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Experimentelle Archäologie Mittelalter beginnt gleich hinterm Graben

Thomas Olivier

Meßkirch/Varel - Bert M. Geurten schließt seine blaue Daunenjacke über dem grauen Edel-Sakko. „Der Wald wird hier bald verschwunden sein“, prophezeit der Projektleiter. „Dann können Sie von unseren Kirchtürmen bis zu den Schweizer Alpen sehen.“

Geurten wird die Voll­endung seines Traums nicht erleben. Der Radiojournalist und studierte Betriebswirt ist jetzt 63 Jahre alt. Erst in vier Jahrzehnten wird der Schlussstein für das weltweit einzigartige Wissenschaftsprojekt „Campus Galli“ gesetzt. „Früher war es doch auch ganz normal, dass Baumeister die Fertigstellung großer Bauvorhaben nicht mehr selbst erlebt haben.“

Noch viel zu entdecken

Die Zeitreise hat uns in die Nähe des Städtchens Meßkirch geführt, keine halbe Autostunde nördlich des Bodensees. Aus dem Dickicht schallt das dumpfe Echo von Axt- und Hammerschlägen. Auf einem hügeligen Waldareal von 26 Hektar wächst in mühseliger Handarbeit ein karolingisches Großkloster heran: 52 Häuser und eine Kathedrale für 2000 Menschen. Mit Kaiserpalast und Pilgerherberge, Schule und Werkstätten, Spital und Klausur, Speisesälen, Ställen, Brauerei, Kornscheuer, Äckern, Friedhof, Weiden, Obst- und Kräutergärten. 18 Mittelalterspezialisten, darunter Kunsthistoriker und Archäologen, Baugeschichtler, Wasserexperten und Geologen vereinte Geurten für dieses Abenteuer der experimentellen Archäologie – 1200 Jahre nach dem Tod von Kaiser Karl dem Großen.

Das Mittelalter beginnt hinter einem Graben und einem mit Hecken und Dornen bepflanzten Wall. Zug-Ochsen äsen auf der Weide. Hähne schreien, Schweine grunzen. Frauen und Männer in Leinengewändern, wollenen Wadenwickeln und Loden­umhängen gehen ihrer Arbeit nach. Sie spalten Felsbrocken, weben und töpfern, transportieren Steine, Mörtel und Holz mit zweirädrigen Ochsenkarren. In einem halboffenen Grubenhaus lodert ein offener Schmiede-Ofen. Täglich entstehen auf dem Dengeleisen neue Meißel für die Steinmetze. Jeder der unzähligen Nägel, die in die Dächer und Balken getrieben werden, ist ein Unikat.

Man wisse sehr wenig über das frühmittelalterliche Handwerk, sagt Geurten. „Höchstens ein paar Bilder und Kirchenfenster zeigen karolingische Handwerker bei der Arbeit. Es gibt fast keine Quellen.“ Das soll sich jetzt ändern: Erstmals wird ein legendäres Architekturdenkmal aus dem 9. Jahrhundert mit den Techniken des Mittelalters als Bauwerk verwirklicht. Seit 1200 Jahren lagern die fünf zusammengenähten Pergamentblätter unter der Signatur „Cod. Sang, 1092“ in der Stiftsbibliothek St. Gallen.

Es ist die einzig erhaltene Architekturzeichnung aus der Zeit zwischen der Antike und dem 14. Jahrhundert. Historiker vermuten, dass das architektonische Juwel im Aachener Scriptorium des Karolinger-Herrschers entstanden ist. In einer Epoche, die Geurten besonders am Herzen liegt. „Kein Wunder, wenn man in Aachen geboren ist und Karl der Große sozusagen zur Familie zählt.“

Die Idee, die vergessene Klosterstadt aus dem Boden zu stampfen und der Nachwelt zu präsentieren, verfolgt Geurten seit der Kindheit. 1965 hatte er die große Karls-Ausstellung im Aachener Rathaus besucht und stundenlang staunend vor dem Modell des St. Galler Klosterplans ausgeharrt. „Ein Schlüsselerlebnis“ für den damals 16-jährigen Gymnasiasten. Als Geurten vor neun Jahren eine Reportage über den Burgenbau von Guédelon (Frankreich) sah, wurde ihm klar: „Das willst du auch machen!“ Nur anders: Die Ritterzeit des 13. Jahrhunderts war ihm zu ausgelutscht. „Das meiste ist uns bekannt.“ Aber im 9. Jahrhundert gibt es noch viel zu entdecken.

Bei Wind und Wetter

2013 wurde der Grundstein für das Projekt gelegt. Die Anschub-Finanzierung von 1,2 Millionen Euro ist gesichert: Geurten erhält Unterstützung vom Land Baden-Württemberg, vom Kreis, von der Stadt Meßkirch, von privaten Sponsoren und Arbeitsloseninitiativen, die vom Europäischen Sozialfonds gefördert werden. Seit Anfang April finanzieren Besucher den Bau mit. „Wir rechnen mit bis zu 200 000 Menschen pro Jahr.“

Die derzeit etwa 50 Handwerker und freiwilligen Helfer hocken bei Wind und Wetter in zugigen Grubenhäusern mit Schutzdächern aus Holzschindeln und Wänden aus lehmbestrichenem Weidenflechtwerk. Kein Handy, kein Strom. An regnerischen Tagen watet man durch den Schlamm.

Einer Frau im fränkischen Leinenkleid und grauen Woll-Umhang scheint die Kälte nicht zuzusetzen. Mit flinken Händen holt Mareike Punzel, auf dem Kloster-Acker den Kohl aus der Erde. Geerntet werden nur Obst und Gemüsesorten, die im 9. Jahrhundert auf den Äckern wuchsen – Rüben und Pastinaken, Dinkel und Ackerbohnen, Schwarzkraut, Äpfel und Knoblauch. „Der Obstgarten war gleichzeitig der Friedhof für die Mönche“, sagt die Agrar-Biologin aus Varel (Kreis Friesland). Die Wissenschaftlerin umsorgt neben den Schafen, Ochsen und Schweinen auch die „glücklichsten Hühner Europas“. Abends um halb sechs geht es zurück ins 21. Jahrhundert. „Dann ist Feierabend.“

An einer Lichtung demonstriert Janina Lühmann (24) wie man aus einem Bündel getrockneter Lindenrinde ein Seil zwirbelt. Mit unendlicher Geduld löst sie die einzelnen Fasern aus dem Stiel, dreht sie auf und rollt daraus einen Faden. Aus unzähligen Fäden wird dann irgendwann ein Seil.

Die Studentin aus Winsen an der Aller, die in Kassel Ökologische Landwirtschaft studiert, hat für zwei Monate als freiwillige Helferin angeheuert. Das Lachen ist ihr schon nach ein paar Tagen vergangen: „Man bekommt einen wahnsinnigen Respekt vor der Arbeit der Menschen im Mittelalter.“

40 Jahre wird es dauern, bis die Klosteranlage bei Meßkirch, einer Kleinstadt im westlichen Oberschwaben zwischen Donau und Bodensee, fertiggestellt ist. Solange haben Besucher die Möglichkeit, den Handwerkern über die Schulter zu schauen, die Entwicklung der Klosteranlage zu verfolgen und sogar selbst mitzuarbeiten. In diesem Jahr sollen eine Holzkirche und eine Scheune errichtet werden. Geöffnet: dienstags bis sonntags 10–18 Uhr.

Kontakt: Campus Galli, Hauptstraße 25–27, 88605 Meßkirch, t  07575/92 53 03E-Mail: info@campus-galli.de

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