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NWZonline.de Ratgeber

Tradition: Reichlich Seemannsgarn auf Walfischzähnen

21.11.2020

Im Nordwesten Wale, wohin man blickt: auf dem Garagentor, am Haustürschild, auf Gemälden und Porzellan, als Knauf am Spazierstock und sogar auf dem winzigen Zahnstocherset. Kein Zweifel, hier wohnt Gert Rosenbohm!

Und so richtig spannend wird es, wenn er Besuchern einen Blick in sein kleines, ganz privates Scrimshaw- Museum gestattet. Zahn an Zahn reihen sich hier die Zeugnisse einer fast schon vergessenen Seemannstradition: Die alte Ritzkunst der Walfänger auf dem Elfenbein der Meere.

Gert Rosenbohm ist ein Braker durch und durch. Sein ganzes Leben hat er am und auf dem Wasser verbracht. Als Kind am Hafen, an den Gräben und Sielen und später am liebsten im Fischerboot auf der Weser und der Nordsee. Klar, dass „Moby Dick“ zu seinen Lieblingsbüchern zählte. Umso größer die Begeisterung, als er mit zwölf Jahren auf einer Ausstellung in Brake ein echtes Scrimshaw sah! Das wollte er auch machen!

„Mein Onkel Willi arbeitete damals in der Braker Fett- raffinerie,“ erinnert er sich, „da lieferten die großen Walfang-Mutterschiffe Öl für die Herstellung von Speisefetten an.“ Also wurde der Onkel in eine der Seemannskneipen geschickt, um den Walfängern einen Pottwalzahn abzukaufen – „der wurde gleich in Schnaps und Bier umgesetzt.“ So kam Gert zu seinem ersten Walfischzahn. Und zu einem Kunsthandwerk, dass ihn bis heute fasziniert.

Zeitvertreib auf See

Schrimshaw, so erzählt der 72-Jährige, sei ein Wort, für das es keine deutsche Übersetzung gebe. Niemand wisse, woher der Begriff kommt. Mag sein, von „Scrimshank“, was in der Seemannssprache für einen Drückeberger steht. „Ein unbeschäftigter Mann trägt den Teufel im Leib“, wussten die Kapitäne.

Und Scrimshaw war ein beliebtes Handwerk, um sich nach der Arbeit an Bord die Langeweile zu vertreiben. „Wenn man sich vorstellt, was da bei miserablem Licht und dann noch auf schaukelnden Planken entstanden ist, muss man den Hut ziehen!“

Zum Beweis zeigt er einige historische Originale aus seiner umfangreichen Sammlung. Da sieht man kunstvoll gestaltete Motive aus dem Alltag der Seeleute, Hafen- szenen, Schiffe, Meerjungfrauen – und immer wieder den dramatischen Kampf mit dem Wal. „Das waren schöne Souvenirs und man konnte zuhause sagen, mit solchen Tieren, die solche Zähne besitzen, haben wir gekämpft!“

Deutlich undramatischer geht es bei der Arbeit auf ein Stück vom Mammutstoßzahn, Stoßzähne vom afrikanischen Warzenschwein und Rinderknochen. „Walzähne dürfen nicht gehandelt werden“, betont er, „ich mache nur Auftragsarbeiten.“ Alle Objekte, die er verkaufe, seien unbedenklich und stammen von nicht geschützten Tieren.

Mit Nadel und Ruß

Den Zahn, den er jetzt bearbeitet, hat ein Kunde mitgebracht. Er wünscht sich eine typische Walfang-Szene. Rosenbohm setzt das kostbare Stück auf eine Unterlage und legt die Werkzeuge bereit. Die meisten hat er selbst gefertigt, Ritznadeln mit stahlharten Spitzen und scharfe Messerklingen zum Gravieren. Doch zunächst greift er zum Bleistift, um eine grobe Skizze anzufertigen. Zügig und aus freier Hand entsteht auf der gewölbten Oberfläche ein Dreimaster mit Fangbooten, Ausguck und Schornstein für die Fettkocherei. Jetzt noch Wasser, Wolken und natürlich das Wichtigste, die Wale.

Dann beginnt die Feinarbeit. Kratzend zieht die Ritznadel hauchdünne Linien in das harte Material, nur etwa einen zehntel Millimeter dick. „Man kann die Linien auch punktieren“, erklärt er. Leicht vorstellbar, wie lange es dauert, bis auf diese Weise ein komplettes Bild gestaltet ist.

Viele der winzigen Details sind nur unter der Lupe zu bearbeiten. Zum Schluss wird die gescrimmte Fläche mit Lampenruß eingerieben und wieder abgewischt. Zurück bleiben die nun sichtbaren, geschwärzten Rillen.

Etwa 50 Pottwalzähne habe er bisher gescrimmt, verrät der einstige Berufsschullehrer. Als Vorlage dienen ihm zeitgenössische Skizzenarbeiten, vornehmlich aus dem 19. Jahrhundert. Stolz zeigt er sein Lieblingsstück: Eine Ansicht des Braker Hafens um 1848, nach dem Gemälde eines Bremer Malers. Deutlich erkennt man im Hintergrund den turmartigen Telegrafen, das Wahrzeichen der Stadt, davor Segelschiffe und Boote. „Das Gemälde ist oft kopiert worden, aber ich bin wohl der einzige, der es auf einen Walfischzahn verewigt hat.“

Volkstümliche Kunst

Ein Blick in die Vitrinen seines kleinen Museums offenbart das ganze Spektrum dieser volkstümlichen Kunst. Auch figürliche Arbeiten. „Scrimshaw gab es überall dort, wo Wale gejagt wurden“, sagt der Experte. Beruhigend sei, dass noch nie ein Wal seiner Zähne wegen getötet wurde, beteuert der engagierte Naturfreund. Für ihn sind die Giganten der Meere faszinierende Lebewesen. Er greift an seine Halskette und schmunzelt: „Ich habe immer einen Wal dabei!“

Tatsächlich, da baumelt ein Stück Stoßzahn vom Narwal …

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