurde die „Harmonie“ regelmäßig mit Proviant und Wasser versorgt. Trotzdem reagierte Hikke Janssen de Bloom sichtlich erfreut, als er am 11. November 1823 erfuhr, dass seine Dienste und die der „Harmonie“ bald nicht mehr benötigt würden. „Dazu hatte ich die schriftliche Bestätigung vom Libertador J.S. Bolívar eigenhändig unterschrieben, daß ich 24 Stunden, nachdem ich meine Truppen gelandet, meine Freiheit hätte und mit der Harmonie segeln könne, wohin ich wolle“, schrieb der Kapitän.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den Wirtschafts-Newsletter der Nordwest Mediengruppe erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Ohne Soldaten ging es anschließend nach Guayaquil, um endlich die längst überfällige Ladung Kakao an Bord zu holen. Am 20. Januar 1824 verließ die Fregatte den Hafen und erreichte nach einer im Vergleich zur Hinreise wesentlich entspannter verlaufenden Umsegelung von Kap Horn am 11. April Rio de Janeiro. Von dort führte Reise ab dem 1. Mai mit einem Zwischenstopp in Gibraltar weiter nach Amsterdam.“ Der letzte Eintrag stammt vom Sonntag, 12. September 1824. Er schließt mit dem Satz: „Gott sei gelobt für diese bis jetzt glücklich vollbrachte fatale Reise.“

Die „Harmonie“ erlebte noch eine ganze Reihe an Kapitänen. Von 1831 bis 1845 gehörte das Schiff einem Amsterdamer Reeder, der es 1845 verkaufte. Danach verliert sich seine Spur. Hikke Janssen de Bloom erwarb 1824 in Westaccumersiel eine 1805 erbaute Sägemühle, die er in Erinnerung an seine einstige Fregatte auf den Namen „Harmonie“ taufte. Gestorben ist er am 2. Juni 1852.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.