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NWZonline.de Ratgeber

Von Liebe und Leidenschaften

25.05.2019

Oldenburg Kein Zweifel, das muss er sein! Silbergraue Locken, ein eleganter Federhut, Samtmantel und Zierdegen – mehr braucht es kaum, um Gästeführer Dieter Hähnel in Oldenburgs letzten regierenden Grafen zu verwandeln. Seit fast zehn Jahren schlüpft der Laienschauspieler in die Rolle des einstigen Landesfürsten. Inzwischen kennt er das Schloss wie seine eigene Westentasche und so manche verschwiegene Geschichte, die sich hinter der prachtvollen Fassade abspielte.

Diesmal sind es rund 30 „edle Damen und Herren“, die der Graf empfängt. „Meine Mutter hat mir schon viel von dir erzählt“, lässt eine kleine Bewunderin wissen. „Na, dann weißt du ja schon alles“, der Graf schmunzelt. Er selbst habe hier eine glückliche Kindheit verlebt, mit vier Schwestern und einem jüngeren Bruder, der allerdings sehr früh verstorben sei.

Geheimnisvolle Wand

Damals hätten sie noch auf der ursprünglichen Wasserburg gelebt. „Doch gleich nach dem Tod meines Vaters ließ ich das schon ziemlich baufällige Gemäuer in dieses herrliche Renaissanceschloss umbauen“, erklärt er voller Stolz und geleitet seine Gäste die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer, direkt über dem Schlosseingang.

Er sei gerade mal 20 Jahre alt gewesen, als er die Regierungsgeschäfte übernahm. „Und sehr beliebt bei meinen Untertanen“, betont Hähnel alias Anton Günther. Kein Wunder, erwies er sich doch schon bald als kluger und friedliebender Landesvater, der sich auch gern mal unter das einfache Volk mischte.

Unvergessen die Episode im Dreißigjährigen Krieg, wie er das neutrale Oldenburg vor den marodierenden Heerscharen des Grafen von Tilly bewahrte. „Tilly lag schon mit 25 000 Mann vor den Toren unserer Stadt“, berichtet er, „wir hatten natürlich ein großes Interesse daran, diese ganze Bagage schnellstmöglich wieder los zu werden.“ Was also tun? Wie so oft schon in diplomatischen Angelegenheiten überzeugte der Monarch seine Gegner mit „bestechenden“ Argumenten. Er versorgte die ausgehungerten Soldaten mit 50 000 Brotrationen und schenkte ihnen obendrein noch 400 Pferde aus eigener Zucht. Tilly zog zufrieden ab „und ich bekam den Titel Friedensfürst.“

Hinter der nächsten Flügeltür öffnet sich das ganz private Reich des Schlossherrn. Wir stehen im Schlafzimmer, jetzt der „Grüne Salon“. Leider gibt es aus der Grafenzeit keine original Möbelstücke mehr. Dennoch gibt es Interessantes zu entdecken.

Anton Günther klopft gegen einen Wandvorsprung – klingt hohl dahinter. „Hier befand sich mal der Zugang zu meinem privaten Bad“, verrät er. Welch moderner Luxus im 17. Jahrhundert! Nun gut, im Grunde handelte es sich nur um ein Kämmerchen mit Waschschüssel und Nachttopf. Aber immerhin bot das stille Örtchen die Möglichkeit, dringliche Geschäfte in einem separaten Raum ohne Geräusch- und Geruchsbelästigung zu erledigen. Am nächsten Morgen konnte ein Diener das Gefäß diskret entleeren. „Also Fenster auf und raus damit – so wurde das überall gemacht.“

Und noch etwas verbirgt sich hinter der geheimnisvollen Wand: Eine Wendeltreppe, die das Schlafgemach des Fürsten mit den Gästezimmern des oberen Stockwerks verband. Die Besucher tuscheln – ob der Graf des Nachts vielleicht mal heimlich? Dieter Hähnel lächelt und schweigt.

Gab es doch tatsächlich ein amouröses Abenteuer, über das man bis heute spricht – mit Freifrau Elisabeth von Ungnad. Die lebenslustige, aus Österreich emigrierte Baronesse war das Patenkind seiner Mutter und kam 1632 als Gesellschafterin an den Oldenburger Hof. Schon ein Jahr später brachte sie einen strammen Jungen zur Welt, den späteren Reichsgrafen Anton von Aldenburg. Es sollte Anton Günthers einziger Sohn bleiben. Leider illegitim und damit nicht erbberechtigt.

Gerüchte und Legenden

„Natürlich hätte ich meine große Liebe gern geheiratet,“ sehnsüchtig blickt er auf ein Porträt der Geliebten, „aber das kam wegen der Standesunterschiede nicht in Betracht.“ Allerdings kursierte das Gerücht, er hätte der Dame ein schriftliches Ehegelöbnis gegeben und sogar mit seinem eigenen Blute unterzeichnet. Später soll es ihr entwendet und im Kamin verbrannt worden sein.

Ach ja, die Liebe. Wie dem auch sei, es mussten eine passende Partie und ein rechtmäßiger Thronfolger her. Galant bittet der Monarch sein „Gefolge“ in den prachtvollen Festsaal es Schlosses. Hier also fand 1635 die Hochzeit von Graf Anton Günther und Sophie Katharina von Holstein-Sonderburg statt! Der Bräutigam zählte bereits 51 Lenze. Und seine Braut, ein Mündel des Grafen, war gerade 18 Jahre alt. Schon bei ihrer Taufe hatte er verkündet, sie später mal zu ehelichen. Was durchaus üblich war in solchen Kreisen.

Es wurde ein rauschendes Fest! Weit über 600 Gäste kamen, an meterlangen Tafeln wurde fürstlich aufgetischt, es gab sprudelnde Weinbrunnen, Bockbier aus Einbeck und eine hofeigene Kapelle, die zum zierlichen Tanze aufspielte.

Leider blieb die Ehe kinderlos. „Da ich keinen legitimen Nachfolger hatte, holte ich meinen inzwischen 13-jährigen Sohn an den Hof.“ Er versorgte ihn üppig mit Titeln und Ämtern. Der Großteil der Oldenburger Grafschaft ging jedoch später an das verwandte dänische Königshaus.

Der Graf habe ein gutes Leben geführt, stellt Dieter Hähnel fest. Nicht nur schöne Frauen, auch die Jagd und edle Rösser gehörten zu seinen Leidenschaften. Ein Gemälde zeigt ihn hoch zu Pferde, auf seinem legendären Apfelschimmel „Kranich“. Er sei auf kuriose Weise zu diesem Hengst gekommen, erinnert sich der stolze Reiter und erzählt von einem abenteuerlichen Pakt mit einer Falschmünzer-Bande. Zur Jagd taugte sein Lieblingspferd jedoch nicht. „Sein Schweif war neun Ellen lang – da hätte es sich ja dauernd auf die Haare getreten.“

Im hohen Alter von 83 Jahren segnete Graf Anton Günther schließlich das Zeitliche. Er starb in seinem geliebten Jagdschloss Rastede. Wohl an Altersschwäche, vermutet Dieter Hähnel. Auch er kommt nun zum Ende seiner Runde. Ob er selbst gern mal mit dem Fürsten getauscht hätte? „Na klar,“ sagt der Gästeführer und lacht, „nur nicht gerade im Dreißigjährigen Krieg!“

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