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NWZonline.de Ratgeber

Kleines Wunderwerk hat viele Väter

14.07.2018

Hamburg Für den Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890–
1935) blieb das gezackte Wunderwerk der Ingenieurs-Technik zeitlebens ein Mysterium: „Kein Mensch kann erklären, warum der Reißverschluss funktioniert!“ tönte das Lästermaul unter seinem Pseudonym Peter Panter 1928 in der „Vossischen Zeitung“. „Ich weiß es nicht, du weißt es nicht, wir alle wissen es nicht.“

Haken und Ösen

Das geniale Ding hat viele Väter: Ein gutes Dutzend Erfinder hat sich jahrzehntelang an seiner Technik abgearbeitet. Manch Tüftler verzweifelte darüber. Einer starb verkannt und bettelarm. Ein anderer wurde am Lebensende sogar für geisteskrank erklärt.

Die Geburt des Reißverschlusses beginnt ganz unten – an den Füßen. In hoch geknöpften Schuhen stolzieren die Bürger im 19. Jahrhundert über das Pflaster. Und es braucht viel Geschicklichkeit, die Galoschen mit Stiefelknöpfern zu bändigen. Ob Hosen, Jacken, Kleider, Korsetts – alles wird umständlich und zeitraubend zugeknöpft oder verhakt.

Das will ein Amerikaner ändern: Vor etwa 170 Jahren lebt in Boston ein sonderbarer Kauz: Elias Howe. Nächtelang hockt der Grübler in seinem elenden Dach­stübchen und weiß oft nicht, wie er seine hungernde Familie ernähren soll. 1851 meldet er ein Patent für seinen „automatischen, ununterbrochenen Kleiderverschluss“ an. Howes Idee ähnelt einem Kordelzug, der durch eine Reihe von Klämmerchen läuft. Ein Kon­strukt, das es nie zur Marktreife brachte.

Der späte Ruhm kommt dennoch: Als Howe 1867 nur 48-jährig in Brooklyn stirbt, hinterlässt der zum Fabrikant aufgestiegene Kauz von einst ein großes Vermögen: Howe ist der Erfinder der Nähmaschine!

Erst der Geistesblitz eines ehemaligen Leutnants bei der 22. Illinois US-Kavallerie führt zur Entwicklung des ersten echten Reißverschlusses: Um einem an Arthritis leidenden Freund das Schließen der Stiefel zu erleichtern, tüftelt Whitcomb Leonard Judson (1846–1909), ein Maschinenbau-Ingenieur und Handlungsreisender für Kornwaagen, an einer revolutionären Konstruktion: Am 29. August 1893 meldet er seinen auf Haken und Ösen basierenden Verschluss mit dem klangvollen Namen „Klemmöffner und Klemmschließer für Schuhe“ zum Patent an.

Noch im selben Jahr präsentiert Judson auf der Weltausstellung in Chicago seine bahnbrechende Idee. Doch die 21 Millionen Besucher der gigantischen Schau interessieren sich viel mehr für das weltweit erste elektrische Riesenrad und Amerikas erste Bauchtänzerin „Little Egypt“ als für das winzige Textil.

Judson ist untröstlich. Sein vollmundiges Werbe-Versprechen „Ein Zug und fertig!“ kann das kleine Wunderwerk nie einlösen: Allzu oft klemmt der Verschluss, oder er öffnet sich bei den unpassendsten Gelegenheiten. Den Siegeszug seiner Erfindung hat der Ur-Vater des Reißverschlusses nicht mehr erlebt. Judson stirbt 1909 verarmt in dem traurigen Glauben, dass seine Erfindung nie einen praktischen Nutzen haben wird.

Zweimal um die Erde

Ein Trugschluss: Einem ehemaligen Maschinenbau-Studenten am Rheinischen Technikum in Bingen gelingt acht Jahre später die entscheidende Weiterentwicklung von Judsons Lebenswerk: Mit dem „Seperable Fastener“ entwickelt 1917 der gebürtige Schwede Otto Frederik Gideon Sundbäck (1880–1954) den ersten serienreifen Reißverschluss. Der Ingenieur, der 1905 in die USA emigriert war, ersetzt die Haken und Ösen bisheriger Modelle durch ineinandergreifende Klemmbäckchen und Kügelchen.

Das US-Militär ist begeistert: Noch im selben Jahr werden die wetterfesten Uniformen der Navy mit Sundbäcks Reißverschlüssen ausgestattet, ebenso die Gummistiefel für die kämpfende Truppe in Europa zum Ende des Ersten Weltkrieges. Zur zivilen Anwendung kommt es erst später.

1923 bietet Sundbäck seine Erfindung in der Schweiz feil. Die Stickereibarone in St. Gallen amüsieren sich über den Amerikaner. Sie schicken ihn zum Bruchbandhändler Martin Othmar Winterhalter. Der erkennt den unschätzbaren Wert dieser visionären Erfindung sofort. Der Eidgenosse schwatzt Sundbäck für einige zehntausend Franken das Patent ab und entwickelt – ritsch­ratsch – aus dem amerikanischen Urtyp ein Verschlusssystem aus Rippen und Rillen – kurz „Riri“. Eine Revolution! Schon 1925 produzieren 1000 Arbeiter in Winterhalters erster Fabrik in Wuppertal zehn Kilometer „Riri“ täglich.

Eine geniale Erfolgsstory, die privat in einer Katastrophe endet: Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt der Unternehmer damit, religiöse Scharlatanerie großzügig zu sponsern und sein märchenhaftes Vermögen zu verschleudern. 1961 stirbt Winterhalter in einer Nervenklinik. Diagnose: paranoide Schizophrenie.

Salonfähig wird der Reißverschluss erst in den 30er Jahren. 1935 stattet erstmals in Deutschland das Münchner Modehaus Hirmer Herrenhosen mit Reißverschlüssen aus. Heute, 125 Jahre nach Judsons „Klemmöffner und Klemmschließer“, werden allein in Deutschland jährlich um die 70 Millionen laufende Meter Reißverschluss produziert. Soviel, dass man ihn zweimal um den Erdball wickeln könnte.

Die Produktion brummt. Heute verbraucht ein Mensch in den Industrieländern zu Lebzeiten im Schnitt mehr als 20 Meter Reißverschlüsse. Weltweiter Marktführer ist ein japanischer Konzern.

Die drei Buchstaben YKK – wer kennt sie nicht? Sie zieren Reißverschlüsse in der ganzen Welt. Der Gigant produziert etwa die Hälfte des weltweiten Bedarfs. Besuche in der deutschen Zentrale in Mainhausen sind unerwünscht. Keine Fotos, keine Infos aus dem Reißverschluss-Imperium. Alles zu. „Wir zeigen nichts aus der Produktion!“, sagt die japanische Marketing-Mitarbeiterin Naomi Kotani.

Einer der größten Reißverschlüsse dümpelt in ewiger Dunkelheit: Das Monstrum liegt auf dem Grund des Atlantiks und hält die Schutzhülle eines Telefonkabels zusammen. Seine Länge erreicht 632 Meter, sein Gewicht beträgt 43 Kilogramm.

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