Berlin - Die Gebühren für die Mobilfunknutzung innerhalb der EU sind gesunken. Fürs Telefonieren, SMS-Schicken und Surfen dürfen die Anbieter nun in den meisten Fällen nicht mehr so viel verlangen wie noch im April. Allerdings sind die Regeln kompliziert, und es bleiben Schlupflöcher. Der neue Kostendeckel schützt zudem nicht vor teuren Überraschungen bei Reisen in Länder außerhalb der EU. In Einzelfällen kann Roaming – das Nutzen des heimischen Tarifs im Ausland – sogar teurer sein als vorher, berichtet die Zeitschrift „test“ (7/16).
Höchstgrenze 23 Cent
Wer in der EU unterwegs ist und nur eine geringe Mobilfunknutzung plant, profitiert im Normalfall von den neuen Kostengrenzen. Weil die Regeln aber Schlupflöcher lassen, sollten Kunden ihren Anbieter vor der Reise fragen, was sie mit ihrem Tarif im Ausland zahlen. Nutzer ohne Flatrate oder mit älteren Verträgen sowie Fernreisende sollten ein Auslandspaket oder eine Sim-Karte aus dem Reiseland in Betracht ziehen – vor allem wenn sie viel telefonieren und surfen wollen.
Höchstens 23 Cent pro Gesprächsminute darf es kosten, wenn Kunden im EU-Ausland mit ihrem deutschen Mobilfunktarif telefonieren. Das gilt für Anrufe im Gastland wie auch nach Hause. Bei eingehenden Anrufen sind es maximal sechs Cent pro Minute, bei SMS sieben Cent, und für die Übertragung eines Megabytes Daten liegt das Limit bei 24 Cent. Diese Obergrenzen gelten bereits seit zwei Jahren. Zusätzlich wird bei Überschreiten einer vorgeschriebenen Schutzgrenze von 59,50 Euro fürs Surfen die Datenverbindung unterbrochen.
Was sich ab Mai geändert hat, ist die Berechnungsgrundlage: Bisher schrieb die EU Maximalpreise vor. Nun hat sie festgelegt, dass im Ausland grundsätzlich dieselben Konditionen gelten sollen wie zu Hause. Die Anbieter dürfen nur geringe Roaming-Aufschläge addieren – bis zu sechs Cent pro Minute bei abgehenden Gesprächen und ein Cent bei eingehenden, zwei Cent für SMS und sechs Cent pro Megabyte – solange sie die Obergrenzen insgesamt nicht überschreiten. Die neuen Regeln gelten bis Mitte Juni 2017. Danach soll es innerhalb der EU, außer bei extrem intensiver Nutzung, gar keine Roaminggebühren mehr geben.
Bei einigen Tarifen fallen im EU-Ausland schon jetzt keine Extragebühren mehr an. Vor allem mit Verträgen, die seit Mai neu geschlossen wurden, können Kunden ihre Kontingente oder Flatrates im Ausland oft ohne Aufpreis verwenden.
Jeder Anbieter muss mindestens einen EU-konformen Tarif bereitstellen. Kunden können sich allerdings nicht darauf verlassen, dass sie beim Vertragsabschluss einen solchen erhalten. Daher ist es wichtig, dass sie beim jeweiligen Anbieter detailliert nach ihren Vertragsbedingungen fragen. Denn den Konzernen bleibt viel Spielraum, höhere Preise zu verlangen oder Leistungen zu begrenzen.
Kreative Anbieter
Einige Anbieter nutzen die Lücken des EU-Rechts kreativ aus. Vodafone etwa verlangt 19 Cent pro Nachricht, wenn ein Kunde sein Kontingent an Frei-SMS überschritten hat. Obwohl die EU-Roaminggrenze bei sieben Cent liegt, darf der Anbieter das, da er im selben Fall auch im Inland 19 Cent kassiert. Mit der gleichen Begründung knöpft Otelo seinen Prepaid-Kunden schon ab der ersten SMS neun Cent pro Nachricht ab. Die Preisgrenzen der EU gelten nur, falls ein Anbieter Auslandsaufschläge berechnet.
Dieses Schlupfloch nutzen einige: Neben Vodafone kassiert auch 02 pro Gesprächsminute 29 Cent, sobald Nutzer ihr Freikontingent verbraucht haben. Bis Ende April waren nur 23 Cent erlaubt.
02 hat auch bei manchen Allnet-Flats Wege gefunden, Kasse zu machen: Die Flatrates gelten nur im Inland, außerhalb gelten andere Konditionen. Wer etwa den Tarif „Blue All-in S“ bestellt und ihn nicht um das Auslandspaket „EU-Roaming Flat“ ergänzt, zahlt trotz Flatrate entweder eine Grundgebühr von 2,99 Euro pro Reisetag oder um die 15 Cent pro Gesprächsminute. Selbst Kunden, die sich für die Option „EU-Roaming-FIat“ entscheiden, zahlen pro Minute neun Cent, falls sie nicht nach Deutschland oder innerhalb des Reiselands telefonieren, sondern in ein Drittland.
Ein weiterer Trick ist, Leistungen zu beschränken: Kunden der „EU-Roaming-FIat“ von 02 surfen zwar ohne Aufpreis im Netz, aber höchstens mit einem Megabit pro Sekunde. Gerade für Videos in HD-Qualität ist das häufig zu lahm.
Verbraucher, die ihr Handy im EU-Ausland nur wenig nutzen, fahren trotz Roaminggebühren meist am günstigsten, wenn sie ihren Heimattarif verwenden. Für Vielsurfer können sich Datenoptionen lohnen – gerade, wenn sie einen älteren Vertrag oder einen Tarif ohne Flatrate haben. Die Pakete bieten ein bestimmtes Datenvolumen, zum Beispiel 100 Megabyte für fünf Euro.
Wer in der EU unterwegs ist und nur eine geringe Mobilfunknutzung plant, profitiert im Normalfall von den neuen Kostengrenzen. Weil die Regeln aber Schlupflöcher lassen, sollten Kunden ihren Anbieter vor der Reise fragen, was sie mit ihrem Tarif im Ausland zahlen. Nutzer ohne Flatrate oder mit älteren Verträgen sowie Fernreisende sollten ein Auslandspaket oder eine Sim-Karte aus dem Reiseland in Betracht ziehen – vor allem, wenn sie viel telefonieren und surfen wollen.
