Im Nordwesten - Sie gründeten einen Ort namens Oldenburg im US-Bundesstaat Indiana und machten als Zirkusartistin oder Präsidentenberater von sich reden: Auswanderer aus Damme (heute Landkreis Vechta) im 19. Jahrhundert. Nun ist ihnen eine Sonderausstellung im Stadtmuseum Damme gewidmet – konzipiert von Wolfgang Friemerding, dem ehrenamtlichen Museumsleiter. „Jeder in Damme hat Verwandte in Amerika“, sagt der 72-Jährige.
In den Jahren zwischen 1828 und 1895 ist aus dem alten Amt Damme über ein Drittel der Bevölkerung ausgewandert. Es waren vor allem die Jungen, die Ledigen, die dem Oldenburger Münsterland den Rücken kehrten. „Es war ein endgültiger Abschied“, sagt Friemerding. „Man sah seine Familie und Freunde nie wieder“.
Eine Massenflucht
Die Ursachen dieser „Massenflucht“, wie Friemerding es nennt, lagen in den tradierten Verhältnissen des 19. Jahrhunderts: hier die wohlhabenden „Besitzbauern“, dort die verarmten Heuerleute in kleinen Fachwerkhäusern mit offener Herdstelle, „kein fließendes Wasser, kein Strom, nichts“.
Im alten Amt Damme, also in Damme, Holdorf und Neuenkirchen, machten die Heuerleute um 1840 etwa 70 Prozent der Bevölkerung aus. Außerhalb der Landwirtschaft gab es kaum berufliche Alternativen. Manche suchten ein Zubrot als Leinenweber, andere als Torfstecher oder Grasmäher in Holland. Und alle hörten sie irgendwann vom „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“.
Einer der Ersten, die sich auf den Weg machten, war Franz-Joseph Stallo, für Friemerding der Initiator der Dammer Auswanderung. 1831 scharte er eine Gruppe von rund 30 Leuten um sich. In Bremerhaven schifften sie sich ein, harrten aus in den Kojen eines umgebauten Frachtseglers. Dann der erste Sturm – für Leute, die nur den Dümmer kannten, der reinste Horror. „Die müssen gelitten haben“.
In der Gegend von Cincinnati erwarben sie Land und gründeten „Stallotown“, das heutige Minster. Ihr Pech: die Gegend war sumpfig, viele starben an der Cholera, auch Franz-Joseph Stallo. Seelsorgerisch betreut wurden die verstreut lebenden Auswanderer von Joseph Ferneding, einem gebürtigen Holdorfer. Ferneding zählte 1839 zu den Gründern eines Ortes namens Oldenburg in Indiana. Die Gemeinde mit ihrer 1837 eingeweihten Blockhaus-Kirche wurde zu einer „Hochburg“ katholischer Auswanderer und Ferneding zum Generalvikar des Erzbistums Cincinnati. Keine andere Stadt in den USA wurde so sehr von Einwanderern aus Nordwestdeutschland geprägt wie Cincinnati, in keiner anderen Stadt lebten so viele Deutsch-stämmige. 1880 waren es 44 Prozent, 1910 sogar 60 Prozent. Hier – am Ohio River – wird auch das größte Oktoberfest in der USA gefeiert.
Den Lebensweg zweier Auswanderer hat Wolfgang Friemerding genauer nachgezeichnet. Da ist zum einen Johann Bernhard Stallo, der sich im Alter von 16 Jahren auf den Weg machte. Stallo, ein vielseitig interessierter Mann, suchte sein Glück nicht in der Landwirtschaft, sondern wurde erst Lehrer, dann Rechtsanwalt und schließlich Richter.
Und er organisierte den Wahlkampf des demokratischen Abgeordneten Grover Cleveland, der 1885 zum 22. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Zum Dank gab es für Stallo „einen Botschafterposten“ – zwar nicht den gewünschten in Berlin, denn der war bereits vergeben, aber den in Rom, immerhin. Dass Stallo nebenbei auch noch als Philosoph und Verfasser eines physikalischen Grundlagenwerks von sich reden machte, nötigt Friemerding Respekt ab. „Der hat was aus sich und seinen Möglichkeiten gemacht.“
Schillernder noch ist der Lebensweg von Agnes Lake Hickok, geborene Pohlschneider, aus Borringhausen. Gerade mal sieben Jahre war sie, als sich der Vater nach dem frühen Tod der Mutter mit drei Kindern auf den Weg nach Cincinnati machte. Im Alter von 18 brannte sie mit einem Zirkusdirektor durch, stieg selbst aufs Seil und in den Löwenkäfig, präsentierte ihre Künste bei einer Europatournee auch in Berlin und übernahm nach dem Tod ihres Mannes den ganzen Zirkus.
Es folgten zwei weitere Ehen, wobei vor allem die eher kurze mit James Butler „Wild Bill“ Hickok Schlagzeilen machte. Der Revolverheld, der sieben Menschen auf dem Gewissen hatte, wurde beim Pokern erschossen. Das Blatt, das er zuletzt in der Hand hatte, wird seither „Dead Man’s Hand“ genannt.
Erfindung mit Folgen
Einen Mann sucht man in der Ausstellung indes vergebens: Joseph Augustus Biedenharn. An ihn erinnert bereits ein Museum in Vicksburg am Mississippi. Das Kind von Auswanderern aus Neuenkirchen hat 1894 ein Verfahren entwickelt, das es erlaubte, eine Apotheker-Mixtur namens Coca-Cola in Flaschen abzufüllen. Das, so Friemerding, vereinfachte den Vertrieb und „hat den Siegeszug des Getränks befördert“ – mit weltweiten Auswirkungen.
