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Gesellschaft Meckern für die Würde des Menschen

Karin Eickenberg

Im Nordwesten - Nörgeln, ­Mosern, Motzen? – Na klar, meinen Insina Lüschen und ihr „Meckerkring“. Der Name des plattdeutschen Beschwerde-Chors ist Programm: Alles, was den Sängerinnen und Sängern gegen den Strich geht, was sie aufregt, nervt, empört, traurig oder wütend macht wird in Noten verpackt und auf die Bühne gebracht. Ob Klimawandel oder Hundekacke auf dem Bürgersteig, Grund zum Meckern gibt es genug. Und das mit Lust und Laune!

So auch bei ihrem Konzert in Bagband bei Aurich. Das war noch kurz vor der langen Corona-Zwangspause im Februar 2020. Die Martin-Luther-Kirche hatte das aufmüpfige Ensemble anlässlich der Fehntjer Frauenwochen engagiert. Und was sonst nur ­selten vorkommt: Das Gotteshaus war proppenvoll. Statt ­ordentlich in Reih und Glied standen die Chormitglieder locker und lässig im Altarraum herum.

Die Performance begann. „Sollen wir?“ fragte einer der Sänger. – „Schöll wie?“ „Sulln wie?“ „Schallt wie?“ „Schööt wie?“, echote der Chor. Damit war schon mal klar, was im Plattdeutschen Vielfalt bedeutet. Und ebenfalls machte der Meckerkring klar: Egal, ob wir proten, küren oder schnacken – Hauptsache, wir reden mit­einander!

„Laat us reden!“

„Laat us reden!“ hieß auch der erste Song der Gruppe. Über die Sprachlosigkeit in unserer Gesellschaft. Über Pestizide und Bienensterben, die Ausbeutung in Billig­lohnländern, Kreuzfahrt­tourismus, Tomaten in Plastik und Schweine in viel zu engen Ställen. „De Eer gifft kien ­Kredit“, wurde die aktuelle Umweltpolitik bemeckert und klar Position bezogen zur Flüchtlingsdiskussion: „Maak nich dien Dör dicht! Maak nich dien Hart dicht!“

Ein Beschwerde-Chor? Wie kommt man denn auf so was? „Das Format stammt eigentlich aus Finnland“, verrät Frontfrau Insina Lüschen. Dort habe das Meckern im Chor schon lange Tradition. „Es wird täglich so viel Energie mit Meckern aufgewendet, da ist es doch schlau, diese Energie zu bündeln und so zu kanalisieren, dass sie irgendwie produktiv und nicht nur destruktiv ist. Dass man einfach loslegt und das Ganze in eigenen Songs, mit eigenen Texten und Kompositionen als Chor performt! Und warum nicht auf Plattdeutsch?“

So entstand 2014 „De Meckerkring“. Eigentlich nur als Projektchor zum ­PLATTart Festival in Oldenburg. Doch die originelle Mischung aus Mecker, Mundart und Musik sorgte bei Publikum und Sängern für so viel Begeisterung, dass an „Aufhören“ gar nicht mehr zu denken war.

Inzwischen meckert sich der Chor durch das ganze plattdeutsche Land. Die Songs sprechen vielen Zuhörern direkt aus dem Herzen. „Trotz ernster Themen, ist immer auch ein bisschen Humor, ein Augenzwinkern dabei“, betont Insina. Die quirlige Vollblutmusikerin lebt in Hamburg und fährt ein- bis zweimal pro Monat extra nach Oldenburg, um mit dem Meckerkring zu proben.

Bisher 23 Chormitglieder

Die meisten der 23 Chormitglieder kommen vom ­Lande. Viele von ihnen sind noch mit Plattdeutsch auf­gewachsen. Andere haben die früher als „uncool“ geltende Bauernsprache neu für sich entdeckt. Fest steht, sie alle ­lieben diese traditionelle Mundart des Nordens und haben den Wunsch, sie lebendig zu erhalten.

Authentisch, ehrlich und immer mit Herz, das kommt rüber. Zumal die Gruppe tatsächlich alle Texte selber schreibt. Oft sogar die Melodien. Dabei sind hier weder professionelle Songschreiber noch Komponisten am Werk. Im Grunde seien sie „ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der sich durch Zeitungsanzeigen gesucht und gefunden hat.“

Alle Nase lang treffen sie sich zum großen Brainstorming: Was brennt uns auf der Seele? Worüber wollen, sollten oder müssen wir sprechen? Und wie bringt man die unterschiedlichen plattdeutschen Dialekte unter einen Hut? ­„Dafür haben wir das De­mokratie-Platt erfunden“, die Chorleiterin lacht, „wir stimmen einfach ab, was besser in den Song passt!“

Berührungsängste, selbst mit hammerharten Themen, kennt der Meckerkring nicht. „Wenn wir das Lied für die Rechte homosexueller Menschen singen, dann ist das ­natürlich ein Riesenaufschrei“, stellt Insina klar. Es werden ­darin alle Länder aufgezählt, in denen es noch Strafen für Lesben und Schwule gibt, bis hin zur Todesstrafe. „Das ist ein sehr langes Lied – weil, es sind viele Länder….“

Oder wenn es um Massentierhaltung geht. Gerade in ländlichen Regionen ein höchst sensibles Thema. „Wir wollen niemanden verurteilen, aber ich glaube, über Missstände kann man immer reden, auch, wenn es heikel ist.“

Und ja, sie seien ein politischer Chor, was denn sonst? Sie haben sogar ein neues künstlerisches Genre entwickelt, die „Plattformance“. Eine Mischung aus plattdeutschen Songs und Performance.

In einer abendfüllenden Bühnenshow geht es um die kritische Auseinandersetzung mit dem Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Um ­Fragen wie: Wo hört Freiheit auf und wo fängt sie an? Wie viel Toleranz braucht unsere Gesellschaft und braucht Toleranz Grenzen? „An solchen Abenden haben wir die Chance, das Publikum zum Nachdenken, ins Zweifeln, zum Lachen oder Weinen zu bringen“, schwärmt die 45-Jährige, „das ist einfach eine schöne Kraft!“

Viel positive Energie

Bei so viel positiver Energie bleibt die Frage: Ist Meckern gesund? Sehr sogar, ist Insina überzeugt. „Weil es einfach das Herz leichter macht! Wenn wir nicht drüber reden, schlucken wir‘s runter, machen es mit uns selbst aus – und irgendwann gibt‘s vielleicht einen großen Knall.“

Damit das nicht passiert, will der Meckerkring weiter motzen. Und jetzt kann er ­wieder los­legen! „Wegen Corona mussten wir zweieinhalb Jahre lang pausieren,“ sagt Hergen Garrelts, bei dem alle Fäden zusammenlaufen, „das war eine harte Zeit für uns!“

Seit Juni 2022 sind sie zurück auf der Bühne, hatten schon tolle Auftritte auf dem Oldenburger PLATTart Festival und der Plattformance im ­Kulturbahnhof Cloppenburg. 2024 feiert der Chor seinen 10. Geburtstag. Mit vielen Konzerten in und um Oldenburg. Und daran gibt es wirklich nix zu meckern!

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