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NWZonline.de Ratgeber

Vom Scherbenhaufen zur Familienkunde

26.01.2019

Oldenburg Für den britischen Regisseur Alfred Hitchcock (1899–1980) nahmen alle schlechten Eigenschaften – „vom Morden bis zum Rauchen“ – ihren Anfang in der Familie. Wer so denkt, befasst sich vermutlich nie im Leben mit der Familienkunde.

Meistens ist es auch ein trauriger Anlass, sich mit der eigenen Familiengeschichte zu befassen. Nach dem Tod von Eltern oder Großeltern finden die Hinterbliebenen Bilder und Dokumente, mit denen sie nichts anfangen können. Die Familienbibel, wenn vorhanden, und das Familienstammbuch können erste Quellen sein. „Aber meistens hakt es schon bei den Urgroßeltern“, weiß Wolfgang Martens, Vorsitzender der Oldenburgischen Gesellschaft für Familienkunde (OFG). Manche wälzen vielleicht noch Kirchenbücher, scheitern aber spätestens an der alten Sütterlinschrift.

Akribisch und detailliert

„Dann kommt die OGF ins Spiel“, sagt der 58-Jährige, der als Uhrmacher arbeitet. Die Info- und Sprechtage der OGF an jedem ersten Donnerstag im Monat im Landesarchiv in Oldenburg sind stets gut besucht. Auch die Landesbibliothek Oldenburg registriert regelmäßige Nachfragen von Hobbyforschern auf familiengeschichtlicher Spurensuche.

Martens überrascht das nicht. Die Suche nach den eigenen Wurzeln werde für viele Menschen immer wichtiger, und das Internet sei prädestiniert für die Familienforschung. Und bei manchen ist das Interesse am Ende so stark, dass sie mit der
Geschichte ihres Wohnorts weitermachen.

So war es bei Wolfgang Martens. Den Anstoß gab der Tod seines Großvaters mütterlicherseits. „Ich habe angefangen, die Eltern meines Vaters auszufragen“, erzählt er. Als dann Ende der 1970er Jahre beim Bau des Elternhauses in Kirchhatten (Kreis Oldenburg) Keramikscherben aus dem 17. und 18. Jahrhundert ausgebaggert wurden, war auch sein archäologisches Interesse geweckt. Vier Jahre buddelte er mit Genehmigung des Denkmalschutzes auf dem Grundstück und stieß auf Überreste des früheren Amtssitzes des oldenburgisch-dänischen und kurhannoverschen Beamten Traugott Schreber (1671–1718).

Schrebers Handschrift – ein kleines Buch mit der akribischen Beschreibung der Amtsvogteien Hatten und Wardenburg, entstanden zwischen 1710 und 1717 – ist das Glanzstück in der Doppelausstellung „Familiengeschichtliche Spurensuche“ vom 7. Februar bis 23. März in der Landesbibliothek. Auf das Büchlein aus dem Privatbesitz von Großherzog Peter Friedrich Ludwig (1755–1829) ist Martens bei der Vorbereitung einer Ausstellung zum 300. Todestag von Traugott Schreber gestoßen. „Es ist ein frühes Werk der Kartografie und eine detaillierte Bestandsaufnahme der Vogteien“, erklärt Corinna Roeder, Direktorin der Landesbibliothek. Die Handschrift wird zur Ausstellung auch in digitalisierter Form im Internet einsehbar sein.

Traugott Schreber war ein penibler Beamter mit durchaus künstlerischem Talent. Für jede Ortschaft in den Vogteien hat er fein säuberlich unter anderem die Bediensteten in Verwaltung und Schule, bei Polizei und Zoll und die Postkutschentermine aufgelistet. Für jeden Ort gibt es eine Karte mit genauen Angaben zu den Bauernhöfen und anderen Gebäuden. „Die Karte von Kirchhatten ist so genau, dass man mit ihr noch heute durch den Ortskern laufen kann und die Gebäude findet“, nennt Martens ein Beispiel für Schrebers Detailbesessenheit.

Ebenfalls eine Fundgrube für Familienforscher wie Martens ist das Familienstammbuch von Traugott Schreber, das wie ein Poesiealbum Sprüche und Zeichnungen von Freuden, Lehrern und Gönnern enthält. Die ersten Eintragungen stammen aus dem Jahr 1691, als Schreber in Leipzig Jura studierte.

Jahrelange Freundschaft

Der dänische König Christian V. ernannte Schreber 1696 zum Amtsvogt der Vogteien Hatten und Wardenburg. Er wohnte im ehemaligen Jagdschloss von Graf Anton Günther, das sein Vater – ebenfalls Amtsvogt von Hatten – 1695 gekauft hatte. Dort fand 1713 auch die Heirat mit der 13 Jahre jüngeren Adelheid von Bobart statt. Sie entstammte einer angesehenen und wohlhabenden Familie aus Bremen.

Die Liste der Hochzeitsgäste aus Oldenburg und Bremen, ihre Unterbringung im Herrenhaus, ihre Platzierung an der Hochzeitstafel und die Anordnung von Tellern, Gläsern und Besteck sind in einem 860 Seiten starken Buch über die Geschichte der Familie von Schreeb aufgeführt, das Ende des 19. Jahrhunderts Heinrich Wilhelm Hayen aus Butjadingen verfasst hat.

Traugott und Adelheid Schreber hatten vier Kinder. Der Sohn Eberhard wurde oldenburgisch-dänischer Land- und Regierungsrat und in den Adelsstand erhoben. Er nannte sich fortan Eberhard von Schreeb. Sein Sohn Leopold war verheiratet mit einer Tochter von Heinrich Wilhelm Hayen.

Einer der Urenkel von Traugott Schreber, Friedrich Ernst von Schreeb, nahm 1814 die schwedische Staatsbürgerschaft an. Dessen Nachfahren besuchte Martens auf seiner Spurensuche 1981 zum ersten Mal. „Daraus ist eine Freundschaft entstanden, die bis heute besteht“, freut er sich.

Familienkunde hat also etwas Verbindendes – über Grenzen hinweg – und kann spannend sein. Das hätte vermutlich auch Hitchcock überzeugt.

Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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