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Hausarzt-Vertrag in Niedersachsen Immer erst zum Allgemeinmediziner – das sind die Vor- und Nachteile des Modells

Wer einen Hausarzt-Vertrag unterschreiben will, sollte ihn sich vorher genau ansehen. Jede Krankenkasse bietet eine eigene Version.

Wer einen Hausarzt-Vertrag unterschreiben will, sollte ihn sich vorher genau ansehen. Jede Krankenkasse bietet eine eigene Version.

dpa/Klose

Im Nordwesten - Schnell zum Telefonhörer gegriffen und einen Termin beim Orthopäden vereinbart, weil der Rücken schmerzt – das soll nach dem Willen der Krankenkassen nicht mehr die Regel sein. Mit der hausarztzentrierten Versorgung (HZV), im Volksmund Hausarzt-Vertrag genannt, sollen Allgemeinmediziner eine „Lotsenfunktion“ übernehmen. In Niedersachsen nehmen mittlerweile laut kassenärztlicher Vereinigung 4040 der insgesamt 5476 Hausärztinnen und -ärzte an dem vor 15 Jahren gestarteten Modell teil – das sind fast drei Viertel. Erste Hausärzte – auch im Oldenburger Land – werben jetzt ganz aktiv für diesen Vertrag und wollen künftig nur noch Patienten behandeln, die sich zur Teilnahme verpflichten. Denn für die Hausärzte hat das Modell wirtschaftliche Vorteile.

Wie funktioniert der Hausarzt-Vertrag ?

Das Hausarztprogramm bedeute eine deutliche Entlastung der Facharztpraxen, betont Dr. Matthias Berndt, Niedersachsens Landesvorsitzender im Deutschen Hausärzteverband. Jede Krankenkasse bietet unterschiedliche Vertragsbedingungen, eines aber ist einheitlich: Patienten, die einen Hausarztvertrag unterzeichnet haben, verpflichten sich, immer zuerst ihren Hausarzt aufzusuchen. Dieser überweist sie bei Bedarf weiter an einen Facharzt. Ausgenommen sind akute Notfälle sowie Zahn-, Frauen- und Augenärzte. Bei ihnen können Patienten weiterhin direkt einen Termin vereinbaren. Der Hausarzt-Vertrag gilt für mindestens ein Jahr und kann nur in Ausnahmefällen gekündigt werden – etwa, wenn das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt nachhaltig gestört ist. „Dadurch werden sowohl Fehl- als auch Überversorgung vermieden“, so Berndt. Er nennt als Beispiele unnötige Röntgenuntersuchungen, Operationen, bei denen unter Umständen auch Krankengymnastik geholfen hätte, oder Wechselwirkungen von Medikamenten. Patienten im Hausarztprogramm erhielten somit eine „intensivere und optimal aufeinander abgestimmte Versorgung“.

Welche Vorteile hat der Vertrag ?

Die Allgemeinmediziner bekommen für die Behandlung von Patienten, die der HZV zugestimmt haben, in bestimmten Fällen mehr Geld von der Krankenkasse. Das Fachmagazin „Arzt und Wirtschaft“ nennt konkrete Zahlen: Wer beispielsweise mit AOK-Versicherten Hausarzt-Verträge abschließe, erhalte bis zu 30 Prozent mehr Honorar pro Patient. „Das aktuelle Vergütungssystem sorgt für einen Hamsterrad-Effekt, bei dem derjenige am meisten profitiert, der in kurzer Zeit viele „Fälle“ sieht“, erklärt Hausärzte-Verbandschef Berndt. Im Hausarztprogramm bekommen die Allgemeinmediziner besonders für die Versorgung chronisch kranker Patienten eine höhere Vergütung – Berndt spricht von 1,83 Euro bis 15 Euro pro Monat und Patient. Er hebt auch den ganzheitlichen Ansatz hervor. Dieser gehe „in unserem zunehmend hochspezialisierten und zersplitterten Gesundheitswesen aus dem Blick. Das gefährdet die Versorgungssicherheit – beispielsweise durch Medikamenten-Wechselwirkungen – und blendet die psychosozialen Aspekte von Krankheiten aus“.

Gibt es auch Nachteile ?

Schattenseiten des Vertrages benennt die Internetseite www.facharztvermittlung.de: Das Recht der Patienten auf freie Arztwahl werde eingeschränkt, eine Zweitmeinung einzuholen, werde erschwert. Auch für die Ärzte bietet der Vertrag nicht nur Vorteile: Sie müssen mit den Krankenkassen einzeln abrechnen, jede Kasse bietet zudem unterschiedliche Leistungen. Dadurch steigt der bürokratische Aufwand. Das wiederum kann für Patienten kleinerer Kassen bedeuten, dass ihr Hausarzt mit ihnen keinen HZV-Vertrag abschließt, weil sich der Abrechnungs-Aufwand nur dann in Grenzen hält, wenn der Hausarzt lediglich mit Patienten der großen Krankenversicherer Verträge abschließt. Das Fachmagazin „Arzt und Wirtschaft“ rät ganz klar, Ärzte sollten genau hinsehen, wo der Großteil ihrer Patienten versichert ist.

Wird es künftig noch schwieriger, Arzttermine zu bekommen ?

Vor jedem Facharzttermin erst mal zum Hausarzt – da befürchten viele Patienten, dass ihre Hausarztpraxis noch überfüllter ist als schon jetzt. „Die Terminschwierigkeiten sind vor allem darauf zurückzuführen, dass jahrelang zu wenige Allgemeinmediziner ausgebildet wurden“, sagt Berndt. „Niedersachsen steuert nun mit der Landarztquote an drei Universitätsstandorten endlich gegen.“ Seiner Meinung nach führt die HZV im Gegenteil langfristig zu einer Verbesserung der Terminsituation – unter anderem, weil „unnötige Arzt-Patienten-Kontakte in den Facharztpraxen reduziert werden“. Aber: Ein funktionierendes Hausarzt-Modell braucht mehr Allgemeinmediziner. Derzeit fehlen in Niedersachsen 1000 Hausärzte, sagt Mark Barjenbruch, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Lesen Sie auch: „Minister Lauterbach versieht Problem mit einem Turbo“. Prof. Dr. Michael Freitag, Koordinator des Lehrpraxen-Netzwerks der Universitätsmedizin Oldenburg, hofft auf eine steigende Attraktivität des Hausarzt-Berufs durch die HZV: „Die Lotsenfunktion des Hausarzt-Modells wertet die Hausärzte auf, indem sie als wichtige erste Ansprechpartner und Koordinatoren anerkannt werden.“ Lesen Sie auch: Landeskabinett vernichtet 10 Millionen Arzttermine

Was sagen Ärztevertreter ?

Der Hausärzteverband positioniert sich eindeutig: „Die weitere Stärkung der Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung gehört zu unseren zentralen politischen Zielen.“ Auch Uni-Professor Freitag zieht positive Bilanz: „Primärversorgung, Beratung, Koordination, Schutz vor Fehl- und Überversorgung – das alles ist vorteilhaft für Patienten.“ Die Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung reagierte ebenfalls äußerst kurz: „Die Hausarztverträge ergänzen die kollektivvertragliche Versorgung der Patienten. Mehr können wir dazu nicht sagen, da wir als KBV kein Vertragspartner bei den Hausarztverträgen sind.“

Interview
Sieht im Hausarzt-Modell überwiegend Vorteile: Dr. Thomas Yeung aus Zetel.

INTERVIEW „Steuerungsfunktion großer Pluspunkt“

Anke Brockmeyer

Dürfen Ärzte Patienten abweisen, die den Hausarzt-Vertrag nicht unterschreiben wollen ?

Darüber gehen die Meinungen auseinander. Ja, sagt Niedersachsens Hausärzte-Verbandschef Berndt: „Wenn einzelne Patienten es bevorzugen, mit ihrer Krankenversichertenkarte „Ärzte-Hopping“ zu betreiben, so können Praxisinhaber selbstverständlich entscheiden, ob diese Patienten in die Praxisphilosophie und -organisation passen.“ Nein, sagt der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen: „Auch wenn man als Arzt an einem solchen Vertrag teilnimmt, bleibt der Versorgungsauftrag auch für Patienten bestehen, die dem Vertrag nicht zustimmen.“

Kommentar
Fast drei Viertel der Ärzte in Niedersachsen bieten mittlerweile einen Hausarzt-Vertrag an.

KOMMENTAR Ist der Hausarzt-Vertrag ein reines Sparmodell?

Anke Brockmeyer
Anke Brockmeyer
Anke Brockmeyer Reportage-Redaktion
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