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NWZonline.de Ratgeber

Ausstellung: Meisterstücke vor Müllabfuhr bewahrt

20.02.2016

Ovelgönne Mehrere Farbschichten auf großformatiger, von Ornamenten durchbrochener Pappe: Was auf den ersten Blick wie moderne Kunst aussieht, ist ein Werkzeug, das Maler in früheren Zeiten benutzten, um die Wohnräume wohlhabender Bürger zu verschönern. Entdeckt hat die Schablonen Susanne Schlechter, Leiterin des Handwerksmuseums Ovelgönne (Kreis Wesermarsch), in einer großen Kiste, die zwischen 1980 und dem Jahr 2000 ins Museum gekommen war und im Magazin verstaubte.

Präzise Zeichnungen

Die Kiste von Malermeister Ernst Maskow gab den Anstoß für die Sonderausstellung „Meisterwerke auf dem Sperrmüll – Wohnen und Leben mit dem Handwerk“ im Handwerksmuseum. Sie beleuchtet den Wandel in Handwerksberufen am Beispiel der Maler, Klempner, Tischler und Polsterer.

Als die Schablonenmalerei aus der Mode kam, wanderten die Utensilien in vielen Maler-Betrieben in den Müll. „Maskows Kiste ist ein Glücksfall fürs Museum“, sagt Schlechter.

Ein Glücksfall sind auch die etwa 1000 Zeichnungen von Diedrich Müller aus Neuenburg (Kreis Friesland) im Besitz des kleinen Museums. Nach seiner Ausbildung in Nürnberg zum Möbelzeichner arbeitete er im väterlichen Betrieb. Die Zeichnungen sind überaus präzise – selbst die Holzmaserung ist bis ins kleinste Detail erkennbar – und lassen erkennen, dass Diedrich Müller Wohnen als Gesamtwerk verstand. Fenstervorhänge, Tapeten und Bodenbeläge wurden auf die Möbel abgestimmt, Handwerk entwickelte sich zum Design.

Ergänzt werden Diedrich Müllers Zeichnungen durch Schablonen für Holzaufsätze, unter anderem für Sofas und Oberlichter für Türen, des Zimmergesellen Ernst Thümler aus Schwei aus der Zeit um 1900. Sie stammen aus einer privaten Sammlung.

Möbel, wie sie Diedrich Müller und Ernst Thümler bauten, leben heute weiter in der Playmobil-Welt. Für Susanne Schlechter ist es kein Zufall, dass Hans Beck, der Erfinder der Playmobil-Figuren, gelernter Möbelschreiner war.

Auf Hochglanz poliert, fällt in der Schau ein Kübel aus Messing ins Auge. Es ist das Meisterstück des Klempners Rudolf Menzel aus dem Jahr 1930. Als man den Kübel in einem Keller fand, war er verdreckt und unansehnlich. Zum Glück wanderte er nicht in einen Altmetallcontainer, sondern ins Museum, zusammen mit einer Wärmflasche und einem Puppenherd aus Messing samt kleinen Töpfchen. „Rudolf Menzel konnte aus einem Kupferpfennig einen kleinen Kessel dengeln“, weiß die Museumsleiterin aus Erzählungen von Angehörigen.

Palmfaser und Alpengras

Ein anderes Schmuckstück ist der Zimmerofen aus Messing von 1820. Er stammt aus der Werkstatt von Friedrich Mennig, der aus Sachsen nach Ovelgönne kam und ein angesehener Kupferschmied war. Bei seiner Ururenkelin stand der Zimmerofen viele Jahre dekorativ herum, bis sie sich entschloss, ihn dem Handwerksmuseum zu schenken – zum Glück.

Als der Blechschläger Carl Menzel seinen Betrieb 1904 in Schweewarden bei Nordenham gründete, produzierte er hauptsächlich Emaillegeschirr und Regenrinnen. Hauptgeschäft der Söhne Ernst und Rudolf Menzel in den 20er und 30er Jahren war die Installation von Wasserpumpen und das Verlegen von Wasserleitungen. Die dritte Generation verdient ihr Geld mit Heizungs-, Lüftungs- und Sanitärtechnik.

Rasant hat sich auch die Entwicklung vom Sattler zum Polsterer und Raumausstatter vollzogen. Dafür steht das Meisterstück von Alfred de Boer aus Rodenkirchen aus dem Jahr 1952. Der wuchtige Clubsessel sieht nicht nur gemütlich aus, er ist es auch und wie gemacht für stattliche Herren. Solide Hand-          werksarbeit mit Hilfe von Nähkloben, Stanzgerätschaften, verschiedenen Messern, Reffel-Holz, gebogenen Garniernadeln, Zangen und Gurtspannern. Als Polstermaterial wurden Palmfaser und Wollwatte verwendet. Matratzen, in den 50er Jahren noch dreigeteilt, polsterte man mit härterem Alpengras.

Wie Alfred de Boer führte auch der Elsflether Sattlermeister Hillrich Reemts genau Buch über seine Aufträge. Zum Glück für Susanne Schlechter. So weiß sie, dass Reemts zwischen 1944 und 1949 neben Möbelstücken für betuchte Kunden auch Halfter für Rinder und Koffergriffe und so seltsame Dinge wie Kindergeschirr und Aufschwingprügel herstellte. Sein Sohn Hans Reemts, ebenfalls Sattlermeister, reparierte in den 70er Jahren noch Kuhdecken neben seiner Haupttätigkeit als Raumausstatter.

Handwerker mussten also schon zu allen Zeiten flexibel sein.

Die Ausstellung„Meisterwerke auf dem Sperrmüll - Wohnen und Leben mit dem Handwerk“ ist noch bis zum 30. September im Handwerksmuseum (Breite Straße 27) in Ovelgönne zu sehen. Die Exponate stammen vor allem aus wertvollen Schenkungen, die das Museum in den vergangenen aus familiengeführten Handwerksbetrieben in der Wesermarsch erhalten hat.

Das Museum ist sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Am 6. März und 3. April lädt Museumsleiterin Susanne Schlechter jeweils um 13 Uhr zu Führungen durch die Ausstellung ein. Eine weitere Führung bietet das Museum am 15. April von 16 bis 18 Uhr an. Dann nimmt der Polsterer Henry Wesermüller aus Oldenburg die Stühle im Museum unter die Lupe und erläutert die Arbeitsweise eines Polsterers. Anmeldungen unter Telefon   04401/8 19 55.


     www.handwerksmuseum-ovelgoenne.de 
Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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