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Tourismus Mundraub ausdrücklich erwünscht

Melle/Löningen - Wie ein Vogelschwarm stürzt sich die Radlergemeinde kurz vor Bersenbrück in eine Streuobstwiese. Die liegt zwar nicht direkt am Hasetalradweg, aber die Früchte sind erntereif. Und Besitzerin Liesel Schmidt hat ein großes Herz: „Wer fragt, kriegt alles“. Und so darf sich die Gruppe mit leckeren Kirschen der Sorten „Hedelfinger“ und „Finkenwerder“ den Bauch vollschlagen. Die Pflaumen lassen auch nicht mehr lange auf sich warten. Und im September hängt alles voller Äpfel und Birnen, sagt Schmidt.

Ritterschlag

Dass dann wieder jemand in ihren Garten einfällt, muss sie kaum fürchten. Denn die leckeren Früchte lassen sich auch direkt am Wegesrand ernten. Längs der Hase laden rund 2000 öffentliche Obstbäume zum legalen Mundraub ein. Hier und da erleichtern sogar Bänke mit Räuberleitern das Pflücken.

Die von der Hasetal-Touristik ausgearbeitete Mundräuber-Radtour hat 2014 den Deutschen Tourismus Preis als „zukunftsweisendes Projekt“ erhalten. Der Preis gilt in der Branche als eine Art Ritterschlag.

Wir starten in Melle, der drittgrößten Stadt Niedersachsens, was die Fläche betrifft. Immer vorneweg: Bernd Meyer, unser Gästeführer auf der ersten Hälfte der Strecke. Dahinter neun Radler im Alter zwischen 46 und 73 Jahren, fast alle Hasetal-infiziert und Wiederholungstäter. Ein Gästeführer erleichtert das Radeln ungemein, weil man seine Nase nicht ständig an irgendwelchen Weggabelungen in irgendwelche Karten stecken muss. Wobei das Hinterherradeln bei Bernd Meyer nicht so ganz einfach ist – der Mann hat Alpenerfahrung. Und die Ausläufer des Teutoburger Waldes sollten nicht unterschätzt werden.

Von der Hase ist erstmal nichts zu sehen. Ihre Quelle nahe der Grenze zu Nordrhein-Westfalen ist fast trocken, ein Rinnsal nur. In Gesmold ist sie dann schon gut zwei Meter breit, muss aber einen Teil ihres Wassers auch gleich wieder abgeben – an die Else. Der Fluss teilt sich, ein weltweit seltenes Phänomen, von Fachleuten Bifurkation genannt. Etwa zwei Drittel des Wassers bleiben in der Hase, die in die Ems mündet, ein Drittel fließt in der Else der Weser entgegen.

Während Radlerkollege Gerd als gelernter Schlosser schnell noch ein Mühlenrad am Bifurkations-Modell repariert, erzählt Bernd, dass die Schweden im 30-jährigen Krieg (1618–1648) der Stadt Osnabrück im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser abgegraben haben. Sie ließen einen Damm errichten und leiteten das Wasser der Hase um. Ohne Wasser im Stadtgraben war Osnabrück schutzlos und musste sich ergeben, blieb aber weitgehend unzerstört. Und deshalb können wir uns am nächsten Tag auch das Rathaus mit dem Saal ansehen, in dem der Westfälische Friede ausgehandelt wurde.

Honig und Marmelade

Hinter Osnabrück folgen wir eine Weile dem Lauf eines Kanals. Entspannt radeln wir unserer täglichen Kaffeepause entgegen. Immer häufiger säumen ausgedehnte Felder unseren Weg, Weizen, Gerste, manchmal Kartoffeln. Dazwischen prächtige Fachwerkhöfe – wir nähern uns dem Artland.

In Badbergen empfängt uns Holger Fuchs-Budde-Gottwald. Der Imker beantwortet geduldig alle unsere Fragen, bis hin zum Orientierungsverhalten einer Biene oder zur Begattung in der Luft. Das Wichtigste aber: „Ohne Bienen könnten wir keine Äpfel und Birnen ernten.“ Und deshalb macht sich der Imker stark für eine vielfältige Landwirtschaft. Denn Bienen brauchen eine „ausgewogene Ernährung“. Am Ende dürfen wir naschen: Rapshonig aus dem Artland, Akazienhonig aus der Märkischen Schweiz, Buchweizenhonig aus der Lausitz.

Noch nahrhafter gestaltet sich unser Besuch bei Hildegard Westermann. Zum Auftakt reicht die Landfrau aus Herßum einen Aperitif aus Stachelbeersirup und alkoholfreiem Sekt. Dann kommen Brot, Butter und Frischkäse auf den Tisch. Und dann ein Tablett mit 19 Marmeladensorten, alle selbst gemacht, vertraute wie Erdbeere und gewöhnungsbedürftige wie Löwenzahnblütengelee oder Bier-Holunder-Gelee. Einmachtipps gibt’s gratis dazu.

So nähern wir uns, angeführt von Albert Vaske, unserem zweiten Gästeführer, der Mündung der Hase bei Meppen. Vermutlich würden wir den Weg auch ohne ihn finden – die Zahl der Obstbäume wächst, die Ausschilderung ist mustergültig. Ohne Albert hätten wir allerdings nichts erfahren über die größte säulenlose Saalkirche Deutschlands, die St.-Vitus-Kirche in Löningen (Kreis Cloppenburg). Oder über die Spirituosenmetropole Haselünne. Gegen Ende spendiert Albert unter dem Blätterdach einer Eiche noch einen Kräuter-Likör: „Auf das Hasetal“.

Mundräuber-Tour: Rund 200 Kilometer an fünf Tagen, mit Übernachtungen in Melle, Osnabrück, Bersenbrück und Löningen. Buchbar von April bis Oktober. Nächste geführte Radtour: 30. September bis 4. Oktober, 333 Euro. Leihrad 35 Euro, E-Bike 60 Euro (für fünf Tage).

Erntezeiten: Kirschen und Pflaumen noch im August, Äpfel und Birnen bis Ende Oktober, Anfang November.

Informationen: Hasetal Touristik, t  05432/599599

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