Im Nordwesten - Wenn der Markt alles regelt, stellt sich mir eine Frage, die womöglich nur ein absoluter Kenner der wirtschaftlichen Zusammenhänge unseres kapitalistischen Systems beantworten kann: Warum sind in allen Weingummi-Tüten immer auch gelbe Teile drin?

Ich kenne absolut niemanden, der sich eine Tüte Weingummi-Tiere kauft (manchmal sind es gar keine Tiere, sondern Schuhe, Zungen, Schlangen oder Schnuller) und als erstes die gelben isst. Allein für eine solche Vorstellung reicht meine Fantasie kaum aus. Wer bitte fischt sich aus einer Haribo-, Katjes- oder Red-Band-Tüte zuallererst gierig eins dieser Dinger heraus, die wie Toilettenreiniger schmecken? Falls Sie einer dieser Menschen sind, fühlen Sie sich bitte nicht persönlich beleidigt. Sie könnten sich sogar geehrt fühlen, denn offenbar gehören Sie zu dieser verschwindend kleinen Gruppe, wegen derer die Hersteller von Weingummi extra diese ekelhaften gelben Teile in die Tüten mischen.

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Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten mit der Tatsache umzugehen, dass wir mit diesen bunten Tüten immer auch einen gewissen Anteil schier ungenießbarer Süßigkeiten mitkaufen. Möglichkeit eins: Wir essen erst das heraus, was wir mögen. Dann bleiben nur noch die ungeliebten gelben Teile übrig und die essen wir nach und nach, immer mal eins, wenn unser Drang nach Süßkram uns übermannt und wir zutiefst hoffen, dass die Dinger in Wirklichkeit gar nicht so eklig sind, wie wir sie in Erinnerung haben. Sind sie aber doch und so bleiben immer auch welche übrig, die im Müll landen.

Möglichkeit zwei: Wir disziplinieren uns selbst und essen reihum im Wechsel immer eins einer anderen Farbe. Erst ein Rotes, dann ein Grünes, dann ein Weißes und letztlich ein Gelbes. Der Vorteil: Es bleibt kein gelber Bodensatz in der Tüte. Der Nachteil: Es ist verwerflich unangemessen, aus dem Genuss von Weingummi, der uns bei jedem Bissen mit Wucht in unsere Kindheit zurückkatapultiert, so eine erwachsene Angelegenheit zu machen, in der man auf Reihenfolge und Struktur achtet und sich auch noch – typisch fürs Erwachsenenleben – zu Dingen zwingt, die man eigentlich gar nicht will: gelbe Gummitiere.

Möglichkeit drei: Wir nehmen einfach eine ganze bunte Handvoll und schieben sie uns in den Mund. Gemischt mit anderen Weingummis schmecken die gelben gar nicht so schlecht. Doch obwohl das erstmal wie die beste Lösung klingt, ist es doch nur etwas für Menschen, die bereit sind, aus der ekligen Angelegenheit, eine undefinierbare Zuckermasse zu essen, eine noch ekligere Angelegenheit zu machen, indem sie ihrer Gier freien Lauf lassen. Das muss man mit seinem Gewissen erstmal vereinbaren können.

Früher, als wir Kinder waren und uns im Freibad bei der Frau im Kiosk eine bunte Tüte zusammenstellen konnten, war das alles einfacher. Für uns, nicht für die Frau im Kiosk. „Ääähm, drei Cola-Kracher, ach nee, vier. Und ääähm drei Lakritzschnecken …“ Die Frau im Kiosk: „Die Kosten aber nicht fünf Pfennig, sondern zehn“. Wir: „Ok dann doch nur zwei. Und vier Schnuller. Aber nur die roten! Wie viel habe ich jetzt?“ Sie: „55 Pfennig.“ Und manchmal kam ein Satz, der uns hart erwischte. „Aber rote Schnuller gibts nicht mehr.“

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Sandra Binkenstein Thementeam Soziales