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NWZonline.de Ratgeber

Wo die Guten und die Bösen vereint sind

27.04.2019

Hamburg Die Faerbers haben sie alle. Popstars und Schauspieler-Ikonen. Geistesgrößen und Ausnahmesportler. Demokraten und Alleinherrscher. Die Guten und die Grausamen. Im Hamburger Panoptikum tummeln sich über 120 internationale Prominente aus gut 500 Jahren.

In diesem Jahr steht das Panoptikum selbst im Mittelpunkt. Deutschlands ältestes und größtes Wachsfigurenkabinett feiert 140-jähriges Bestehen. Die Illusions-Institution wurde 1879 auf dem Spielbudenplatz gleich neben der Reeperbahn von dem Holzbildhauer Friedrich Hermann Faerber eröffnet. Dessen Urenkel Hayo Faerber (72) und seine Tochter Susanne (27) führen heute in fünfter Generation die Geschäfte des Familienunternehmens.

Neuzugang zum Jubiläum

Bevor Susanne Faerber von der Geburtstagsparty am 11. Mai erzählt, der Eröffnungstag fällt wie bestellt auf einen Samstag, eilt sie ins obere der vier Stockwerke. „Ein kleiner Notfall“, sagt die 27-jährige Chefin und präsentiert eine wächserne Hand mit zwei abgebrochenen Fingern. Unterm Dach des Panoptikums befindet sich die historische Abteilung mit den ältesten Figuren. Die Kaiser, Könige, Diktatoren, Wissenschaftler, Philosophen und Komponisten – von Napoleon Bonaparte bis Richard Wagner – stehen zwischen alten Möbeln in kleinen Kabinetten. Das Licht ist gedämpft. Im Hintergrund läuft leise Klaviermusik.

Dort befindet sich auch die kleine Werkstatt. Dort erhitzt Susanne Faerber routiniert Finger und Hand, fügt die Teile mit Drähten zusammen, retuschiert die Bruchstellen mit Bienenwachs und gibt Zar Nikolaus II. von Russland anschließend seine rechte Hand zurück. Schwarzes Klebeband unterm Uniformärmel soll den nächsten Handverlust möglichst lange hinauszögern. „Aber das passiert nun mal. Materialermüdung.“

Auf dem Weg zurück ins Erdgeschoss begegnen sich Tochter und Vater Faerber auf der Treppe. Hayo Faerber führt gerade eine Gruppe durchs Haus. „Wir machen alle alles“, erklärt Susanne Faerber im kleinen Büro neben der Kasse. Sie sei in dem 700 Quadratmeter großen Wachsfigurenkabinett aufgewachsen, erzählt sie, und habe bereits als Teenager gewusst, dass sie das Familienunternehmen fortführen will.

Den Weg dorthin ebnete ihr Vater, der mit den Wachsfiguren ursprünglich gar nichts zu schaffen hatte. Internist Hayo Faerber hatte eine eigene Praxis. Seine Frau Beate kümmerte sich seit den 1980ern ums Panoptikum. Sie krempelte die angestaubte Ausstellung um und machte das Wachsfigurenkabinett zu einer beliebten Anlaufstelle für Touristen und Tagesgäste. 2006 starb Beate Faerber.

Hayo Faerber entschied spontan, das Panoptikum so lange zu übernehmen, bis Susanne ihr Studium abgeschlossen hatte. Seit sechs Jahren teilen sich der ehemalige Arzt und die Wirtschaftswissenschaftlerin die Geschäftsführung und sind stolz darauf, die Familientradition fortzusetzen.

Anlässlich des 140-jährigen Bestehens veranstalten die Faerbers einen Tag der offenen Tür. „Am 11. Mai laden wir alle Hamburger ein und präsentieren eine neue Figur: Barbara Schöneberger.“ Warum ausgerechnet die Münchener Moderatorin, Schauspielerin und Sängerin? „Wir zeigen, was die Besucher interessiert. Dazu hatten wir einen Aufruf organisiert und gefragt, wer als nächstes bei uns einziehen soll. Es gab natürlich viele Vorschläge. Unsere Wahl fiel auf Barbara Schöneberger, die zahlreiche Befürworter hatte, und weil Frauen im Panoptikum unterrepräsentiert sind“, lautet die Antwort.

Kanzlerin aufgefrischt

Außerdem ganz wichtig: Die Personen müssen auch in drei bis fünf Jahren noch angesagt und damit Panoptikums-Magneten sein. Denn so lange sind die bis zu 50 000 Euro teuren Wachs-Doppelgänger Teil der Ausstellung, in der jährlich ein, zwei neue Figuren auftreten.

Papa und Tochter Faerber setzen im Konsens – „Wir streiten nie.“ – auf bewährte und junge Klassiker. In den vergangenen Jahren kamen neben Schlagerkönigin Helene Fischer auch Queen Elizabeth II. ins Hamburger Wachsfigurenhaus sowie die britische Sängerin Adele, US-Präsident Donald Trump und bereits zum zweiten Mal und optisch aufgefrischt Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Damit steht sie auf einer Panoptikums-Stufe mit Alt-Kanzler Helmut Schmidt, von dem es ebenfalls zwei Ausgaben gibt. Weitere Lieblinge sind Udo Lindenberg, Otto Waalkes, Vitali Klitschko und Dragqueen Olivia Jones vom Reeperbahn-Kiez.

Wachsfigurenkabinette waren schon immer Orte, an denen sich Unterhaltung und Bildung, Aufklärung und Grusel mischten. In Zeiten ohne Fernsehen und Internet sahen die Besucher lebensechte Nachbildungen ihrer Herrscher. Sie konnten sich in medizinischen Kabinetten über Krankheiten informieren und bekamen die aktuellen Massenmörder als Wachs-Dummys zu Gesicht.

Heute suchen die Besucher vor allem den Glamour-Faktor, wenn sie sich mit ihren Idolen fotografieren. Doch auf Wissensvermittlung legen Hayo und Susanne Faerber ebenso Wert – mit kostenlosen Audioguides und Rallyes für Schulklassen.

Seit knapp 30 Jahren fertigt Gottfried Krüger in seiner Berliner Werkstatt für plastische Gestaltung die meisten Figuren fürs Panoptikum. Seit einiger Zeit ordern die Faerbers auch bei Bildhauern in der Schweiz und in England. Die Künstler benötigen für ihre Werke neun Monate bis zwei Jahre. „Die Ähnlichkeit ist das A und O“, weiß Susanne Faerber. Aber die sei naturgemäß subjektiv, weil jeder ein anderes Bild „seines“ Promis abgespeichert habe. Entsprechend unterschiedlich fielen die Reaktion aus.

An der Herstellung der Wachsfiguren hat sich bis heute nichts geändert. Aus dem naturgetreu modellierten Tonkopf der betreffenden Person wird eine Gipshohlform hergestellt, die wiederum mit einer speziellen Wachsmischung ausgegossen wird. Die Kunst besteht anschließend darin, das Antlitz der Person so naturgetreu und lebendig wie möglich aus dem Wachs herauszuarbeiten. Die Illusion perfekt machen Glasaugen, echte Haare, Schminke und Maßkleider.

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