Hamburg - Im Zweiten Weltkrieg standen auf dem Dach des grauen Hochbunkers im Herzen Hamburgs vier Flugabwehrkanonen. Eine in jede Himmelsrichtung. Heute zeugen noch die rostigen Verankerungen in den Geschütztürmen von den Waffen. Drumherum wird seit fast drei Jahren gebaut. Um fünf pyramidenartige Etagen aufgestockt und großflächig bepflanzt, soll der denkmalgeschützte Betonbau im Stadtteil St. Pauli zum nächsten Wahrzeichen der Hansestadt werden. Bis die ersten Besucher vom 58 Meter hohen Dachgarten über Hamburg blicken können, werden aber noch Monate vergehen.
„Vor zwei Monaten wurde die oberste Decke betoniert, damit ist der Rohbau fast fertig. Aktuell wird am Innenausbau gearbeitet“, erklärt Projektsprecher Frank Schulze auf der Baustelle. Im Laufe des Jahres wolle man fertig sein. „Wann genau, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen.“
Das Bautempo hänge stark von unbeeinflussbaren Faktoren wie anhaltender Baustoffknappheit ab. Ursprünglich war das Ende der Arbeiten für 2021 angepeilt worden. Coronabedingte Probleme und Lieferengpässe hätten aber für Verzögerungen gesorgt.
Neuer Erholungsraum
Die Bunker-Umgestaltung sorgt seit Jahren für Aufsehen – und das auch über die Grenzen der Hansestadt hinaus. So berichtete unter anderem die „New York Times“ oder der Nachrichtensender CNN über das Projekt. Das hat gute Gründe: Der Hamburger Bauherr Matzen Immobilien, für den Schulze spricht, will den Klotz in der Nähe des Millerntorstadions in einen neuen Erholungsraum verwandeln. Dafür gibt er mittlerweile mindestens 60 Millionen Euro aus – 35 Millionen mehr, als geplant. Ausgaben, die durch die Vermietung refinanziert werden sollen.
Seit Baubeginn hat sich das Äußere des Bunkers ständig verändert. In den kommenden Monaten soll aus dem steingrauen dann ein grüner Bunker werden. Dafür werden laut Schulze etwa 4700 Bäume, Sträucher, Hecken, hängende Gehölze, Kletterpflanzen und Bodendecker gepflanzt.
Auf dem Dach des Aufbaus entsteht so ein mehr als 7000 Quadratmeter großer, öffentlicher Park. Er wird über einen Weg erreichbar sein, der an der Außenseite des Bunkers entlangführt. Der Ausblick von dort oben ist imposant. Fernsehturm, Hafen, Elbphilharmonie und Michel – künftige Besucher müssen sich dafür nur einmal um die eigene Achse drehen.
Sporthalle im Inneren
Im Innern der terrassenförmigen Aufstockung geht es ebenfalls voran. Dort entsteht derzeit eine Halle, die nach dem Widerstandskämpfer und Hitler-Attentäter Georg Elser benannt ist. Sie bietet Platz für bis zu 2200 Menschen.
Tagsüber soll sie für Schulsport genutzt werden, abends und an Wochenenden sind Kulturveranstaltungen wie Konzert und Lesungen geplant. Zudem sollen dort ein Hotel mit 136 Zimmern, Räume für Kunst und Kultur sowie eine Bar und ein Restaurant unterkommen. Etwa 180 Menschen arbeiten an der Umsetzung des Projekts.
Ursprünglich sollte die Hochbunkeranlage Hamburg im Zweiten Weltkrieg vor Bombern der Alliierten schützen. „Wegen mehrerer Luftangriffe auf Berlin und andere Städte im norddeutschen Raum war die NS-Führung ab Herbst 1940 in einer gewissen Panik“, erläutert Christoph Strupp von der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte. Daher seien neben zahllosen kleineren Bunkern in Berlin, Bremen, Wien und Hamburg acht solche Flaktürme errichtet worden.
Der Bunker an der Feldstraße wurde ab April 1942 unter dem Einsatz von Zwangsarbeitern gebaut. Nach etwa 300 Tagen sei die Anlage mit einer Grundfläche von 75 mal 75 Metern und einer Höhe von 38 Metern einsatzbereit gewesen.
Große Bomberflotten habe der Bunker zwar nicht abhalten können, sagt Strupp. Er diente aber auch dem Schutz der Bevölkerung. „Der Turm war für 18 000 Menschen ausgelegt. Bei Fliegeralarm haben dort aber noch mehr Schutz gesucht.“ Der Hochbunker habe zudem eine psychologische Funktion erfüllt: „Er erinnert an mittelalterliche Wehranlagen – und das war auch gewollt. Die Nazis wollten der Bevölkerung das Gefühl vermitteln, auch schwerste Luftangriffe überstehen zu können.“
Nach dem Krieg seien auf Anweisung der Alliierten eine Reihe der 1051 Bunker in Hamburg gesprengt worden, sagt Strupp. Beim Bunker an der Feldstraße sei dies aber nicht möglich gewesen. „Zum einen wären in der Umgebungen enorme Schäden entstanden. Es fehlte aber auch die Technik, um die anfallenden, meterdicken Trümmer zu beseitigen.“
Aus diesem Grund sei der Bunker bereits ab dem Herbst 1945 „nachgenutzt“ worden. Dort kamen etwa Wohnungen, Firmen und Lagerräume unter – eine Entwicklung, die sich bis in die Gegenwart fortsetzt. Zu den heutigen Mietern gehören etwa ein Musikclub und zahlreiche Medienunternehmen.
Ein Vorzeigeprojekt
Die Aufstockung reiht sich nun in die wechselvolle Bunker-Geschichte ein. Für viele Akteure ist sie ein landschaftsarchitektonisches und städtebauliches Vorzeigeprojekt. Es gibt aber auch kritische Stimmen aus Politik und Gesellschaft: Die Gegner beanstanden, dass der grüne Bunker-Aufbau der reinen Eventisierung und Kommerzialisierung eines Ortes mit dunkler Geschichte diene. Zudem hatten sich Bestandsmieter öffentlich über die Arbeiten beschwert. Auch eine Klage gegen die Baugenehmigung hatte es gegeben – aber ohne Erfolg.
„Viele Facetten gehören zum Bunker: Historie, Architektur, der ökologische Nutzen durch Begrünung. Und auch die Schaffung von öffentlichem Raum und Partizipationsflächen für den Stadtteil“, sagt Projektsprecher Schulze.
