Im Nordwesten - Wer einen neuen Hausarzt sucht, der kann sich auf eine Geduldsprobe einstellen. In Niedersachsen gibt es 30.000 Hausärzte, aber viele von ihnen haben in den Praxen einen Aufnahmestopp. Auch Birgitt Dorsano konnte für ihren 84-jährigen pflegebedürftigen Vater nur schwer eine medizinische Versorgung bekommen. Seine Tochter hat den bislang in Oldenburg Lebenden bei sich im Haus in der Gemeinde Edewecht aufgenommen.
Viele Ärzte lehnten gleich ab
„Wir suchen einen Hausarzt, der auch Hausbesuche macht, denn es ist sehr schwer, wenn ich mit meinem Vater extra in die Praxis fahren muss“, sagt die 56-Jährige. Denn Reinhard Wegner ist nicht nur körperlich sehr beeinträchtigt, er leidet auch an Alzheimer. Bei acht Ärzten in der Nähe ihres Wohnortes Friedrichsfehn und im Umland rief sie an und fragte nach einer Neuaufnahme. „Entweder hörte ich, dass gar keine neuen Patienten aufgenommen werden oder mir wurde gesagt, dass der Arzt keine Hausbesuche macht“, sagt Birgitt Dorsano. Auch in der weiteren Umgebung suchte sie nach einem Hausarzt. Das Ergebnis: Für einen Hausbesuch sei die Praxis zu weit entfernt, hieß es.
Birgitt Dorsano pflegt ihren Vater Reinhard Wegner. Der 84-Jährige ist schwer krank. Es war sehr schwer, einen Hausarzt für ihn zu finden.
PrivatLaut der gesetzlich vorgegebenen Bedarfsplanung gibt es den hausärztlichen Versorgungsbereich Bad Zwischenahn. Dazu gehören Bad Zwischenahn und Edewecht, schreibt die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) auf Anfrage. In den Gemeinden leben aktuell 52.211 Bürgerinnen und Bürger. „Ein Hausarzt soll rein rechnerisch 1.529 Einwohner betreuen. 39 Hausärzte sind in diesem Bereich tätig. Der Versorgungsgrad beträgt 111 Prozent“, so Detlef Haffke von der Pressestelle der KVN. Im Bereich Bad Zwischenahn dürfte die Kassenärztliche Vereinigung keine weiteren Hausärzte zulassen, da der Bereich gesperrt ist – die Sperrung beginnt bei 110 Prozent. Laut Bedarfsplanung sei der Bereich also überversorgt, so Haffke, der zugibt: „Tatsächlich hat die Bedarfsplanung oft wenig mit den Bedürfnissen in der Bevölkerung zu tun. Lange Wartezeiten oder Aufnahmestopps von Neupatienten sind an der Tagesordnung“.
Arztbesuch wird zum Kraftakt
Bis Oktober lebten die Eltern von Birgitt Dorsano, Edda und Reinhard Wegner, noch selbstbestimmt in ihre Wohnung in Oldenburg. Doch dann verschlechterte sich der Gesundheitszustand so rapide, dass die Familie sich entschloss, die beiden Senioren nach Hause zu holen. „Wir haben die Pflege wirklich toll organisiert. Ich kann mich da auf meinen Mann und meine Kinder verlassen“, sagt die 56-Jährige, die selbst noch 34 Stunden in der Woche in der Jugendhilfe arbeitet.
Wenn sie mit ihrem Vater zum Arzt muss, dann ist das ein familiärer Kraftakt. „Wir müssen ihn anziehen und ihn fast ins Auto tragen, weil er so schlecht gehen kann“, sagt Birgitt Dorsano. Nach den Besuchen ist der 84-Jährige völlig geschafft und müde. Und so wäre es für alle eine Erleichterung, wenn sich die Familie bei kleineren Beschwerden auf einen Allgemeinmediziner verlassen könnte, der zu ihnen nach Hause kommt.
Zahl der Hausbesuche rückläufig
„Tatsächlich ist die Anzahl der Hausbesuche rückläufig. Nicht jeder Hausarzt macht Hausbesuche. Das liegt zum einen daran, dass die Hausärzte terminlich in der Praxis gebunden sind und zum anderen daran, dass Hausbesuche nur ungenügend von den Krankenkassen honoriert werden“, so die KVN. 2012 wurden in Niedersachsen noch 3,06 Millionen Hausbesuche vorgenommen, 2022 waren es noch 2,26 Millionen.
Detlef Haffke gibt einen Einblick in die Honorierung: 2012 erhielt der Arzt für einen Hausbesuch 21 Euro, 2022 waren es 23,88 Euro – und das vor dem Hintergrund immer weiter steigender Kosten wie zum Beispiel bei Benzin. Viele der Besuche finden in den Pflegeeinrichtungen statt, so Haffke. Das aber hilft den Dorsanos nicht. „Ich möchte meine Eltern nicht in ein Heim geben“, sagt die Edewechterin. In der Zwischenzeit hat sie einen Hausarzt für ihre Eltern gefunden, der sie aufgenommen hat, aber Hausbesuche macht dieser Mediziner nicht.
Die KVN weist bei der Hausarztsuche auf die Arztauskunft Niedersachsen unter www.arztauskunft-niedersachsen.de hin. Außerdem betreibt die KVN eine Termin-Servicestelle unter der Telefonnummer 116117. „Dort können Termine bei Haus-, Kinder- und Frauenärzte frei vermittelt werden“, so die Vereinigung.
„Gerade die Älteren benötigen unsere Hilfe. Ich habe aber das Gefühl, alt dürfen wir alle werden, aber bitte nicht krank“, sagt Birgitt Dorsano.
