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NWZonline.de Ratgeber

Von Giftfröschen und Wassermonstern

28.09.2019

Oldenburg Feuchte Wärme wabert durch das Tropenhaus, Bananenstauden, meterhohe Kapokbäume, Bromelien, Farne und andere exotische Pflanzen durchweben den Regenwald, irgendwo rauscht ein Wasserfall – und dann dieses Trillern und Flöten, ein faszinierendes Konzert der nie gekannten Töne! Nein, es sind keine Vögel, wie man meinen könnte. Es sind Pfeilgiftfrösche. Winzig klein. Grellbunt. Und mitunter tödlich.

Ich bin im Botanischen Garten am Philosophenweg in Oldenburg. Baumsteigerfrösche, wegen ihrer von den Ureinwohnern Kolumbiens für Pfeile genutzten Giftstoffe auch Pfeilgiftfrösche genannt, sind nur eine von etwa 45 Tierarten, die hier zu Hause sind. Was Tiere in einem Botanischen Garten zu suchen haben? „Wir verstehen uns als Schaufenster der Universität und bemühen uns, der Öffentlichkeit die Forschungsarbeit in den Bereichen Biodiversität und Evolution nahe zu bringen“, erklärt Bernhard von Hagen, wissenschaftlicher Leiter dieser Einrichtung, „in diesem Zusammenhang zeigen wir neben Pflanzen auch Tiere, die interessante biologische Phänomene aufweisen.“

Der Mann, der für das Wohlergehen dieser Publikumslieblinge zuständig ist, heißt Thomas Wilms. Seit zehn Jahren schon kümmert sich der 52-Jährige mit großem Fachverstand und noch größerer Leidenschaft um alles, was da kreucht und fleucht. „Tiere stehen für mich immer an erster Stelle“, sagt er und fasst sich schmunzelnd ans Ohr – na klar, ein Ohrstecker in Schildkrötenform!

Gemeinsam starten wir zu einem kleinen Rundgang durch den Park. Als Erstes läuft uns Familie Pfau über den Weg. Zwei der drei Hennen führen gerade wenige Wochen alte Küken, eifrig pickend folgen sie dem Beispiel ihrer Mütter. Die Damen treten eher schmucklos auf. Der stolze Hahn dagegen brüstet sich mit schillerndem Federschmuck und meterlanger Schleppe. Sieht zwar super aus, ist aber ziemlich hinderlich beim Tarnen und Fliegen.

Eine Posse der Natur? Von wegen! „Das nennt sich Handicap-Prinzip,“ so Wilms. „die Männchen zeigen den Mädels, dass sie trotz äußerer Handicaps überlebensfähig sind und somit beste Gene zu bieten haben.“ Wie vital dieser Pfauenmann tatsächlich ist, zeigen seine Ausflüge in die Nachbarschaft, wo er gern mal auf Brautschau geht. „Dann klingelt das Telefon bei uns Sturm, sogar Polizei und Feuerwehr rücken aus, um das scheinbar hilflose Tier von irgendwelchen Dächern zu holen.“ Der Ausreißer habe sich unterdessen meist schon auf den Heimflug gemacht.

Während Pfauen, Störche und Bankiva-Hühner im Botanischen Garten freien Ausgang haben, leben andere Tiere in geschützten Räumen. So, wie die Bartagamen, australische Echsen, die in das gerade neu eröffnete Subtropenhaus eingezogen sind. Wilms legt bei der Auswahl der Tiere großen Wert darauf, dass sie robust und angesichts der Besucherströme möglichst stressresistent sind. „Wir haben sie von einem Halter übernommen, der Heavy-Metal-Freak ist,“ er lächelt und streicht den urzeitlichen Drachen über das raue Schuppenkleid, „die kann jetzt gar nichts mehr aus der Ruhe bringen.“

Weiter geht es zu den Frettchen. Ein typisches Beispiel für domestizierte Haustiere, die in der freien Wildbahn nicht mehr überleben könnten. Schon vor Jahrtausenden wurden sie zum Zwecke der Jagd gezüchtet. Und auch Wilms setzt sie zum Vergrämen unerwünschter, unterirdischer Besucher ein. Wenn er seine wieselflinken Gehilfen in die Gänge von Ratten schickt, spritzen die Nager nur so aus ihren Löchern. Sie kehren allerdings auch immer wieder zurück, gibt er zu, „sobald sie sich von ihrem Schrecken erholt haben“.

Ein wirklich fantastisches Phänomen erwartet uns in einem beschatteten Aquarium im Mittelteil des Gartens: das Axolotl oder „Wassermonster“. In der Wildnis ist dieser mexikanische Schwanzlurch mit den skurrilen Kiemenästen bereits ausgestorben. Das Erstaunliche: Er verbringt sein ganzes Leben im Larvenstadium, wird also nie erwachsen. Und: Er besitzt die Fähigkeit, zerstörte Gliedmaßen, Organe und sogar Teile des Gehirns komplett wieder nachzubilden.

Klar, dass ihn das für die Forschung und Medizin interessant macht. Hier, im Botanischen Garten, werde jedoch kein einziges Tier für Forschungszwecke eingesetzt, versichert Wilms.

Nach den „Königen der Nacht“, den Eulen, Uhus und Bartkäuzen mit ihren tellergroßen Augen, landen wir bei den Pfleilgiftfröschen im Tropenhaus. Der giftigste von allen ist, wie schon der Name sagt, der „Schreckliche Baumsteiger“. Sein toxisches Hautsekret, in die Blutbahn des Angreifers gebracht, ist auch für Menschen tödlich. Beherzt greift Wilms in das Terrarium. Nur kurz verharrt das quietschgelbe Exemplar in seiner Hand, bevor es wieder in der grünen Deckung verschwindet. „Hätte ich jetzt eine Wunde, würde ich gleich umkippen“, scherzt der Tierpfleger. Doch zum Glück fressen die Frösche hier Fruchtfliegen statt giftiger Ameisen und Milben, aus denen sie in freier Natur ihre Toxine bilden.

So bleibt Thomas Wilms gewiss noch Zeit, um die fürs nächste Jahr geplanten Biotope für Schlangen und Feuersalamander einzurichten.

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