Oldenburg - Wer es eilig hat, kann den Eingang zur Anlage der Osternburger Gartenfreunde am Marschweg leicht übersehen. Mit dem ersten Schritt steht der Besucher im Grünen, ins Vogelgezwitscher mischt sich das Rauschen des Verkehrs auf der nahen Autobahn. „Wenn Sie hier ein paar Tage verbracht haben, hören Sie das nicht mehr“, versichert Klaus Stiedenrod (70), Kleingärtner aus Leidenschaft.
Wein und Zierfische
Das älteste Gartenhaus in der Anlage ist von 1938, die lange brachliegende Parzelle hat vor Kurzem eine alleinerziehende Mutter eines zwölfjährigen Sohns übernommen und vollkommen umgekrempelt. Ein großes Trampolin nimmt jetzt den meisten Platz im Garten ein. Der Junge müsse sich doch austoben können und Spaß haben, nehmen es die Kleingärtner mit einstmals strengen Regeln nicht mehr ganz so genau.
Wer mehr Wert auf Blumenbeet und Zierfischteich als auf den Anbau von Obst und Gemüse legt, darf das tun. Ralf Oetter hegt und pflegt zum Beispiel drei Reihen Weinreben auf seiner Parzelle und keltert alljährlich seinen Oldenburger Wein. „Schmeckt köstlich“, sind sich seine Nachbarn einig.
Die Kleingärtner am Marschweg pflegen eine gute Nachbarschaft. Man hilft sich gegenseitig bei der Gartenarbeit, hält Klönschnack am Gartenzaun und trinkt zusammen Kaffee. „Einer trägt den anderen“, erklärt Stiedenrod. Die meisten Hobbygärtner sind um die 70, manche schon über 80, aber in jüngster Zeit sind auch einige junge Familien hinzugekommen. Zum Glück, findet Stiedenrod. Es geht multikulturell zu, Deutsche, Russen und Syrer frönen der Gartenarbeit und feiern zusammen, zum Beispiel beim alljährlichen Sommerfest. „Wir sind eine soziale Gemeinschaft“, sagt Stiedenrod.
Der 70-Jährige hat sich schon als Kind im Schrebergarten wohlgefühlt und als Ruheständler seine alte Liebe wiederentdeckt. Er hat die Parzelle samt Hütte und allem Drum und Dran vor einigen Jahren von einer Zahnärztin übernommen und sich in die Arbeit gestürzt. Bevor er aber Salat, Kartoffeln, Stangenbohnen, Kürbis und Sellerie ernten kann, führt er einen ständigen Kampf gegen Giersch und Schachtelhalm. „Da muss man dranbleiben und immer was tun. Das ist gesund.“
Tatkräftige Nachbarn
Dem kann Anke Brüning, seit Jahrzehnten Kleingärtnerin, nur zustimmen. „Ich bin jeden Tag hier und hab immer was zu tun. Das hält mich fit. Mir würde sonst was fehlen“, sagt sie. Ihre Nachbarn haben im vergangenen Jahr ihrer Hütte einen neuen Anstrich verpasst. In diesen Tagen müsste die Hecke dringend geschnitten werden. Auch dabei werden die Nachbarn tatkräftig helfen, und sie wird sich mit Kaffee und Kuchen revanchieren.
Eine Schubkarre mit Strauchschnitt und Unkraut steht vor der Parzelle von Gertraud Dötzer. Das sieht nach harter Arbeit aus. „Jiá su“, wird Stiedenrod von der Oldenburgerin auf Griechisch begrüßt. Man kennt sich aus einem Sprachkurs an der Volkshochschule, in der Gartenanlage frischen beide hin und wieder ihre Griechischkenntnisse auf. „Das ist hier mein Paradies“, sagt die Kleingärtnerin und macht sich gleich wieder an die Arbeit in den Beeten. Zu tun gibt es immer was – auch im Paradies.
Die Osternburger Gartenfreunde unterhalten 13 Anlagen im Oldenburger Stadtgebiet. Die jährlichen Kosten für eine Parzelle betragen 0,31 Euro pro Quadratmeter und 50 Euro Mitgliedsbeitrag. Dazu kommen gegebenenfalls die Ablösesumme für die Laube an den Vorpächter sowie Wasser- und Stromkosten. In Oldenburg gibt es außerdem die Kleingärtnervereine Bürgerfelde, Eversten-Bloherfelde, Oldenburg, Donnerschwee-Ohmstede und Nord.
Der Kleingartenverein Kappeln bei Flensburg besteht seit 200 Jahren und ist damit der älteste in Deutschland. 1814 verpachtete Pastor Schröder 24 Gartenparzellen auf Kappelner Kirchenland an bedürftige Familien. Der Leipziger Arzt Moritz Schreber (1808–1861) hatte mit all dem nichts zu tun. Die bekannten Schrebergärten gehen nicht auf seine Initiative zurück. Im 1865 eröffneten und nach ihm benannten Schreberpark in Leipzig legte der Lehrer Heinrich Karl Gesell die Gärten als Beschäftigungsmöglichkeit für Kinder von Fabrikarbeitern an. Aus ihnen entwickelten sich später die abgezäunten Schrebergärten für Familien. Die historische Kleingartenanlage steht unter Denkmalschutz und beherbergt seit 1996 das Deutsche Kleingärtnermuseum.
Im Bundesverband Deutscher Gartenfreunde sind 20 Landesverbände mit insgesamt 15 000 Kleingartenvereinen zusammengeschlossen. Sie verwalten fast eine Million Kleingärten mit einer Fläche von 46 000 Hektar, die von rund fünf Millionen Gartenfreunden genutzt werden. Der Landesverband Niedersachsen hat 26 328 Mitglieder. Ostfriesland bildet einen eigenen Landesverband mit 1825 Mitgliedern, ebenso Braunschweig mit 33 729 Mitgliedern.
