Oldenburg - An einer Pinwand in der Evangelischen Familienbildungsstätte in Oldenburg-Osternburg hängen 47 handgeschriebene Karten. Es sind Karten von glücklichen Eltern. Frischgebackene Eltern, die zur Geburt ihres Kindes von der Stadt Oldenburg ein Geschenk bekommen haben: einen Schlafsack. „Tolles Muster, toller Stoff, super genäht“, steht auf einer der Karten. „Zufällig genau unsere Lieblingsfarbe, türkis mit Sternen drauf“, auf einer anderen. „Der Schlafsack ist sehr hochwertig und professionell verarbeitet“, schreibt eine dritte Familie. „Auch der passende Beutel macht richtig was her“, eine vierte.
Suche nach Perspektive
Das lesen die Frauen, die sich an jedem Werktag um 8.30 Uhr in dem Raum hinter der Pinwand versammeln, gern. Es sind die 16 Frauen von „Zick Zack“, einer Nähwerkstatt für Migrantinnen. Sie kommen aus Vietnam und Russland, Syrien und der Türkei, dem Iran und Irak. Das Rattern ihrer Nähmaschinen erfüllt den ganzen Raum. Unaufhörlich saust die Nadel in den bunten Stoff, den Semsihan Karaca mit sicherer Hand unter dem Nähfuß ihrer Maschine entlangführt. Wie man eine solche Nähmaschine bedient, hat die 48-jährige Türkin hier gelernt, „bei Frauke“.
Frauke Wellmann arbeitet bei der Ländlichen Erwachsenenbildung in Niedersachsen, die das Projekt trägt, und ist für die pädagogische Begleitung zuständig. Sie sagt: Jede Frau hat ihre ganz eigene Geschichte.
Karaca lebt seit fast 30 Jahren in Deutschland, ihre Kinder sind hier groß geworden. Nun sucht sie für sich eine Perspektive. „Ich will arbeiten, ja, natürlich.“ Nur richtig schwere Arbeit, die macht der Körper nicht mehr mit. Andere Frauen sprechen kaum deutsch. Oder es fehlt eine Qualifikation.
Für Michael Fuge sind die Frauen „Kundinnen, die Probleme haben, sofort in den Ersten Arbeitsmarkt zu gehen“. Fuge ist Bereichsleiter Markt und Integration beim Jobcenter Oldenburg und damit auch zuständig für die gut 2000 Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Oldenburg, die in der Statistik als „erwerbsfähige Leistungsbezieher“ geführt werden. Dann wird geprüft: Stimmen „Leistungsfähigkeit und Motivation“? Und können „Vermittlungshemmnisse“ vielleicht durch eine „Arbeitsgelegenheit“ verringert werden? „Die Arbeitsgelegenheit muss im öffentlichen Interesse sein, sie muss zusätzlich und wettbewerbsneutral sein – wir wollen der freien Wirtschaft ja keine Aufträge wegnehmen.“ Die Nähwerkstatt ist eine solche „Arbeitsgelegenheit.“
Stolz präsentiert Semsihan Karaca einen fertigen Schlafsack, Einheitsgröße 74/80, der Stoff solide Markenware. Pro Woche entstehen 30 Schlafsäcke, die immer mittwochs von Martha Driefholt abgeholt werden. Die Kinderkrankenschwester arbeitet beim Gesundheitsamt und gehört zum Team GUSTL („Guter Start ins Leben“).
Bei diesem Start ins Leben helfen zwei Familienhebammen und vier Kinderkrankenschwestern. Seit 2009 besucht das Team die Eltern von Neugeborenen in Oldenburg, ein freiwilliges und kostenloses Beratungsangebot nach der Wochenbettzeit, also etwa in der zehnten Lebenswoche des Kindes. „Die sind alle ganz heiß auf diese Schlafsäcke“, sagt Driefholt. Die sind der „Türöffner“, ergänzt Holger Petermann, der Leiter des Gesundheitsamtes.
Denn Driefholt und ihre Kolleginnen überreichen bei ihren Besuchen nicht nur den Schlafsack. Sie haben auch eine Info-Mappe unterm Arm, mit einem Begrüßungsschreiben des Oberbürgermeisters, Adressen von Beratungsstellen und Informationen zu Impfungen oder – jetzt in der heißen Jahreszeit – zu der Frage: „Was tun bei Sonnenstich?“
Und natürlich ist auch der Schlafsack viel mehr als nur ein nettes Mitbringsel, sagt Petermann. „Ein Schlafsack oder ein luftiges Kinderbett sind die beste Prophylaxe gegen den plötzlichen Kindstod“.
Im vergangenen Jahr wurden vom Team GUSTL 1530 Schlafsäcke in der Stadt Oldenburg verteilt, alle genäht von den Frauen bei „Zick Zack“. Seit Oktober 2015 existiert dieses Netzwerk, seit Gründung der Nähwerkstatt. Die ist befristet bis zum 30. September, die Entscheidung liegt beim Jobcenter. Michael Fuge ist „guter Dinge“, dass es weitergeht, weil es eben nicht nur um Beschäftigung gehe, sondern auch um soziale Integration.
Viele kleine Schritte
Fuge weiß: Frauen mit Migrationshintergrund haben in der Familie häufig die „klassische Mutterrolle“ inne. „Das Projekt bietet die Möglichkeit, ein anderes Rollenverständnis zu entwickeln.“ Ein langer Weg, sagt Fuge. Tatsächlich stehen die Nähmaschinen immer wieder still. Dann unterhalten sich die Frauen. Sprechen über ihre Familien, ihre Männer, ihre Kinder, ihre Wünsche. „Die Familie muss mit ins Boot“, sagt Frauke Wellmann. Es sind vor allem die Männer, die Ja sagen müssen.
Manchmal wird auch geweint, vor allem, wenn neue Nachrichten aus den krisengeschüttelten Heimatländern kommen und Familienmitglieder betroffen sind. Und wenn ein Gewitter aufzieht, dann hocken die Frauen, die traumatisiert sind, eng zusammen. „Wir fangen die Frauen auf und stabilisieren sie. Das braucht Zeit“. Es ist nicht nur ein langer Weg, es sind auch viele kleine Schritte.
Noch etwas ist Frauke Wellmann wichtig: Im Laufe von knapp drei Jahren ist die Akzeptanz zwischen den Kulturen und Religionen spürbar gewachsen. Martha Driefholt pflichtet ihr bei. „Wo mir das Herz aufgeht: zu erleben, wie unterschiedliche Nationalitäten und Religionen an den Nähmaschinen sitzen und Spaß miteinander haben“. Wenn Martha Driefholt das nächste Mal kommt, bringt sie vielleicht auch wieder ein paar Dankeschön-Karten von Familien mit. Die kommen dann zu den anderen an die Pinwand.
Die Nähwerkstatt „Zick Zack“ ist eines von acht Werkstatt-Projekten, die die Ländliche Erwachsenenbildung in Niedersachsen derzeit im Oldenburger Land unterhält. Die Projekte sind angesiedelt in Bad Zwischenahn, Ganderkesee, Hatten-Sandkrug, Wildeshausen, Delmenhorst und Oldenburg.
Es sind Förder- und Integrationsprojekte in Voll- oder Teilzeitform für Bezieher von Arbeitslosengeld II, deren Integration in den Arbeitsmarkt besonderer Förderung und Unterstützung bedarf. Je nach Standort werden zum Beispiel Kenntnisse in Bereichen wie Floristik, Garten- und Landschaftsbau oder Hauswirtschaft sowie in Arbeiten mit Holz, Metall und Textil vermittelt.
