Im Nordwesten - Nichts auf dieser Welt hat eine vergleichbare Kraft, im Inneren eines Menschen Wonne auszulösen, einen ganzen Raum mit Wohligkeit zu füllen und die ganze Welt da draußen für einen Moment zum Stillstand zu bringen, wie Kuchen. Nussecken und Mandelhörnchen, gefüllter Butterkuchen, Blätterteigteilchen und Cremetorte: Niemand könnte ernsthaft behaupten, dass ein Dasein ohne diese Köstlichkeiten dem Maß an Genuss gerecht werden würde, das das Leben auf der Erde verdient.

Und um eines vorwegzunehmen: Ich weiß, dass Zucker pures Gift ist. Ich weiß, dass es süchtig macht, dass es krank macht, dass es dick macht. Aber wir reden hier nicht über Lebensmittel oder Ernährung, wir reden über Kultur. Nein, über Kunst! Über Savoir Vivre. Und wie sollte das ohne Kranzkuchen mit Zuckergussschicht, Mohnschnitten oder Rhabarber-Baiser-Torte auskommen? Ja wie bloß? Wo kämen wir hin, wenn wir Leidenschaft gegen Vernunft aufwiegen? Wenn wir das Erlebnis, selbst gebackene Kokosmakronen zu verköstigen, gegen die Tatsache ausspielen, dass wir damit langfristig Diabetes riskieren?

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Sandra Binkenstein
Im Nordwesten

Bevor Sie mir jetzt vorwerfen, Zucker zu verherrlichen und in der Verblendung gesunder Menschen mittleren Alters die Augen davor zu verschließen, wie Zucker Zähne zerstört, den Insulinspiegel durcheinanderwirbelt und uns von gesunder Ernährung entfernt, die wir in unserer Plastikwelt so dringend brauchen, möchte ich drei Dinge zu meiner Verteidigung vorbringen: Erstens muss nicht jeder Kuchen wahnsinnig süß sein. Hauptsache, es sind Nüsse drin. Und viel Butter. Über Cholesterin reden wir ein anderes Mal. Zweitens: Die Dosis macht das Gift. Ein Stück Kuchen am Sonntag wird jawohl noch erlaubt sein. Dass ich mich jetzt selbst belüge, dürfen Sie zwar vermuten, beweisen können Sie es aber nicht. Und drittens: Ich bin auch dafür, gut mit dem eigenen Körper umzugehen, die Umwelt zu schonen und mit Achtsamkeit zu leben. Ich verzichte auf Kreuzfahrten, fahre ein sparsames Auto, esse wenig Fleisch. Aber bei Kuchen hört der Spaß auf. Sie sehen das anders? Nun stelle ich die These auf: Wer ohne Gebäck ist, werfe den ersten Dominostein.

Das Gebäck in der Vorweihnachtszeit ist ohnehin einfach das Beste. Spekulatius ist vermutlich eine Erfindung Gottes, uns zu prüfen. Doch wie beim Apfel am Baum des Garten Eden ist er auch bei Lebkuchen und Koriandernüssen selbst Schuld daran, dass wir es essen, wenn er es vor unserer Nase ins Regal stellt. Ich wette, für den Fall, dass es einen Gott gibt (das Thema sprengt hier jetzt den Rahmen), ist sein ganzer weißer Bart voll mit Spekulatiuskrümeln, sobald der kalendarische Herbstanfang in Sicht ist.

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Im Nordwesten

Nun möchte ich am Schluss noch meine Hochachtung den Leuten aussprechen, die backen können. Denen, die in der Lage sind, aus den einfachsten Zutaten mit ein bisschen Raffinesse, viel Geduld, Selbstbeherrschung, Liebe zum Detail und einer Art seelischen Verbindung zu den Grundzutaten Butter, Eier, Mehl und Zucker das herzustellen, was mir den Sonntag versüßt. Die Welt braucht mehr Menschen, die vor Kreativität, Liebe und Fett triefende Herz-Erwärmer kreieren können, die über Generationen die gleiche Wirkung haben: dass wir uns zu Hause fühlen.

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Sandra Binkenstein
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Sandra Binkenstein
Sandra Binkenstein Thementeam Soziales