Hannover - „Beamtenstadt“, „Stadt des Mittelmaßes“, „Hochburg der Kriminalität“: Niedersachsens Landeshauptstadt hat unter den Großstädten nicht gerade das beste Image. Dabei hat Hannover eine pulsierende Kunst- und Kulturszene, gilt als bedeutende Sportstadt mit einer großen grünen Lunge. Und in der Innenstadt begeistern drei kunterbunte, voluminöse Frauenfiguren: die drei „Nanas“ von Niki de Saint Phalle (1903-2002). „Charlotte“, „Caroline“ und „Sophie“, so die Namen, gehören zu den beliebtesten Foto-Motiven in der Stadt. Vor 50 Jahren wurden sie am Leine-Ufer aufgestellt.
Ein kreativer Kopf
Die Vorgeschichte: Eine Studie beschrieb 1969 Hannover als „langweiligste Stadt Deutschlands“. Das Image-Problem nahmen Oberstadtdirektor Martin Neuffer und Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg (SPD) zum Anlass, gegenzusteuern. Mit Mike Gehrke als „Stadt-Imagepfleger“ wurde ein kreativer Kopf eingestellt. Er veranstaltete Flohmärkte und Stadtfeste – und initiierte ein Straßenkunstprogramm. Nicht Blasmusik, sondern „Happening“ war angesagt. Eine aufblasbare Plastikwurst verstopfte die Gassen der Altstadt; und dazwischen gab’s Beat-Musik. Der damals 29-jährige Gehrke war mit Niki de Saint Phalle befreundet. Im Januar 1974 wurden die drei Nanas am Leine-Ufer fest aufgestellt.
Der Standort war klug gewählt, meint Reinhard Spieler, Direktor des Sprengel Museums unweit des Maschsees. Die gesamte städtische Sammlung mit Werken renommierter Künstler befand sich in den 1970er-Jahren noch im Museum August Kestner am Neuen Rathaus. Die Nanas sind ein wichtiger Punkt der Skulpturenmeile zwischen Kestner und Herrenhäuser Gärten.
„Nana Power“ heißt das Jubiläumsprogramm der Stadt Hannover am 8. und 9. März anlässlich der Aufstellung der Nanas von Niki de Saint Phalle am Leine-Ufer vor 50 Jahren. Am Freitag, 8. März, gibt es um 18.30 Uhr im Sprengel Museum ein Podiumsgespräch mit Angela Kriesel, Tochter von Bernhard Sprengel und Zeitzeugin, Ex-Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg, Nikis Ex-Assistent Marcelo Zitelli, Künstlerin Christiane Oppermann und den Kuratorinnen Nora Brünger und Carina Plath. Direkt bei den Nanas am Hohen Ufer folgt am Samstag, 9. März, von 11 bis 16 Uhr, ein Mitmach-Programm für Kinder. Eine „Witches Tea Party“ gibt es für Erwachsene: Die Künstlerinnen Constanze Böhm, Sabine Müller und Maximilian Neumann bespielen den „blumen hans“, einen alten Marktwagen mit Mikrobibliothek und Café.
Einmalig um 15 Uhr gibt es den „Sculpture Transfer“: Zum 50. Geburtstag verbünden sich am Hohen Ufer drei Künstlerinnen verschiedener Generationen mit Charlotte, Sophie und Caroline und untersuchen deren (aktuelles) Resonanzpotenzial. Performativ befragen Anna Grunemann und Christiane Oppermann (AG&CO) gemeinsam mit Carlotta Oppermann das von femininer Stärke und Unabhängigkeit geprägte Trio und Frauenbild der Künstlerin Niki de Saint Phalle, die sich über ihr bildhauerisches Schaffen hinaus als politisch Denkende und als Mitbegründerin des Happenings früh im männlich dominierten Kunstbetrieb durchsetzen konnte. Das von AG&CO im Kontext des Programms ‚Kunst umgehen‘ entwickelte Format ‚Sculpture Transfer‘ versteht sich als performative, meist nonverbale künstlerische Auseinandersetzung mit Objekten und Situationen im öffentlichen Raum zur Vermittlung der Kunst und Erweiterung der Wahrnehmung der Betrachter*innen.
Doch die Aufstellung der drei bunten, voluminösen Figuren aus Polyester und Fiberglas sorgte für einen Proteststurm in Hannover. Eine Bürgerinitiative sammelte mehr als 20 000 Unterschriften. Seitenweise druckten die örtlichen Zeitungen Leserbriefe. Von „Schnapsidee einer besoffenen Ratsherren-Stammtischrunde“ bis hin zu „obszöner Geldverschwendung“ war die Rede. Gehrke organisierte ein Tauziehen, das die Nana-Freunde gewannen. Als erhitzte Gemüter meinten, das Geld für die Nanas hätte man besser in einen Notarztwagen investiert, wurde trotzdem ein Rettungsfahrzeug beschafft – aus Spenden.
Eine düstere Geschichte
Die prächtigen Figuren mit leuchtenden Farben stehen für Lebensfreude und Buntheit. Es gibt aber auch eine düstere Geschichte dahinter, die Niki de Saint Phalle erst in ihren Memoiren publik gemacht hat. Als Elfjährige war sie von ihrem Vater missbraucht worden. Sie flog zweimal von der Schule, unter anderem weil sie bei Gipsplastiken das Geschlecht mit schriller grüner Farbe übermalt hatte. „Die Konzeption der Nana als Kunstfigur ist eine Reaktion auf diese Erfahrung“, sagt Spieler. „Das Interessante daran ist, dass sie nicht ins Negative geht, sondern dem wirklich eine positive Kraft entgegensetzt mit diesen starken, lebensbejahenden Frauen.“ Mit den Nana-Figuren antizipierte die französisch-schweizerische Künstlerin die Mitte der 1960er-Jahre aufkeimende Frauenbewegung.
Maler Andreas Rollitz streicht den Sockel der Nana-Figur „Caroline“ am Hohen Ufer in Hannover.
Stefan Idel
Hübsch machen fürs Jubiläum: Maler Andreas Rollitz streicht den Sockel der Nana „Caroline“.
Stefan Idel
Zeichnet fürs Jubiläumsprogramm verantwortlich: Nora Brünger, Kuratorin für Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Hannover, im Sprengel Museum
Stefan Idel
Blick auf die Nana-Figur „Gwendolyn“ im Sprengel Museum Hannover: Nora Brünger, Kuratorin für Kunst im öffentlichen Raum
Stefan Idel
Künstlerin Niki de Saint Phalle im Jahr 1998 vor einer der monumentalen Nana-Freiluftfiguren in Hannover. Die 70-Jährige übereignete wegen ihrer großen persönlichen Verbundenheit mit der Stadt dem hannoverschen Sprengel Museum mehr als 300 ihrer Werke.
Wiebke Langefeld
Restaurierung im Jahr 2003: Die „Caroline“ wurde vom Socke geholt und in einem Betrieb in Großenheidorn (Region Hannover) von Juniorchef Andreas Hahlbrock und Mitarbeitenden instand gesetzt.
Wolfgang WeihsDie Geschichte von den Nanas und Hannover hat ein Happy End: Niki de Saint Phalle wurde im Jahr 2000 zur Ehrenbürgerin ernannt. Sie schenkte der Stadt knapp 400 Werke: frühe Assemblagen, Schießbilder, Skulpturen und Zeichnungen aus allen wesentlichen Schaffensphasen bis in die 1980er-Jahre. Viele Werke, darunter eine Nana-Figur mit dem Namen „Gwendolyn“, sind im Sprengel Museums zu sehen. „Sie ist eine der populärsten Künstlerinnen, die wir zeigen“, sagt Direktor Spieler. „Viele Besucher lieben ihre Nanas und sind dann überrascht, wenn sie bei uns ein Kunstwerk wie „La Mort du Patriarche“ sehen, wo Niki symbolisch ihren Vater erschossen hat. Es gibt viele Bilder von ihr, die mit Gewalt und Tod zu tun haben.“ Nora Brünger, Kuratorin für Kunst im öffentlichen Raum, ergänzt: „Gewalt an Frauen ist immer noch ein wichtiges Thema.“ Viele Frauen, etwa die österreichische Performance-Künsterlin Valie Export (83), würden daran arbeiten. „Die Nanas sind ein Kunstangebot, das viele gerne annehmen, insbesondere Kinder“, weiß Spieler. Die Körperlichkeit sei ein guter Zugang zur Kunst.
Saint Phalles Ansehen war in Hannover zuletzt größer als in ihrer Heimat Frankreich. Dabei hatte sie 1977 den Auftrag für den Strawinsky-Brunnen am Centre Pompidou bekommen, den sie mit ihrem Lebenspartner Jean Tinguely 1982 verwirklichte. Es ist das Lieblingsmotiv vieler Paris-Touristen. Da sei sie in ihrer Heimat noch hoch angesehen gewesen, so Spieler. Später sei sie ins „Plagiat-Segment“ abgerutscht. Erst mit einer Ausstellung 2015 im „Grand Palais“ unweit der Champs-Élysées erfolgte aus Sicht vieler Kunstkenner eine Art Rehabilitierung,
Die Bürgerinnen und Bürger Hannovers haben die Nanas nach dem Eindruck Spielers „total ins Herz geschlossen“. Spieler: „Nach meiner Wahrnehmung ist Hannover eher eine nüchterne Stadt, die nicht zum Träumen neigt. Da fallen zwei Figuren richtig raus: Kurt Schwitters und Niki de Saint Phalle. Beide drehen die DNA dieser Stadt auf sehr humorvolle Weise um. Schwitters liest die Stadt rückwärts und entdeckt so ungeahntes Avantgarde-Potenzial im Namen dieser Stadt. Und Niki tanzt einfach mal durch die Stadt. Beide Figuren haben eine andere Energie in die Stadt gebracht.“
Großes Fest in 2025
Das Jubiläum feiert die Stadt mit einer Feierstunde am 8. März ab 18.30 Uhr im Sprengel Museum sowie einem Performance- und Familienprogramm am 9. März an den Nanas am Hohen Ufer (siehe Infobox). Das wirklich große Fest für die Erfinderin der Nanas soll 2025 stattfinden. Dann feiert das Sprengel Museum das Jubiläum der Schenkung aus dem Jahr 2000 mit einer spektakulären Ausstellung, die Saint Phalles Arbeiten den japanischen Superstars und derzeit weltweit wohl populärsten Künstlern Yayoi Kusama und Takashi Murakami gegenüberstellt. „Unter dem Titel „Love you for Infinity“ wollen wir Hannover in einen bunten Liebesrausch durch und für diese Kunst versetzen“, verspricht Museumsdirektor Reinhard Spieler. Die Ausstellung wird vom 6. September 2025 bis zum 25. Januar 2026 gezeigt.
Vorher werden die drei Nanas am Leine-Ufer hübsch gemacht fürs Fest am 8. und 9. März. Mit Bürsten, Hochdruckreiniger und Spezialmittel ging es kürzlich Graffiti, Moos und Algen an den Kragen. Ein Malermeister strich die Sockel der drei Schönheiten mit einer Spezialfarben. Auch Kunst will gepflegt sein.
