Im Nordwesten - Wenn Volker Landig die Tür zum Gröschler-Haus öffnen will, muss er erst die Alarmanlage deaktivieren. Dass das unscheinbare Haus an der Großen Wasserpfortstraße in Jever so gut gesichert ist, liegt nicht daran, dass Einbrecher dort fette Beute machen könnten. Der Grund für die Alarmanlage ist das, was dieses Haus symbolisiert: „An genau dieser Stelle stand einst die Synagoge der jüdischen Gemeinde“, sagt Volker Landig vom Vorstand des Arbeitskreises Gröschler-Haus. Er hat das „Zentrum für Jüdische Geschichte und Zeitgeschichte der Region“ gegründet und vor zehn Jahren eröffnet.
Jetzt, nach dem Brandanschlag auf die Synagoge in Oldenburg, werde umso klarer: „Synagogen sind symbolische Orte, auf die man aufpassen muss“, sagt Volker Landig. Und das gelte auch für das Gröschler-Haus. Das Gebäude, das 1954 auf dem leeren Grundstück der ehemaligen Synagoge errichtet wurde, ist keine Gedenkstätte. Es ist ein Ort der lebendigen Erinnerung an eine jüdische Gemeinde, die heute nicht mehr existiert.
Rußfleck von 1938
Wenn Volker Landig durch die Ausstellung führt, steht er irgendwann im hinteren Bereich vor großen Glasplatten, durch die die Besucher in den Keller schauen können. Dort zu sehen ist die Treppe, die einst in die Mikwe führte, das rituelle Reinigungsbad der Gläubigen. Dieser Bereich steht unter Denkmalschutz, nichts wurde verändert. An der Wand sieht man noch heute einen großen Rußfleck, ein Überbleibsel der unvorstellbaren Gewalt gegen Jüdinnen und Juden, die mit symbolischer Gewalt gegen ein Gebäude begann: Die Synagoge in Jever wurde am 9. November 1938 in Brand gesteckt – wie viele andere Synagogen beim Novemberpogrom in Deutschland. Was blieb, war eine Ruine.
Mithilfe des Bildes der verkohlten Brandruine und von historischen Fotos, die das Gebäude von außen zeigen, hat Reunion Media aus Norden das Innere des Hauses digital rekonstruiert.
Reunion Media
Volker Landig hat das Gröschler-Haus vor zehn Jahren eröffnet. Die Aufarbeitung der Geschichte begann aber schon Jahrzehnte früher.
Sandra Binkenstein
Eines der wenigen Bilder, die die Synagoge zeigt: Gebaut wurde sie 1880 im maurischen Stil, um sich von christlichen Gotteshäusern abzuheben.
Gröschler-Haus
Durch Glasplatten, die in den Boden eingelassen wurden, können die Besucher des Gröschler-Hauses die frühere Mikwe sehen, in der die Gläubigen ihre rituelle Reinigung vollzugen haben. Am Treppenaufgang an der Wand prangt noch heute ein Rußfleck: ein Überbleibsel vom Brand der Synagoge am 9. November 1938.
Sandra Binkenstein
Das Gröschler-Haus an der Großen Wasserpfortstraße 19 in Jever. An dieser Stelle stand einst die Synagoge.
Sandra BinkensteinDer Tag nach dem Brand ist auf einem Bild festgehalten, das so groß und eindrücklich an der Wand des Gröschler-Hauses zu sehen ist, dass die Besucher den kalten Rauch fast riechen können: Verkohlte Balken auf Schutt und Asche, das kahle Mauerwerk von Ruß bedeckt, ein eiserner Davidstern liegt in den Trümmern.
Es ist das einzige Foto, das vom Inneren der Synagoge existiert. „Aufgenommen wurde es von einem Wehrmachtssoldaten“, sagt Volker Landig. Doch jetzt ist es Besuchern möglich, die Synagoge, so wie sie einst gewesen sein muss, bei einem virtuellen Rundgang von innen zu sehen: Besucher des Gröschler-Hauses haben die Möglichkeit, eine Virtual-Reality-Brille aufzusetzen und sich so von einem Moment auf den anderen in einer anderen Welt wiederzufinden – in einer Rekonstruktion der Synagoge, wie sie einst ausgesehen haben muss.
Das Gröschler-Haus an der Großen Wasserpfortstraße 19 in Jever ist das Zentrum für Jüdische Geschichte und Zeitgeschichte der Region Friesland/Wilhelmshaven. Es befindet sich auf dem Grundstück der 1938 im Novemberpogrom zerstörten Synagoge von Jever. Die Dauerausstellung zeigt auf 160 Quadratmetern die Geschichte der Juden Jevers.
Die Öffnungszeiten sind dienstags und freitags von 10 bis 12 Uhr sowie donnerstags von 15 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei, der Arbeitskreis finanziert die Ausstellung und seine Arbeit über Spenden.
Wer die Virtual-Reality-Brille ausprobieren möchte, sollte sich vorher anmelden. Unter Tel. 04461/96 44 26 (Volker Landig) und unter Tel. 04421/44381 (Hartmut Peters) sowie per Mail an info@groeschlerhaus.eu können Termine vereinbart werden.
Detailgetreue Rekonstruktion
Mithilfe des Bildes der verkohlten Brandruine und von historischen Fotos, die das Gebäude von außen zeigen, hat Reunion Media aus Norden das Innere des Hauses digital rekonstruiert. „Setzt man die Brille auf, findet man sich unter der großen Kuppel wieder. Man geht die Treppe hinauf auf die Empore, man schaut auf den Thora-Schrein und auf das Lesepult, von dem aus der Rabbiner gesprochen hat“, beschreibt Landig den virtuellen Rundgang. Er und das Team vom Arbeitskreis Gröschler-Haus haben sich alle Mühe geben, zur detailgetreuen Rekonstruktion beizutragen: „Wir haben zum Beispiel die Gottesdienstordnung für den Einweihungsgottesdienst von 1880 im November. Dort steht, es wurde gesungen – und wenn ein Chor singt, muss es ein Musikinstrument geben. Also haben wir ein Harmonium in die Synagoge gestellt“, sagt Landig. „Wie der Fußboden ausgesehen hat, wissen wir, weil wir hier im Dreck ein paar Fußbodenfliesen gefunden haben, so wie Reste von den Scheiben.“
