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NWZonline.de Ratgeber

Mit Pferd und Wagen in die Brandung

16.07.2016

Horumersiel „Dat Boot mutt rut!“ – Das Boot muss raus. Dieser Ruf signalisiert in Horumersiel (Kreis Friesland), dass auf See Gefahr für Leib und Leben besteht. Und das ist seit 150 Jahren so, auch wenn heute nicht mehr so oft platt gesprochen wird.

Es war 1866 gerade ein Jahr verstrichen, dass die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) in Kiel gegründet worden war, da wurde in Schillighörn in der heutigen Gemeinde Wangerland am Deich ein Ruderrettungsboot stationiert. Seitdem besteht die DGzRS-Station, sie zählt zu den ältesten Stationen an der Küste. „Viele erfolgreiche Einsätze sind überliefert, aber auch die Gefahren im Seenotrettungsdienst sind vielen Horumersielern bewusst“, sagt Gerhard Harder, Vorsitzer der DGzRS aus Bremen.

Retter ertrinken

In der Tat hat die Seenotrettung in dem kleinen Sielhafen immer einen besonderen Stellenwert eingenommen: Nur sechs Vorleute (so heißen die Kapitäne der Seenotrettungsboote und -kreuzer) führten in den vergangenen 150 Jahren die Station. Das zeugt von der Ernsthaftigkeit des ehrenamtlichen Engagements. Freiwilligkeit sei die allseitige Konstante der Seenotretter, so Harder. Die Arbeit werde heute wie vor 150 Jahren ausschließlich durch Spenden und freiwillige Beiträge finanziert.

Die Bevölkerung Horumersiels ist traumatisiert, als am 29. März 1845 sieben Männer im besten Alter beim Versuch, dem Küstensegler „Britannia“ des Kapitäns Johann Hedden Oltmanns zu Hilfe zu eilen, ertrinken. Sie alle finden eine gemeinsame letzte Ruhestätte auf dem Kirchhof von Minsen. „Die Kirche fasste die Trauergemeinde nicht“, schreiben die „Jeverländischen Nachrichten“. So mag die Bereitschaft, sich für die Seenotrettung einzusetzen, gut 20 Jahre später besonders stark gewesen sein – öffentlich unterstützt von Honoratioren aus Jever.

Das erste Boot blieb nicht lange in Schillighörn – es war zu klein. Ein Jahr später folgte ein neues Ruderrettungsboot mit Transportwagen, das zunächst auf der Weltausstellung in Paris gezeigt worden war. „Das Problem waren die Pferde“, weiß Wieland Rosenboom, Vorsitzender des Vereins Historische Seenotrettung Horumersiel. Während auf den Inseln Zugpferde bereitstanden, die sich nicht scheuten, in die Brandung zu gehen, waren die Ackerpferde der jeverländischen Bauern wintertags an warme Ställe gewöhnt. Deshalb verlegte man 1871 die Station an den Hafen Horumersiel.

Dort wurde das Boot auf einem Ablaufwagen positioniert, der in den Rettungsschuppen gezogen werden konnte. Im Einsatzfall glitt der Wagen ins Hafenbecken und das Boot konnte rausfahren.

Per Handschlag

„Das ist heutzutage einfacher“, sagt Günter Ihnken, sechster und amtierender Vormann der Station. Das Seenotrettungsboot „Bal­trum“, das seit 2005 in Horumersiel stationiert ist, liegt an einem Schwimmponton – allzeit bereit, wenn es heißt: „Dat Boot mutt rut!“

Ihnken (63) war in seinem Berufsleben Fischer und kennt das Revier wie seine Westentasche. „Bei Nordwest und Ebbstrom steht hier eine meterhohe See“, sagt er. Die Idylle des Wattenmeers kann trügerisch sein: Tidenwechsel, aufziehender Sturm oder plötzlicher Seenebel sind die alltäglichen Gefahren an der Nordostecke des Jeverlandes.

Er war 15 Jahre jung, als seinem Vorgänger Rolf Zeh ein Mann fehlte, um einen dringenden Einsatz zu fahren. „Per Handschlag hat mich Rolf verpflichtet – seitdem bin ich dabei“, sagt er. Auch die anderen zwölf Männer der Freiwilligen-Besatzung – und seit Neuestem mit der 22-jährigen Jacqueline Rödel auch eine Frau – sind salzwasseraffin und stammen aus dem Wangerland.

Die Seenotretter von Horumersiel – das ist die eine Seite der (Jubiläums)-Medaille. Die andere ist der Verein Historische Seenotrettung. Die „Historischen“, das sind Tüftler und Begeisterte, die die Geschichte der Seenotrettung aufarbeiten und erlebbar machen wollen. Das ist ihnen mit der Restaurierung des Ruderrettungsbootes „August Grassow“ hervorragend gelungen.

Das 1906 in Bremen-Blumenthal gebaute Stahlboot wurde als erstes Stationsboot auf der Station Westeraccumersiel in Ostfriesland eingesetzt und blieb dort bis 1947. Nach einem zweiten Leben als Sportboot gaben die Mitglieder des Vereins Historische Seenorettung Horumersiel der „August Grassow“ das ursprüngliche Leben zurück. Wie neu von der Werft liegt es jetzt im Schuppen am Hafen Wangersiel und kann dort in einer Ausstellung besichtigt werden.

Das 150-jährige Bestehenfeiert die DGzRS-Station Horumersiel am 23. und 24. Juli. Das Fest beginnt am Sonnabend um 10 Uhr mit einem Umzug durchs Dorf zur Rettungsstation am Hafen, wo ein abwechslungsreiches und informatives Programm rund um die Seenotrettung auf die Besucher wartet. Ab 19 Uhr gibt’s Diskomusik und Auftritte der Theatergruppe „Watt’n Spaß“.

Das Jubiläumsprogramm am Sonntag beginnt um 10 Uhr mit einem ökumenischen Freiluft-Gottesdienst am Hafen. Anschließend besteht Gelegenheit, das Rettungsboot „August Grassow“ zu besichtigen. Vor Ort sind auch die Rettungskreuzer „Bremen“ und „Vormann Steffens“. Dazu gibt es Vorführungen von Modellbootsbauern und Infostände.

Der Verein Historische Seenotrettung Horumersiel hat zum Jubiläum eine Chronik herausgegeben. Sie ist für einen Euro unter anderem bei der DGzRS am Hafen erhältlich.


     www.seenotretter.de 
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