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Geschichte Mit spitzer Feder gegen Nazi-Terror

Lore Timme-Hänsel

Oldenburg/Esterwegen - Der von hohen Bäumen gesäumte Weg führt über Stahlplatten auf die ehemalige Lagerstraße, den Ort schwerster Misshandlungen im Konzentrationslager Esterwegen im Emsland. Der Besucher folgt der Straße, die an zwei schlichten Gedenksteinen vor einer rostbrauen Stahlwand endet. Sie erinnern an den Journalisten und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, der von Februar 1934 bis Mai 1936 in der „Hölle am Waldesrand“, wie das KZ von den Häftlingen genannt wurde, Folter und Schikanen ausgesetzt war.

Vor 125 Jahren, am 3. Oktober 1889, wurde Ossietzky in Hamburg geboren. Die Universität Oldenburg trägt seinen Namen.

Kritik an Militärjustiz

Früh erkannte der renommierte Journalist die Gefahr, die von den Nationalsozialisten für die Weimarer Republik ausging, und warnte in seinen Artikeln vor der Diktatur. Seine Sprache sei „nicht von Pappe“, urteilte der Herausgeber der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“, Siegfried Jacobsohn, über Ossietzkys Stil. Hinter der Angriffslust mit spitzer Feder verbirgt sich ein zurückhaltender und schüchterner Mensch. Kollegen beschreiben ihn als feinsinnigen Aristokraten.

Carl von Ossietzky ist drei Jahre alt, als sein Vater stirbt. Er wächst bei seiner Tante auf, mit finanzieller Unterstützung durch den späteren Hamburger Bürgermeister Max Predöhl besucht er Privatschulen. Er fällt zweimal durch die staatliche Prüfung zur mittleren Reife. Ein drittes Mal wird er wegen seiner schwachen Leistungen in Mathematik nicht zugelassen.

Es ist Predöhl, der dem 17-jährigen Schulversager eine Stelle als Hilfsschreiber im Hamburger Justizdienst verschafft. Aufgrund akzeptabler Leistungen wird er 1910 ins Grundbuchamt versetzt und beginnt neben der Arbeit für verschiedene Zeitungen zu schreiben. Der Ärger mit der Obrigkeit lässt nicht lange auf sich warten.

Wegen seiner Kritik an der Militärjustiz in einem Artikel muss er sich 1914 vor Gericht verantworten und wird zu einer Geldstrafe von 200 Mark verurteilt. Die Strafe zahlt seine Frau Maud Lichfield-Woods, die er 1913 geheiratet hat. Die Tochter eines britischen Offiziers und Urenkelin einer indischen Prinzessin ist in der englischen Frauenbewegung aktiv und unterstützt Ossietzkys journalistischen Karrierepläne.

Internationale Kampagne

Den entscheidenden Schritt in seiner journalistischen Karriere macht der überzeugte Kriegsgegner aber erst im Sommer 1924 in Berlin, als er auf Vermittlung des Schriftstellers Kurt Tucholsky Mitarbeiter der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“ wird. Ab 1926 arbeitet er als politischer Redakteur für die Zeitschrift und wird 1927 deren Herausgeber.

Ein 1929 in der „Weltbühne“ veröffentlichter Artikel über die verbotene Aufrüstung der Reichswehr bringt Ossietzky 1931 erneut vor Gericht. Der Prozess sorgt international für Aufsehen. Wegen Verrats militärischer Geheimnisse wird Ossietzky zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Anders als ein mitangeklagter Flugzeugexperte lehnt er es strikt ab, sich der Haft durch Flucht ins Ausland zu entziehen.

Dramatisch wird die Lage für ihn nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Am Morgen nach dem Reichstagsbrand, am 28. Februar 1933, wird er verhaftet. Freunde hatten ihn zuvor bedrängt, ins Ausland zu fliehen. Wieder lehnt Ossietzky eine Flucht ab. Im Frühjahr 1934 kommt er mit dem Moorexpress im KZ Esterwegen im Emsland an. Er wird schwer misshandelt und muss unter unerträglichen Bedingungen im Moor arbeiten. Ende des Jahres ist er mit seinen Kräften am Ende, todkrank wird er in das Krankenrevier verlegt. Als er im Mai 1936, kurz vor Beginn der Olympischen Spiele, ins Berliner Staatskrankenhaus der Polizei überführt wird, diagnostizieren die Ärzte eine schwere offene Lungentuberkulose.

Freunde Ossietzkys, darunter die Schriftsteller Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und Arnold Zweig, hatten unterdessen eine internationale Kampagne gestartet, dass Ossietzky der Friedensnobelpreis verliehen wird. Der Preis wird ihm schließlich 1936 rückwirkend für das Jahr 1935 zugesprochen. Die Gestapo, unter dessen Aufsicht er auch im Krankenhaus steht, verbietet ihm die Reise nach Oslo zur Entgegennahme des Preises. Adolf Hitler verfügt, dass in Zukunft kein Reichsdeutscher mehr einen Nobelpreis annehmen dürfe.

Ossietzky stirbt am 4. Mai 1938 im Alter von 49 Jahren im Krankenhaus Nordend in Berlin-Niederschönhausen. Seine Frau Maude und Tochter Rosalinda können nach Schweden emigrieren.

Die Universität Oldenburg gab sich 1991 nach langjährigem Widerstand der niedersächsischen Landesregierung in Hannover den Namen Carl-von-Ossietzy-Universität. Die Universität verwaltet den Nachlass von Carl und Maud von Ossietzky. Deren Tochter Rosalinda war bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 Ehrenbürgerin der Universität.

Die Stadt Oldenburg verleiht seit 1984 alle zwei Jahre den Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik. Am Theaterwall in Oldenburg erinnert seit 1996 eine von Manfred Sihle-Wissel geschaffene Bronzebüste an Ossietzky.

Seit 1962 vergibt die Internationale Liga für Menschenrechte in Berlin die Carl-von-Ossietzky-Medaille. In der DDR wurde von 1963 an vom Friedensrat der DDR ebenfalls eine Carl-von-Ossietzky-Medaille verliehen.

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