Im Nordwesten - Hassen Sie es auch so, wenn Sie in einem Restaurant sitzen, genüsslich die Tomate in Ihrem Salat zerschneiden und mit etwas Rucola auf der Gabel platzieren, und in dem Moment ein Kind am Nachbartisch seinem Geschwisterchen inbrünstig zuruft: „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist GELB!“? Der Kleine fängt mit seiner quäkigen Stimme an, zu raten, und Sie wissen längst: Verdammt, es ist diese geschmacklose Gardine an diesen dreckigen Fenstern in diesem Restaurant, sie ist gelb! Doch die Farbe der Gardine interessiert Sie überhaupt nicht, Sie wollten nur in Ruhe Ihren Salat essen.
Mittlerweile gibt es Restaurants und Hotels, in denen Kinder nicht willkommen sind. „Adults only“ heißt das Konzept. Weil Kinder Unruhe stiften oder, wie es heißt, nicht mehr gut erzogen sind. Früher war das anders, hört man immer. Früher, ja, da wussten die Kinder noch, wie man sich benimmt. Sie waren leise, wenn Erwachsene sich unterhielten, haben gerade am Tisch gesessen, nicht mit dem Besteck geklappert und gegessen, was auf den Tisch kommt. Lautes Lachen in der Öffentlichkeit? Wo gab’s denn sowas?
Wenn Sie tatsächlich zu denen gehören, die finden, dass das früher so viel besser gelaufen ist, und wenn auch Sie jedes Mal innerlich den Rohrstock auspacken wollen, wenn wieder irgendein „verzogenes Gör“ durch den Supermarkt rennt und dort mit einem anderen Kind verstecken spielt, möchte ich Sie einladen, sich mal anzuschauen, was aus den Kindern von früher geworden ist, die sich so gut benehmen konnten.
Wir reden hier von Erwachsenen, die morgens mit zur Grimasse verzogener Miene und totem Blick im Auto sitzen und zu einer Arbeit fahren, die sie hassen, um dort den ganzen Tag auszuharren, damit sie sich von dem Geld eine Wohnung leisten können, in der sie sich nach Feierabend vor der Welt verstecken. Wir reden von Erwachsenen, die ihre Mitmenschen zwar nicht mutwillig ignorieren, aber die wegen ihrer eigenen inneren Konflikte kaum Kapazitäten haben, sich um das Leid ihrer Kollegen, Nachbarn und Freunde zu sorgen. Menschen, deren Leben immer isolierter wird – immer mehr Menschen leben allein, gehören keinen gesellschaftlichen Verbänden an, fahren zum Einkaufen mit ihren Autos bis vor die Tür von seelenlosen Einkaufszentren, in denen sie jeden Blickkontakt zu anderen Menschen vermeiden, während sie Fertigprodukte in ihrem Wagen stapeln. Wir reden von einer Generation, in der psychische Leiden wie Depressionen und Angststörungen nicht mehr nur Krankheiten sind, sondern einfach eine logische Folge und ein eindrucksvolles Merkmal unserer gesellschaftlichen Realität.
Die Menschen, die unsere Gesellschaft prägen, sind die Erwachsenen, die als Kinder gut erzogen waren. Die leise sein mussten, in ihrem eigenen Zimmer gespielt und geschlafen haben, die sich nicht aussuchen durften, was sie essen wollen, die im Restaurant brav gewartet haben, bis ihre Eltern fertig waren, ohne am Tisch Spiele zu spielen. Die ihre Gefühle nicht gezeigt und irgendwann auch nicht mehr gespürt haben.
Ich gebe zu: Auch ich bin genervt von lauten Kindern in Restaurants und Hotels, im Supermarkt und überall sonst. Natürlich bin ich das. Sie sind ja auch nervig, sie wuseln überall rum und sie reden viel zu laut über total bescheuerte Sachen. Aber es sind Kinder – und ich finde, genau das müssen sie auch sein dürfen, damit sie gesunde und glückliche Erwachsene werden können.
