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NWZonline.de Ratgeber

Ausstellung: Plädoyer für vorurteilsfreies Miteinander

20.01.2018

Jever Manchmal kann es unterhaltsam sein, sich selbst auf die Schliche zu kommen. Das „Schubladen-Projekt“ – eine Wanderausstellung, die vom 24. Januar bis 25. Februar im Schlossmuseum in Jever (Kreis Friesland) zu sehen ist, gibt reichlich Gelegenheit dazu.

Aus diversen psychologischen Studien ist bekannt: Nichts interessiert Menschen mehr als andere Menschen. Aber auch: Menschen fällen ihr Urteil über andere Menschen in wenigen Sekunden des ersten Zusammentreffens. Sympathie oder Antipathie, das Abscannen des Sozialstatus, eine Vorstellung, mit wem man es da zu tun hat; all das läuft ab in Bruchteilen eines Wimpernschlags. Oft halten sich diese Ersteinschätzungen erstaunlich hartnäckig im Unterbewusstsein. Auch wenn sie häufig nachweislich falsch sind.

Auswertung per E-Mail

Die Fotokünstlerin Meike Hahnraths (55) aus Mönchengladbach lädt die Besucher ihrer Ausstellungen zu einem spannenden Bilderrätsel ein. Gezeigt werden 50 Porträts. Solche von umgangssprachlich „normalen“ Menschen und solchen, die oft nur über ihre Behinderung, ihr Alter oder ihren Aufenthaltsort, zum Beispiel in einem Frauenhaus, definiert werden. Wahrscheinlich können die Besucher die einen von den anderen nicht unterscheiden. Zu jedem Porträt gibt es vier Beschreibungen der Person. Nur eine davon ist richtig. Auf einem Begleitbogen können die Besucher ihre Einschätzung ankreuzen und zum Schluss in einen Kasten werfen.

Ist die Dame nun eine Schauspielerin, besitzt sie eine Fernsehproduktionsfirma, war sie Gast in einem Frauenhaus, oder arbeitet sie als Kosmetikerin? Ist der Mann Weinhändler, unterrichtet er als Lehrer die Fächer Deutsch und Geschichte, arbeitet er in einer Behindertenwerkstatt oder ist er Lagerist? Die Antworten werden ausgewertet, und per E-Mail bekommen die Besucher dann eine Nachricht, wie hoch der eigene Prozentsatz an richtigen Antworten ist.

Geduld und Nachsicht

Eine Eins-zu-Eins-Auflösung gibt es nicht, um die Identitäten der Abgebildeten zu schützen. Durchschnittlich sind nur 25 Prozent der Antworten in der Ausstellung richtig. Ein guter Grund also, das eigene „Schubladensystem“ zu hinterfragen und sich selbst zu (über)prüfen und achtsam zu sein. Denn so manches schnelle Urteil ist nur ein Vorurteil.

Beim Fotoshooting entscheidet die Fotografin blitzschnell, in welcher Aufmachung sie die Personen zurechtmachen und fotografieren will. „Die Menschen, die durch die Tür kommen, kenne ich im Regelfall nicht, es ist für mich jedes Mal überraschend, was ich in ihnen sehen kann.“ Hahnraths hat etwa 20 Minuten Zeit, um zu entscheiden und zu entdecken, was für ein Porträt am Ende dabei herauskommen soll. „Bei einigen Menschen sehe ich sofort eine Facette, die ich zeigen möchte. Meistens entwickelt es sich aber während des Gesprächs, wenn ich Mimik, Gestik und Ausstrahlung erlebe.“

Bei den Porträts geht es ihr nicht darum, nur Äußerliches abzubilden, sondern der Persönlichkeit eines Menschen, oder einer Facette davon, Ausdruck zu verleihen. Sich darauf einzulassen, empfindet sie mutig, spannend und manchmal auch heilend – für beide Seiten.

Hahnraths, selbst Mutter einer Tochter mit Behinderung, möchte mit diesem Projekt ein vorurteilsfreieres Miteinander anregen und ein Mehr an Geduld und Nachsicht in der Beurteilung anderer Menschen. „Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass wir selbst auch oft falsch eingeschätzt werden. Ich freue mich, wenn die Besucher in der Ausstellung erstaunt feststellen: ‚Ach, guck mal – hier sieht niemand behindert aus! Die sehen alle normal aus!‘“

Die Ausstellung ist Teil einer Veranstaltungsreihe, mit der der Landkreis Friesland sein 85-jähriges Bestehen feiert. Gegründet wurde er also 1933. „Doch in diese vermeintliche Schublade mit Blick auf das Gründungsjahr lassen wir uns nicht stecken. Denn der Landkreis Friesland ist heute ein offener und toleranter Lebensort, der die Vielfalt der Gesellschaft schätzt und lebt. Integration und Inklusion werden hier gelebt und umso mehr freuen wir uns die Ausstellung ,Schubladen’ in Friesland zeigen zu können“, so Landrat Sven Ambrosy.

Die Künstlerin freut sich vor allem über eines: Den Stolz, das Erstaunen und die veränderte Selbstwahrnehmung sowie das gestärkte Selbstwertgefühl bei den Menschen mit Behinderung. „Das beeindruckt mich nachhaltig, ist höchst befriedigend und macht mich ganz einfach glücklich.“

Die Ausstellung „Schubladen“ ist vom 24. Januar bis 25. Februar im Schlossmuseum in Jever (Schlossplatz 1) zu sehen. Sie ist Teil einer Veranstaltungsreihe zum 85-Jährigen Bestehen des Landkreises Friesland. Viele der Porträts zeigen Menschen aus der Region. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 10–18 Uhr. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm. Am 25. Februar ab 15 Uhr wird die Fotokünstlerin Meike Hahnraths zur Finissage durch die Ausstellung führen.

Meike Hahnraths (55) ist gebürtige Rheinländerin und fotografiert seit über 25 Jahren. Im Laufe der Zeit richtete sich ihr Fokus auf die Porträtfotografie. Hahnraths studierte in Aachen Kunst und Deutsch auf Lehramt, danach Diplom-Pädagogik. Sie ist Mutter von Zwillingen, eine Tochter lebt mit körperlichen und geistigen Einschränkungen. Die Künstlerin gründete 2009 den Hahnraths Verlag, der auf Menschen mit Behinderung ausgerichtet ist.

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