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NWZonline.de Ratgeber

Freizeit: Muscheln und schwarze Marmelade

12.10.2013

Varel Richtig kernig sieht er aus, mit seinem Vollbart, der Schiffermütze und dem blauweißgestreiften Fischerhemd. Eben wie ein waschechter „Hafenbuttjer“. Was das ist? Da fragen wir ihn doch am besten selbst. Gerold Lühken, stadtbekannter Gästeführer, steht bereits vor dem alten Frachtkran am Vareler Hafen und begrüßt eine Gruppe gut gelaunter Touristen.

Hafenbuttjer, lässt er wissen, nannte man in Varel alle Leute, die nördlich der Bahnlinie lebten. Lühken kennt dort jeden Schipper und jede Planke. Schließlich stammt er selbst aus einer alten Fischerfamilie. Lebhaft kann sich der 67-Jährige daran erinnern, wie er als Kind mit seinem Vater die Fangkörbe geleert hat und er mit einer Kiste hinten auf dem Fahrrad losgeradelt ist, um den Granat für 20 Pfennig das Pfund zu verscherbeln. Oder wie er sich mit den anderen Jungs von den Muschelbergen hat runterrollen lassen, die dort in riesigen Haufen lagerten.

Keine Zeit für Romantik

Aber da sind wir schon eine Geschichte und ein paar Schritte weiter, auf dem Werksgelände einer großen Maschinenbaufabrik. Dort standen bis in die 1970er Jahre die Muschelmühlen von Wilhelm Poppe und Jan Meyer. Seemuschelschrot sei in der Nachkriegszeit höchst begehrt gewesen, erklärt Lühken, als Futterergänzungsmittel für Hühner.

„Man fuhr mit den Muschelsaugern raus. Das waren lange Rohre, die wurden außerhalb der Schiffe runtergelassen, mit denen konnte man den Schill direkt von den Muschelbänken absaugen.“ Die leeren Schalen wurden getrocknet, zermahlen, in Säcke abgefüllt und an die Mischfutterfabriken geliefert. Dafür gab es sogar extra einen Gleisanschluss, wie die noch heute am Hafen sichtbaren Eisenbahnschienen zeigen.

Außerdem gab es eine Lorenbahn. Die brachte Sand zum Mischen in die beiden Ziegeleien. „Das war eine gute Mitfahrgelegenheit für uns Kinder“, Lühken lacht, „man durfte sich nur nicht erwischen lassen.“

Für Hafenromantik blieb damals wenig Zeit. Rund 20 Fischerboote lagen noch in den 50er und 60er Jahren im Hafen. Wo man heute mit Blick aufs Wasser Kaffee trinken kann, stank es früher gewaltig. Dort verarbeiteten die Fischer ihren Fang. Krabben, die zu klein zum Pulen waren, und der Beifang kamen auf die Darre zum Trocknen, um sie als Viehfutter zu verkaufen. „Wir haben immer gesagt: Das stinkt nicht, das riecht nach Geld!“, sagt Lühken. Außerdem sei das noch gar nichts gegen den Gestank der Fabrik gewesen, in der einst Knochenleim hergestellt wurde und von der es hieß, die würden aus Schlick Farbe machen.

Neben Granat holten die Fischer auch Butt und Seezungen aus dem Jadebusen. Einmal hätten sich sogar sechs Störe in den Stellnetzen verfangen. Lühken reicht ein vergilbtes Zeitungsfoto von 1956 herum. Das Bild zeigt mehrere Männer, die einen riesigen Fisch an Bord hieven. Auch Gerold, damals zehn Jahre alt, und sein Vater sind dabei. „Ich weiß noch genau, es gab bei uns den ganzen Winter durch sonntags immer so komische schwarze Marmelade – die war salzig und körnig, und ich mochte die überhaupt nicht!“ Kaviar ist eben nicht jedermanns Geschmack.

Jetzt gibt es nur noch einen einzigen Berufsfischer im Vareler Hafen. Das Haus von Hans Schröder ist das letzte vor der Schleuse, und heute liegt auch sein Kutter, die „Var 6“, dort vor Anker. Schröder gehört zur Fischereigenossenschaft Fedderwardersiel und landet in Dangast an.

Lieblingsplatz im Schilf

Vorbei am „Halbmondhafen“ mit seinen 150 Liegeplätzen für den Wassersportverein geht es zur großen Sielschleuse, die den Hafen tideunabhängig macht. „Der Schleusenwärter ist der erste Bürger von Varel“, sagt der Hafenbuttjer, womit er Recht hat, wenn man von See kommt. Einer dieser Schleusenwärter war Karl Schütte. „Mit dem musste man sich gut stehen, wenn man mit dem Boot kam – der priemte nämlich. Und wen er nicht mochte, dem spuckte er von oben den Priem an Bord.“

Sogar ein großer Leuchtturm stand mal am Vareler Siel. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Aber immerhin kann Lühken noch das alte Leuchtturmwärterhaus auf dem Kohlhof-Gelände zeigen.

Damit sind wir am nördlichen Hafenufer und noch lange nicht am Ende der etwa vier Kilometer langen Rundtour. Da gibt es noch die Bootswerft, den Schiffsausrüster, das Kuriositäten-Museum „Spijöök“, die kleinste Kneipe Deutschlands, das Brauhaus, die Kunstgalerie im alten Zollhaus – Lühkens Lieblingsplatz auf einer Bank im Schilf, direkt am Wasser. Aber die Geschichten und Döntjes drumherum, die sollte man sich vom Hafenbuttjer selbst erzählen lassen.

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