Im Nordwesten - Kennen Sie dieses Gefühl, wenn Ihnen selbst widerstrebt, was sie gleich tun werden? Und Sie tun es trotzdem? Diese Absonderlichkeit kennen wir vermutlich alle. Zum Beispiel nach Feierabend. Eigentlich haben wir den ganzen Tag nur vor dem Computer gesessen und wissen genau, dass das, was unser Körper jetzt braucht, ein Spaziergang an der frischen Luft ist. Oder eine kleine Sporteinheit, mit der wir prüfen können, ob wir überhaupt noch einen Kreislauf haben. Was tun wir aber stattdessen? Richtig, wir legen uns aufs Sofa, auch auf die Gefahr, dass unser Blutdruck vollständig zum Erliegen kommt.
Das war Schritt eins. Schritt zwei ist der Griff zur Tüte Chips. Was soll’s, sagen wir uns, es ist einfach so lecker, wir haben uns einen Snack verdient. Immerhin haben wir den ganzen Tag gearbeitet. Es ist unser gutes Recht und wahrscheinlich braucht unser Körper jetzt auch ein bisschen Salz. Eine Handvoll Chips, was soll schon dagegensprechen. Gleichzeitig wissen wir, dass es in der gesamten Geschichte der Menschheit nie einen Menschen gegeben hat, der nur eine einzige Handvoll Chips gegessen hat. Und dass es viele Argumente gibt, die dagegen sprechen eine ganze Tüte zu essen. Bevor uns dieser innere Zwiespalt zerreißt, schalten wir den Kopf aus und irgendeine Serie auf Netflix ein.
Wie es endet wissen Sie natürlich: Unsere Hände sind beschmiert mit Fett, Salz und Geschmacksverstärkern und wir wissen nicht, was schwerer lastet: unser rundgefutterter Bauch oder das schlechte Gewissen. Nun, es ist nicht mehr zu ändern. Es ist passiert. Und so folgt Schritt drei, denn jetzt macht es auch nichts, wenn wir den salzigen Geschmack noch mit einem Stück Schokolade kontern. Oder zwei Stücken. Einige Minuten später legen wir verlegen die halb aufgegessene Tafel zurück in die Schublade.
Für dieses Phänomen, dass wir wissen, dass etwas nicht gut ist und wir es trotzdem tun, hat die Psychologie einen Begriff: kognitive Dissonanz. Wir denken zwei Dinge gleichzeitig, die aber miteinander unvereinbar sind und unterschiedliche Gefühle hervorrufen. Diese kognitive Dissonanz ist höchst unangenehm, weil zum Beispiel Verlangen und Vernunft gegeneinander antreten und wir uns fühlen, als würden unsere beiden Gehirnhälften sich im Armdrücken messen.
Die beruhigende Nachricht: So gut wie alle Menschen erleben unangenehme Momente der kognitiven Dissonanz. Unsere Denkprozesse und Motivationen, bestimmte Dinge zu tun oder nicht zu tun, zu wollen oder nicht zu wollen, sind komplex. Menschen rauchen, obwohl sie wissen, dass es ungesund ist, Menschen fliegen in den Urlaub, obwohl sie wissen, dass sie damit dem Klima schaden, Menschen essen Fleisch, obwohl sie nie eigenhändig einem Tier etwas zuleide tun könnten.
Standen Sie schon einmal vor dem Pfandautomaten und haben überlegt, ob sie auf „Pfandbon drucken“ oder „Pfand spenden“ drücken sollen? Egal, worauf man drückt, gleichzeitig will man doch auch das andere: Man will die 3,70 Euro und man will sie auch spenden. Nur so lange, wie man sich noch nicht entschieden hat, ist die Welt in Ordnung. Schrödingers Pfandgeld.
Und obwohl wir alle solche Momente kennen, müssen wir sie dennoch nicht ständig erleben. Ich denke, wenn wir etwas mehr auf unser uns selbst zugewandtes Bauchgefühl hören würden, würden wir öfter das tun, was sich einfach richtig anfühlt – ohne Wenn und Aber.
