Im Nordwesten - Sie sind eine Zäsur auf deutschen Bundesstraßen, sie erschüttern nicht nur den Boden, auf dem sie fahren, sondern auch unseren Glauben daran, noch pünktlich zur Arbeit zu kommen, und mit ihrer gewaltigen PS-Power zerren sie kräftig an unseren Nerven: Traktoren rollen mit ihren riesigen Reifen die Straßen entlang und jedes Mal, wenn mich einer zwingt, vom Gas zu gehen, bemerke ich, dass diese Arbeitstiere nicht nur auf dem Feld, sondern auch in mir etwas bewegen.

Sie stellen mich vor die Wahl: Will ich einen Gang runterschalten, tief durchatmen und mich entspannen? Oder will ich all meine Aufmerksamkeit bündeln, das innere Energie-Level hochfahren und scharfen Auges so lange an dem Gefährt vorbeischielen, bis ich eine Gelegenheit erkenne, eine unwiderrufliche Entscheidung zu treffen, aufs Gas zu treten und zu überholen?

Vielleicht lesen Sie die Antwort schon aus diesen Zeilen heraus: Ich empfinde das Überholen in den meisten Fällen als anstrengend, stressig und gefährlich. Ich habe oft genug erlebt, wie viele unerwartete Dinge passieren – Rehe, die plötzlich über die Straße rennen, langsame Mofafahrer, die ohne Licht aus dem Schatten auftauchen, Autofahrer, die aus Seitenstraßen ohne zu schauen auf die Fahrbahn abbiegen. Wenn man bei der Zeitung arbeitet, hatte man auch schon die zweifelhafte Ehre, sich in beruflichem Kontext so manche Unfallstellen aus der Nähe anzusehen. Kurz: Ich überhole nur, wenn es wirklich passt.

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Und so gehe ich erst einmal entspannt vom Gas, wenn wieder einer dieser riesigen Traktoren auftaucht, und dann habe ich alle Zeit der Welt, zu beobachten, wie vor mir manchmal sieben, acht Autofahrer nervös immer wieder Anlauf nehmen und doch wieder bremsen, wie sie ausscheren und schnell wieder auf ihre Spur zurückkehren, wie sie dicht auf ihren Vordermann auffahren oder einfach mitten in der Kolonne ausbrechen, mehrere Fahrzeuge überholen, nur um dann doch hinter dem Trecker wieder einzuscheren, weil Gegenverkehr kommt.

Für viele Autofahrer scheinen landwirtschaftliche Gespanne auf den Straßen das reinste Ärgernis zu sein, das es um jeden Preis hinter sich zu lassen gilt. Die bevorstehende Mais-Erntezeit wird für sie wieder zur Geduldsprobe. Der Blutdruck steigt, die Lebensgefahr auch.

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Doch gerade, dass sie uns zur Langsamkeit zwingen, macht für mich den Reiz dieser Giganten der Straße aus. Es ist, als zögen sie vor uns mit schwerem Gerät und unter großer Kraftanstrengung eine Schneise durch die Zeit, die uns zwingt, mal langsam zu machen. Ich freue mich auf die Maisernte, darauf, wenn dieser feine Staub in der Luft liegt. Wenn die Landwirte und Lohner mit riesigen Maishäckslern in reiner Fleißarbeit Bahn um Bahn, Feld um Feld den Mais vom Land holen, die Landschaft verändern und so den Blick wieder freigeben auf das, was als Nächstes kommt: der Herbst.

Die Traktoren, die auf den Straßen meinen Arbeitsweg verlangsamen, bedeuten für mich auch immer ein Stück Heimat. Deswegen mache ich ihnen Platz, wenn sie mir auf schmalen Wegen begegnen, schaue gerne zu, wie sie beim Pflügen eine Traube aus gierigen Möwen hinter sich herziehen und stelle mir vor, wie es wohl ist, wenn man noch bis spät in die Nacht das Heu vom Land holen muss, weil es am nächsten Tag regnen soll. Sie halten das für eine hirnlose Dorfromantik, schlimmer als von Hermann Hesse? Wenn das so ist, dann fahren Sie bitte weiter, hier gibt es nichts für Sie zu sehen. Ziehen Sie dran vorbei, mit der Hand auf dem Lenkrad, dem Fuß auf dem Gas und den Gedanken schon am Ziel. Aber passen Sie dabei auf Ihre Mitmenschen auf – und auf Ihren Blutdruck.

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Sandra Binkenstein Thementeam Soziales