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NWZonline.de Ratgeber

Jugendhilfe: Wenn Kinder ihr Handeln verstehen lernen

05.12.2020

Jaderberg Im Kaminofen lodert ein Feuer. Es strahlt Wärme ab, lässt den Hausflur selbst an diesem tristen Tag freundlicher erscheinen, wirkt einladend, ja gemütlich.

Das ehemalige Bauernhaus in Jaderberg in der Wesermarsch ist heute das Zuhause für insgesamt 14 Mädchen. Sie leben auf dem Dormanns Hof, einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung, die eine vollstationäre Hilfsmaßnahme ist. Jeweils fünf Mitarbeiterinnen – Sozialpädagoginnen, Erzieherinnen und Heilerziehungspflegerinnen – kümmern sich im Schichtbetrieb um zwei Gruppen.

Der Ort

Ein Teil des Gebäudes, ein ausgebauter, renovierter Stall, bietet den sechs- bis zwölfjährigen Mädchen ein zu Hause. An den Wänden hängen Fotos, überall finden sich rosafarbene Accessoires. Es ist still. Nur das Essen auf dem Herd kündigt ihre baldige Rückkehr an.

Die Wohnung der zehn- bis 16-jährigen Mädchen wirkt erwachsener, aufgeräumter – mit viel Liebe zum Detail. Durch das Wohnzimmer geht es in einen Essbereich. Sylvia Dormann (49), die Leiterin der seit 2013 bestehenden Einrichtung, sitzt mit ihrem ehemaligen Ausbilder Peter Rudolph (65), einem Berater und Supervisior, zusammen. Sie haben eine besondere Gemeinsamkeit, sind beide geprüfte Transaktionsanalytiker.

„Wir nutzen die Transaktionsanalyse im Alltag und in Teambesprechungen bei der Diagnostik“, sagt Dormann. Zudem gebe es ein großes Netzwerk zu Kinder- und Jugend-Psychotherapeuten, Psychiatern und Kliniken.

Der Ansatz

Die Transaktionsanalyse, kurz TA, ist ein sozialpsychologischer Ansatz aus den 1950er Jahren, der aus der humanistischen Psychologie stammt, sagt Rudolph. Dabei gehe es bei der TA darum, Menschen mithilfe von Konzepten zu ermöglichen, ihre Wahrnehmung zu reflektieren, zu ergründen und eventuell zu verändern.

Mädchen, die in Einrichtungen wie den Dormanns Hof kommen, hätten in ihrer Entwicklung oft Probleme und Herausforderungen, kämen aus komplexen, belastenden Situationen, sagt er. Anstatt nun von einem „falschen“ Verhalten auszugehen, das trainiert oder gar sanktioniert werden muss, um „richtig“ zu werden, verfolge die TA einen anderen Ansatz.

Jedes Kind, das sich dysfunktional verhalte, habe dafür gute Gründe, sagt Rudolph. „Jedes Verhalten, jede Auffälligkeit ist die Lösung für eine problematische Situation.“ Also werde das Verhalten des Mädchens betrachtet: Welche Not werde gelöst, wenn ein Mädchen sich ritzt? Wenn es klaut oder wegläuft? Es gehe darum, zu erkennen, was der Sinn in diesen Verhaltensmustern sei, und was das Mädchen brauche, um das Drama zu bewältigen und neue Muster zu entwickeln.

„Es geht nicht um Dressur, sondern um die Unterstützung der Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien“, sagt der Sozialwissenschaftler. So entstehe aus einem Symptomverhalten ein Entwicklungs- und Heilungsverhalten.

Der Alltag

Wie zeigt sich dieser Ansatz nun im Alltag? Ein Praxisbeispiel: Einem 15-jährigen Mädchen fällt es immer wieder schwer, morgens aufzustehen. „Natürlich ist es ein leichtes, das Mädchen zu fragen, was es die ganze Nacht macht und ob es zu lange am Handy sei – und dann das Handy einzufordern“, sagt Dormann. „Wir gehen aber mit dem Mädchen ins Gespräch und fragen, warum es morgens müde ist. Meistens kommt es selbst auf die Antwort und erzählt, dass es nachts bis zwei Uhr am Handy ist.“ Oft würde das Mädchen dann freiwillig das Handy abgeben. „So erlebt es, mitentscheiden zu können“, sagt sie. „Wir schließen dann Verträge mit den Mädchen, nehmen sie ernst und sagen ihnen, dass wir ihnen zutrauen, dass sie das schaffen“, sagt sie. „Es geht nicht darum, den Mädchen etwas zu diktieren, sondern, dass sie ihr Verhalten verstehen.“ Dabei würden sie auch lernen, dass ihr Verhalten nicht verrückt, sondern normal war, aber in einer verrückten Situation.

Die Tiere

Nicht nur 16 Mädchen leben auf dem Hof, sondern auch Katzen, Hunde, Hühner, ein Schaf, zwei Esel, eine Ziege, fünf Meerschweinchen und sechs Pferde. „Erst einmal geht es darum, ein Tier zu versorgen“, sagt Dormann. Die Mädchen tragen eine Verantwortung – bekommen aber auch etwas zurück, denn die Tiere antworten und reagieren instinktiv. Im Umgang mit den Pferden könnten sie zum Beispiel zeigen, dass sie etwas gut können, würden dafür gelobt und vom Tier akzeptiert und respektiert werden, merkt, dass es „in Ordnung“ ist. „Das ist enorm, wenn eine solche Situation entsteht.“ Das Mädchen zeige sich, das Pferd kommuniziere mit dem Mädchen – es fänden Transaktionen statt. Und dabei entwickele das Mädchen ganz neue Verhaltensweisen.

Die Regeln

Auf dem Hof gibt es wie bei jeder Jugendhilfe klare Regeln, an die sich alle halten müssen. „Diese Strukturen sind den Mädchen erst oft fremd, sind aber wichtig“, sagt Dormann. Die Mädchen würden sich an den Vorschriften entlanghangeln – und auch dadurch Sicherheit bekommen.

Das Ziel

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Die Mädchen leben mindestens zwei Jahre auf dem Hof. Dabei sei das Ziel keine Heilung im dem Sinn, dass das Problem verschwinde., sagt Rudolph. Es gehe darum, dass die Mädchen statt ihrer disfunktionalen angemessene Verhaltensweisen entwickeln.

„Heilen heißt, dass ich mit dem Problem umgehen kann. Das ist ein lebenslanger Prozess“, sagt der Heilpraktiker. „Wenn die Mädchen sich ausreichend regulieren können, können sie gehen.“ In ein Leben, das zwar nicht frei von Problemen ist, in dem sie diesen aber ohne Angst begegnen können.

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