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NWZonline.de Ratgeber

Auswanderer: Eine wundersame Begegnung in Finnland

10.09.2022

Kotka /Oldenburg /Delmenhorst Es klingt makaber, aber doch ist es wahr: Wenn Putin nicht in die Ukraine einmarschiert wäre, hätte ich diese Geschichte nicht schreiben können. Aber weil Putin die Ukraine überfallen hat und weil darauf hin Reedereien bei ihren Ostsee-Touren St. Petersburg gestrichen und durch finnische Städte ersetzt haben, konnte ich das Angebot für eine Ostsee-Kreuzfahrt ab Bremerhaven einfach nicht ausschlagen. Denn in St. Petersburg war ich mehrfach, in Kotka noch nie.

So befinde ich mich dann unter den nur 320 Passagieren, die an der Columbus-Kaje an Bord der „Vasco da Gama“ gehen. Mit Kopenhagen, Riga, Helsinki und Tallin sehe ich mir von früheren Reisen bekannte faszinierende Städte wieder, aber erst im unbekannten Kotka wird es richtig spannend.

Ein deutscher Reiseleiter

In dem 55 000 Einwohner zählenden Ort habe ich mir den Ausflug „Kotka und Hamina“ ausgesucht. Im Bus begrüßt uns ein Hüne von Mann in hervorragendem Deutsch. Kein Wunder; denn vor 40 Jahren ist er als deutscher Profi-Volleyballer in Finnland eingewandert – der Liebe und des Sports wegen, erzählt er. Auf unserer Tour zeigt er uns zunächst den Sapokka Water Garden – eine wunderschöne Park-Anlage.

In der Altstadt von Hamina empfiehlt uns unser Reiseleiter ein reizendes Café. Und da gehe ich der Herkunft unseres Reiseführer auf den Grund. Er sei in Oldenburg geboren und habe dort einen großen Teil seiner Kindheit verbracht. Als ich nach seinem Namen frage und er Ulf Tütken antwortet, habe ich auf Anhieb das etwas füllige Bild meines früheren Mathe-Lehrers Heinz Tütken vor Augen, der im Jahre 1962 an der Hindenburgschule vergeblich versucht hat, mich in die Geheimnisse der höheren Mathematik einzuweihen. „Ja, das war mein Vater“, antwortet 60 Jahre nach der besagten Schulzeit Sohn Ulf.

Das Eis ist gebrochen

Als ich ihm beichte, dass ich die menschliche Art seines Vaters sehr bewundert habe, auch weil er mir in Klassenarbeiten immer wieder statt einer verdienten 6 eine 5 gegeben und mir dadurch den Weg zum Abitur nicht verbaut hat, ist Ulf sichtlich gerührt. Von nun an ist das Eis gebrochen. Ulf wurde 1953 in Oldenburg-Eversten geboren und erlebte dort eine glückliche Kindheit. Als sein Vater 1962 als Oberstudiendirektor Leiter des Gymnasiums an der Willmstraße in Delmenhorst wird (bis 1971) folgt der Umzug der Familie nach Delmenhorst.

Und dort entwickeln sich die sportlichen Neigungen von Ulf geradezu explosiv. Ein Hobby ist Schwimmen, und im Delmenhorster Turnverein spielt er ab 1968 Volleyball. Er wird 1969 deutscher Jugendmeister und Mitglied der Junioren-Nationalmannschaft sowie im Jahre 1971 Mitglied der A-National-Mannschaft. Das bedeutet für den damals erst 19-jährigen auch die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1972 in München. „Ja, die Olympischen Spiele waren damals wirklich zunächst heiter“, berichtet Ulf.

Sportlich war der Auftritt des deutsches Teams weniger erfolgreich. Erhoffte Siege gegen die als gleichwertig betrachteten Mannschaften Brasilien und Kuba wurden knapp verpasst, so dass in der Sechser-Vorgruppe nur der letzte Platz heraussprang. Vom Attentat auf die Israelis bemerkten Tütken und sein Team zunächst überhaupt nichts.

Im Gegenteil, als sie am Morgen des 5. September 1972 zu ihrem letzten Gruppenspiel gegen Japan aufbrechen wollen, sind die Türen verschlossen. Man verschafft sich trotzdem nichts ahnend Zugang zu der Sporthalle, spielt dort planmäßig gegen Japan und verliert gegen den übermächtigen Gegner mit 0:3, erinnert sich Ulf. Als sie erst später von dem Drama hören, ist die Betroffenheit groß. Zwei aus dem Team reisen spontan ab. Aber der Rest der Mannschaft bleibt – auch dem Appell der Veranstalter folgend – im Olympischen Dorf: „The Games must go on“.

Nach Hamburg gezogen

Das Leben daheim geht auch weiter. Nach dem Abitur 1972 in Delmenhorst zieht es Ulf Tütken nach Hamburg zu den Volleyballern des HSV. 1973 beginnt er in der Hansestadt ein Studium als Lehreranwärter. Nach einem Referendariat in Osterholz-Scharmbeck spielt Sportler Tütken 1982/83 wieder beim HSV Volleyball und lernt bei einem Empfang seine finnische Frau Helena kennen. 1983 zieht er zu ihr nach Finnland, wird finnischer Staatsbürger (zwei Staatsangehörigkeiten sind damals nicht möglich) und wird in Lahti Volleyball-Profi.

Stelle als Deutsch-Lehrer

Da man nirgendwo auf der Welt auf Dauer nur vom Sport leben kann, sieht sich Tütken frühzeitig nach weiteren Einnahmequellen um, und dabei kommt ihm seine deutsche Herkunft zugute. Er nimmt ab 1985 als Angestellter eine Stelle als Lehrer für „Deutsch als Fremdsprache an“ und wagt 1989 die Gründung einer eigenen Firma zu den Themen Sprachunterricht, Dolmetscher und Übersetzer, wobei sein Spezialgebiet die Forstindustrie ist.

2003 erfolgt der Umzug nach Kouvola, wo sich Tütken bald stark engagiert und auch als Deutschlehrer an der Volkshochschule tätig wird. Ab 2018 ist Ulf zwar offiziell Rentner, aber arbeitet noch weiter als Lehrer.

Und auch der Volleyball steht weiter im Fokus. Ulf spielt in unteren Ligen und Altherren-Mannschaften und unternimmt Volleyball-Reisen nach Brasilien und Nordamerika. Seine unbändige Energie tobt er weiter einmal jährlich bei Radreisen mit Jugend-Freunden aus Bremen in ganz Europa (im Sommer 2022 waren Italien und Frankreich dran) aus. Und auch mit Gruppen aus seiner neuen Heimat Kouvola unternimmt er immer wieder Radreisen durch Mitteleuropa.

Lieber Deutsch sprechen

Nach einer Ausbildung zum Fremdenführer ist er gerade bei Veranstaltern von Kreuzfahrten ein sehr gefragter Reiseleiter in Finnland. Obwohl er einige Führungen auch in englischer Sprache absolviert, ist ihm die Variante Deutsch doch wesentlich lieber. „Auf Deutsch kann ich viel besser meinen Gästen die Schönheiten und die Gefühle für meiner längst sehr geliebte zweite Heimat Finnland näherbringen“, gesteht er. In Kouvola ist er nicht zufällig auch Vorsitzender der deutsch-finnischen Gesellschaft. Und während ich diese Zeilen schreibe, ist Tütken gerade mit einer Delegation unterwegs nach Mülheim ander Ruhr zur Feier der seit 50 Jahre bestehenden Städte-Partnerschaft mit Kouvola.

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