Im Nordwesten - Manchmal besteht die eigentliche Entwicklung der Menschheit darin, Entwicklungen rückgängig zu machen.

Eine dieser Entwicklungen ist unsere mittlerweile grotesk ausgeprägte Fähigkeit zum Multitasking. Damit wir unsere Zeit effizienter nutzen können, nichts verpassen, auf alles sofort reagieren können und immer alles im Griff haben, haben wir gelernt, unsere Aufmerksamkeit auf viele Dinge gleichzeitig zu verteilen. Unsere Bücher lesen wir nicht mehr abends auf dem Sofa, wir lassen sie uns als Hörbücher vorlesen, während wir Autofahren. Und währenddessen trinken wir noch einen Kaffee oder essen unser Frühstück auf dem Weg zur Arbeit. Glauben Sie nicht? Ist aber so, habe ich selbst lange so gemacht.

Während wir mit Freunden telefonieren – per Handy mit Kopfhörern natürlich – erledigen wir unseren Hausputz, legen die Wäsche zusammen, feilen uns die Fingernägel.

Während wir Fernsehen gucken, checken wir unsere Mails auf dem Handy und, das ist jetzt für Fortgeschrittene: Wir sitzen dabei in einem Grätschsitz, weil wir die Zeit nutzen, uns nach einem langen Tag im Büro zu dehnen.

Während wir mit dem Hund gehen, hören wir Podcasts – doch wir hören nicht richtig zu, denn zeitgleich gehen wir im Kopf unsere To-Do-Liste für den Tag durch.

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Der Nutzen: Wir schaffen viel. Das Problem dabei ist nicht einmal, dass wir die meisten Dinge nur halbherzig tun. Die eigentliche Katastrophe besteht darin, dass wir nach jahrelangem harten Training unserer Fähigkeit zum Multitasking gar nicht mehr in der Lage sind, einfach nur eine einzige Sache zu machen. Weil uns Stille nervös macht, weil wir keine Geduld haben, weil wir uns keiner einzigen Beschäftigung mehr mit Haut und Haar hingeben können, ohne nebenbei noch irgendetwas anderes zu tun.

Laut gedacht
Meine Hochachtung gilt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Supermärkten für Ihre  bemerkenswerte Fähigkeit, das schlechte Benehmen vieler Kunden mit Würde zu ignorieren und trotzdem zu lächeln.

KOLUMNE „LAUT GEDACHT“ Und sie lächeln trotzdem: Was Mitarbeiter im Supermarkt alles ertragen müssen

Sandra Binkenstein
Im Nordwesten

Stellen Sie sich doch mal vor, Radio zu hören, ohne dabei Staub zu wischen, Joggen zu gehen oder Auto zu fahren. Einfach nur zuhören. Ohne dabei einen Kaffee zu trinken, ohne Gummibärchen in sich hineinzuwerfen, ohne welke Blätter aus der Zimmerpflanze neben dem Sofa zu zupfen.

Laut gedacht
Meine Hochachtung gilt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Supermärkten für Ihre  bemerkenswerte Fähigkeit, das schlechte Benehmen vieler Kunden mit Würde zu ignorieren und trotzdem zu lächeln.

KOLUMNE „LAUT GEDACHT“ Und sie lächeln trotzdem: Was Mitarbeiter im Supermarkt alles ertragen müssen

Sandra Binkenstein
Im Nordwesten

Stellen Sie sich vor, wenn Sie alleine sind und ihr Mittagessen essen, dabei keine Zeitung zu lesen, keine Nachrichten im Fernsehen zu schauen, keine Sprachnachricht ihres besten Freundes abzuhören. Einfach nur essen, sonst nichts.

Stellen Sie sich vor, eine weite Strecke mit dem Auto in den Urlaub zu fahren, ohne Musik zu hören, ohne mit Freisprechanlage zu telefonieren, ohne aus Langeweile ihren ganzen Reiseproviant schon in der ersten halben Stunde zu futtern.

Klingt langweilig, oder? Vielleicht sogar kaum zu ertragen? Es ist schwer, wieder zu lernen, sich mit ganzer Aufmerksamkeit nur einer Sache zu widmen, wo man doch so kreativ darin geworden ist, seine Zeit noch effektiver zu nutzen und sich bei jeder Gelegenheit nebenbei unterhalten zu lassen.

Monotasking ist die eigentliche Herausforderung unseres modernen Alltags. Doch sie anzunehmen, lohnt sich: Wer in der Lage ist, in Stille zu essen, beim Gassi-Gehen mit dem Hund nur den Geräuschen der Natur zu lauschen, wer einen Film sehen kann ohne dabei ständig in die Chipstüte oder zum Handy zu greifen, der erlangt das zurück, was den authentischen, intensiven und fast verlorengegangenen Zustand des eigentlichen Seins ausmacht: die Wahrhaftigkeit im Hier und Jetzt.

Laut gedacht
Einfach auf der Theke abgestellt: Der Umgang mit dreckigen Tassen in der Büroküche sagt viel über die Menschen aus, die sie benutzt haben.

KOLUMNE LAUT GEDACHT Von Ignoranten bis Pedanten: Diese zehn Typen trifft man in der Büroküche

Sandra Binkenstein
Im Nordwesten
Sandra Binkenstein
Sandra Binkenstein Thementeam Soziales