Im Nordwesten - Wie oft kann ein Mensch am Tag einen penetranten Piepton ertragen? Fragen Sie mal die Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter, der an der Kasse des Supermarktes sitzt, in dem Sie jede Woche Ihren Einkauf machen – zum Beispiel Gemüse, Brot und Klopapier, hübsch bedruckte Servietten und Tee, der nach Versprechen benannt ist wie „Heiße Liebe“ oder „Innere Ruhe“. Tausende solcher Artikel ziehen die Supermarktmitarbeiter Tag für Tag übers Band. Piep – Piep – Piep. Viel zu süße Limonade, Weichspüler mit Lavendel-Duft, gefrorene Schnitzel in Form von Dinosauriern. Piep – Piep – Piep.

Das Piepen und der Anblick der Waren, die kein Mensch braucht, gehören für Kassierer und Kassiererinnen im Supermarkt dazu, das ist die Grundschwingung des Grauens in großen Supermärkten. Piep – Piep – Piep. Das alleine wäre ja noch zu ertragen. Wären da nicht die Kunden.

Nun stellen Sie sich also vor, Sie sitzen an der Kasse und ziehen zum dreißigsten Mal am Tag stinkendes Raumspray, absurd teure Chips aus Linsen und abwegige Mengen Billigfleisch über den Scanner (Piep – Piep – Piep) und währenddessen steht der Kunde vor Ihnen und schaut Sie mit bitterer Miene an. Von oben herab natürlich – er steht, Sie sitzen. Auf Ihr freundliches „Hallo“ hat er gar nicht erst reagiert. Sie nennen ihm den Betrag, 37,80 Euro, und er sieht Sie nicht mal an, als er in barschem Ton sagt: „Karte“. Ihr Gehirn übersetzt das in „Ich möchte bitte mit EC-Karte zahlen“. Sie aktivieren das Gerät und sagen: „Sie dürfen.“ Er legt die Karte auf, tippt die Geheimzahl ein und kaum ist die Transaktion bestätigt, ist er auch schon weg. Auf nimmer wiedersehen. Bis übermorgen. Kein „Tschüss“, kein „Schönen Tag noch“. Und vor allem: Kein „Danke“. Dreimal die Woche.

Nächster Kunde. Der ist gut drauf und hat gleich drei der beliebtesten Sprüche parat, die jeder Supermarkt-Mitarbeiter wirklich gerne hört. Erstens: Bei der Ananas, die kein Preisschild hat, sagt er: „Dann ist sie wohl umsonst.“ Zweitens: Bei einer eingedrückten Müsli-Packung, die sich nicht scannen lässt, sagt er: „Die will wohl nicht mit, was?“. Und drittens, als er den Kassenbon entgegennimmt: „Damit kann ich ja die Wand tapezieren, so lang wie der ist.“ Ha. Ha.

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Sandra Binkenstein
Im Nordwesten

Nächster Kunde. Nachdem Sie seine Tagesration hochprozentigen Schnaps und Tabak über den Scanner gezogen haben, sagt er: „Moment ich hab’s passend“, und Sie wissen, was als nächstes passiert. Er leert seine Hosentaschen direkt vor Ihnen auf der Warenablage aus und fischt zwischen einem benutzen Taschentuch, einer halb gerauchten Zigarette und diversen Brötchenkrümeln die passende Anzahl an Münzen heraus.

Nächster Kunde: Sie sagt auch nicht Hallo und kontrolliert jeden Ihrer Handgriffe mit strengem Blick. Eyeliner, trockener Rotwein, Flüssigwaschmittel. Piep – Piep – Piep. Nachdem sie bezahlt hat, bleibt sie etwa 60 Zentimeter neben der Kasse stehen und kontrolliert den Kassenbon, den sie sich mit einer deutlichen Geste direkt vor ihr langes Gesicht hält. Sie schnaubt wie Pferd und schiebt ihren Wagen zur Tür raus.

Liebe Supermarktmitarbeiter und -mitarbeiterinnen, ich möchte Ihnen meine Hochachtung aussprechen für Ihre bemerkenswerte Fähigkeit, all das mit so viel Würde zu ignorieren. Trotzdem zu lächeln. Und freundlich „Tschüss“ zu sagen, obwohl der Kunde nicht einmal „Hallo“ gesagt hat. Und liebe Menschen vor mir an der Kasse: Jeder einzelne von Ihnen, der einfach nur freundlich „Hallo“ und „Schönen Tag noch“ sagt, versüßt den Menschen hinter der Kasse den Tag und rettet nebenbei noch meinen Glauben an die Menschheit.

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Sandra Binkenstein
Im Nordwesten
Sandra Binkenstein
Sandra Binkenstein Thementeam Soziales