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NWZonline.de Ratgeber

Archäologie: Der Schienenpanzer des Legionärs

13.08.2022

Kalkriese Eigentlich machen sie in Kalkriese alle naselang Funde aus der Zeit der Varusschlacht. Und doch erinnert sich Stefan Burmeister noch genau an den Tag im Sommer 2018, als die Metallsonde be-sonders heftig anschlug. „Das Signal war extrem stark“, sagt der Archäologe, zugleich Sammlungsleiter und Geschäftsführer des Museums und Parks Kalkriese. Da wussten sie: Es ist Eisen. Und es ist groß. Viel mehr aber nicht. Ein paar Zenti­meter an der Oberfläche „schimmerten lamellig“, erinnert sich Burmeister. „Da ging das Kopfkino los.“ Vielleicht ja doch ein größeres Stück eines Schienenpanzers? Oder sogar ein ganzer?

„Wir haben im Grunde von der Schuhsohle bis zur Helmspitze alles“, sagt der Archäologe. Nur eben keinen Schienenpanzer. Den bislang größten Fund hatten britische Kollegen 1964 in Corbridge am Hadrianswall gemacht, eine Kiste mit sechs halben Panzern, „im Grunde eine Ersatzteilkiste“. Dieser Fund prägt bis heute das Bild, das sich die Wissenschaft von einem Schienenpanzer macht. Der Laie denkt eher an Asterix und Obelix, deren Zeichner die Römer mit einem Schienenpanzer ausstattete, was historisch gesehen „Quatsch“ ist, sagt Burmeister. In Gallien mussten sich die Legionäre noch mit Kettenhemden begnügen.

Konfektionsware

Schienenpanzer gehörten erst seit den Tagen von Kaiser Augustus zur Standardausrüstung der römischen Legionen und wurden millionenfach produziert, so der 59-Jährige. Die Panzer bestanden aus ­einzelnen Platten, die durch Scharniere und Lederriemen zusammengehalten wurden, also individuell angepasst werden konnten. „Konfektionsware“, sagt Burmeister, aber technisch ausgereift. Und ein guter Schutz für den Oberkörper, viel leichter auch als Kettenhemden. Noch nie war ein solcher Panzer im Stück gefunden worden, einzelne Platten, das ja, drei auch schon in Kalkriese. Nicht viel, wenn man bedenkt, dass ein ganzer Panzer aus rund 30 Platten besteht. Entsprechend vorsichtig gingen sie zu Werke.

„Sonst hat man einen tollen Fund – und sieht eine Kerbe vom Spaten“. Also bargen sie ihren Fund im Block und packten ihn in eine große ­Kiste. Die wurde beim Zollamt am Flughafen Münster-Osnabrück „durch die Röntgen­anlage geschoben“. Ergebnis: Null. Alles dunkel. Nun ruhte alle Hoffnung auf „XXL-CT“, der weltweit größten öffentlich zugänglichen Computertomographie-Anlage. Die steht beim Fraunhofer-Institut in Fürth. Mehrere Tage dauerte der Scan, dann war klar: Es ist ein Schienenpanzer – der älteste und kompletteste, der je gefunden wurde.

Der Fund des Panzers ist ein weiteres ­Indiz in einem historischen Puzzle. Denn bis heute streiten die Gelehrten, wo genau die Varusschlacht stattgefunden hat. Die zog sich über drei oder vier Tage hin, so viel weiß man aus antiken Texten. Es war ein Hinterhalt der Germanen, an ihrer Spitze: Arminius, der Cherusker, später auch Hermann genannt.

Unklare Faktenlage

Drei römische Legionen unter Varus wurden aufge­rieben, von der „Sollstärke“ her 24 000 Mann, de facto aber wohl deutlich weniger, „ein paar Tausend vielleicht“, schätzt Burmeister. Auch war Kalkriese nur ein Ort, an dem gekämpft wurde. Vermutlich hatten die Römer ein Lager errichtet. Sicher ist: „Hier sind römische Einheiten vernichtend geschlagen worden, hier wurde gekämpft, hier wurde gestorben.“

Dass überhaupt ein Schienenpanzer gefunden wurde, ist für Burmeister „eine ­Sensation“. Normalerweise findet man auf einem Schlachtfeld „nur noch Schrott“. Denn die Sieger ließen nichts Wertvolles zurück. Ein gut ausgestatteter Römer trug immerhin rund 30 Kilo Metall am Körper, „ein wandelndes Wertstofflager“. Und die Germanen hatten „chronischen Rohstoffmangel“ und haben das Feld geplündert.

Warum sie nun ausgerechnet diesen Panzer nicht mitgenommen haben, ist auch für Burmeister ein Rätsel. Der Schlüssel zur Lösung ist womöglich eine Halsgeige. Die eiserne Fessel der Römer lag in unmittelbarer Nähe, in Höhe der Schulter.

War es ein gefangener Legionär, der für jedermann sichtbar seinem Schicksal überlassen wurde? Eine Art Opfer? „Jeder Kampf hatte eine rituelle Nachsorge, das kennt man von den Germanen“, sagt Burmeister. Es ist der Versuch einer Erklärung, mehr nicht.

Nun legen sie ihren Fund im Museum Stück für Stück frei, immerhin 400 Fragmente plus diverse Kleinstteile. Das ist die Aufgabe von Rebekka Kuiter. „Ein solches Objekt hat man wirklich nur einmal“, sagt die gebürtige Emsländerin, die in Stuttgart studiert und dann in Kalkriese das große Los gezogen hat. Erst hat die 27­Jährige die Fundstücke „aus allen Blickwinkeln“ fotografiert. Derzeit entfernt sie Schmutz und Eisenkorrosion mit dem Sandstrahl oder einem Diamantschleifer, „der ist aus dem Zahnarztbedarf“. Am Ende werden die Platten auf einem Ständer montiert.

Im Sommer 2023 soll das Ergebnis in einer Sonderausstellung der Öffentlichkeit präsentiert werden. Bis dahin wird Rebekka Kuiter wohl noch ein paar Mal vom Schienenpanzer träumen.

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