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Reform der Pflege-Ausbildung Das sagen Pflegeschulen und Altenhilfe-Träger zur Zusammenlegung der Ausbildungen

Wer eine Ausbildung in der Pflege absolviert, durchläuft drei Stationen. Er kann dann sowohl im (Kinder-)Krankenhaus als auch in der Altenpflege arbeiten.

Wer eine Ausbildung in der Pflege absolviert, durchläuft drei Stationen. Er kann dann sowohl im (Kinder-)Krankenhaus als auch in der Altenpflege arbeiten.

DPA

Im Nordwesten - Jeder, der als Pflegefachkraft in einem Seniorenheim oder im Krankenhaus arbeiten möchte, absolviert die gleiche Ausbildung: Seit 2020 gibt es die generalisierte Pflegeausbildung, bei der alle angehenden Fachkräfte drei Stationen durchlaufen – die Altenpflege, die Krankenpflege und die Kinderkrankenpflege. Nach der Ausbildung haben sie die freie Wahl, in welchem Bereich sie arbeiten möchten. Das soll den Markt beleben und die Durchlässigkeit fördern. Doch in der Praxis stellt die sogenannte Generalistik die Pflegeheime und Krankenhäuser und auch die Auszubildenden vor einige Herausforderungen – eine Bestandsaufnahme nach drei Jahren.

Herausforderungen für Azubis

Die Auszubildenden müssen innerhalb von drei Jahren das Grundwissen aus drei Berufen erlernen. Das eröffnet ihnen zwar breitere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, fordert aber auch eine größere Flexibilität und den Willen, sich in verschiedene Bereiche einzuarbeiten. Eine weitere Herausforderung sind die drei Praxiseinsätze: in der Altenpflege, der Krankenpflege und der Kinderkrankenpflege oder einem vergleichbaren Einsatzgebiet. „Durch die Vorgabe der verschiedenen externen Einsatzbereiche wird eine gewisse Mobilität der Auszubildenden gefordert“, schreibt die Pflegeschule des Klinikums Wilhelmshaven auf Nachfrage unserer Zeitung. „Wir nehmen wahr, dass der Erwerb eines Führerscheins für junge Menschen oft an fehlenden finanziellen Ressourcen scheitert und es daher in unserer Region sehr viele Pflegeauszubildende gibt, die noch über keinen Führerschein verfügen.“

Die PIA-Preisträger 2023 für das Oldenburger Land (von links): Merle Warnken, Jan Boettcher (3. Preis, Aljo), Moderatorin Svenja Fleig (NWZ) stellvertretend für den Zweitplatzierten, das Ammerländer Ausbildungszentrum für Gesundheitsberufe, sowie Clara Henning und Alicia Klooster (1. Preis Buss Wohnen)

PREIS FÜR INNOVATIVE AUSBILDUNG 2023 Sie sind Vorbilder in Sachen Ausbildung im Oldenburger Land

Sabrina Wendt
Oldenburg

Herausforderungen für Ausbildungsbetriebe

In der Generalistik ist es für die Ausbildungsbetriebe schwerer, ihre Auszubildenden an sich zu binden. Die Azubis haben jeweils einen Ausbildungsbetrieb, der für sie zuständig ist, sind dann aber mehrere Monate in anderen Einrichtungen, wo sie andere Arbeitsfelder kennenlernen. „Gerade wir in der Altenpflege müssen sehen, dass wir die jungen Menschen nicht verlieren“, sagt Sebastian Roth, Prokurist und Referent Altenhilfe bei der AWo Weser-Ems. Es sei unverzichtbar, dass die Nachwuchskräfte engmaschig betreut und begleitet würden. „Nur so können wir verhindern, dass die Altenpflege bei der Generalistik hinten rüber fällt“, sagt Roth. Diese Verschiebung gehe in beide Richtungen, meint Rüdiger Lange, Leiter der Schule für Pflegeberufe des Delme Klinikums Delmenhorst. „Auch bei uns gibt es Auszubildende, die in einer Klinik arbeiten wollten, aber während ihrer Ausbildung festgestellt haben, dass ihnen die Arbeit in einer Pflegeeinrichtung mehr liegt.“ Letztlich gilt: Alle Einrichtungen buhlen jetzt um dieselben Fachkräfte.

Herausforderung für Arbeitgeber

Eine große Herausforderung für die Auszubildenden und die Kliniken berge die Tatsache, dass die Fachkräfte weniger spezialisiert seien, sagt Rüdiger Lange vom Delme Klinikum. Nach ihrem Examen bräuchten die neuen Pflegekräfte möglicherweise eine intensivere Einarbeitung in ihren Aufgabenbereich als früher. „Schon bei der Einführung der Generalistik hätte sich der Gesetzgeber über Konzepte zur Weiterbildung Gedanken machen müssen, damit die Pflegekräfte beim Einstieg in den Beruf nicht gleich Überforderung erleben.“

Birgit Paesch, Pflegedirektorin und Geschäftsführerin des Ammerländer Ausbildungszentrums für Gesundheitsberufe, findet deutliche Worte: „Was zu kurz kommt, ist die Kinderkrankenpflege. Das ist die größte Herausforderung. Es gibt zu wenig Einrichtungen und die Pflichtzeiten für die Pädiatrie sind zu kurz. So ist die Ausbildung in dem Bereich nicht speziell genug. Vor allem die Kinderkliniken müssen ganz andere Einarbeitungszeiten ansetzen – da reicht die Ausbildung einfach nicht aus.“

Vor dem Rettungswagen stehen die Auszubildenden und schauen den Einsatzkräften auf die Finger: Bei der „Spusi“ im Oldenburger Klinikum wurde einen Tag lang ganz viel falsch gemacht – und die Auszubildenden mussten sich auf Fehlersuche machen.

AUSZUBILDENDE AUF FEHLERSUCHE Wenn im Klinikum Oldenburg mit Absicht ganz viel falsch läuft

Anja Biewald
Oldenburg

Die Pflegeschule des Klinikums Wilhelmshaven sieht das als eine Herausforderung, die zu stemmen ist. In einer Stellungnahme schreibt das Klinikum: „Auszubildende, die eine spätere Tätigkeit in der pädiatrischen Pflege anstreben, können durchaus – sofern der Träger der Ausbildung über entsprechende Einsatzorte verfügt – mindestens den 500 Stunden umfassenden Vertiefungseinsatz, aber auch weitere Einsätze im Bereich der pflegerischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen absolvieren und damit ihre Kompetenzen in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege vertiefen.“

Das Fazit

Die Generalisierung der Ausbildung an sich, so wie sie in anderen Ländern funktioniert, sei richtig und wichtig gewesen, sagen unsere Gesprächspartner. Auch eine Spezialisierung mit Fort- und Weiterbildungen wie etwa in der Medizin sei grundsätzlich sinnvoll.

Birgit Pasch vom Ammerländer Ausbildungszentrum für Gesundheitsberufe hebt außerdem die Vorteile der Finanzierung über den Pflegeausbildungsfonds hervor. „Die Gehälter und die Schule werden davon bezahlt, die Einrichtungen bekommen es komplett refinanziert. Deshalb wäre es schön, wenn sich mehr Einrichtungen dazu durchringen würden, Nachwuchskräfte auszubilden.“

Dennoch: Viele Beteiligte sehen Potenzial für Verbesserungen. „Ich halte diese Reform für einen schlechten Kompromiss“, sagt Birgit Voß, Leiterin des Evangelischen Zentrums für Bildung in der Pflege in Oldenburg. „In der generalistischen Ausbildung gibt es große Chancen. Aber allein mit einer Reformierung der Ausbildung wird das Handlungsfeld Pflege nicht attraktiver, das haben wir deutlich gemerkt.“ Was die Pflege brauche, sei nicht nur eine Ausbildungsreform, sondern ein Imagewandel.

Hohe Abbrecherquote in der Pflegeausbildung

Die Abbrecherquote in der Pflegeausbildung hat sich seit der Einführung der Generalistik deutlich erhöht. In einigen Einrichtungen ist von einer Abbrecherquote von 50 Prozent die Rede. Doch liegt das wirklich an den hohen Anforderungen an die Auszubildenden, die jetzt Stoff aus drei Bereichen lernen müssen, statt nur aus einem?

Nein, sagt Birgit Voß, Leiterin der Evangelischen Pflegeschule Oldenburg. „Wir müssen bedenken, dass die Einführung der Generalistik genau in die Corona-Zeit gefallen ist. Wir wissen nicht, wie sich die Pandemie ohne die Reform ausgewirkt hätte.“ Ihrer Meinung nach gibt es andere Gründe für die vielen Abbrüche: „Man kann ganz klar feststellen, dass die Eingangsvoraussetzungen der Bewerber niedriger werden und die psychischen Probleme größer. Zudem hat der Pflegeberuf erhebliche Imageprobleme.“

Auch das Klinikum Wilhelmshaven sieht den Grund der vielen Ausbildungsabbrüche nicht in der Generalistik. In einer Stellungnahme heißt es: „Die Ursachen für die hohen Abbruchquoten in der generalistischen Pflegeausbildung sind häufig in schlechten Arbeitsbedingungen, wenig Zeit für gezielte Ausbildung und einer hohen emotionalen Belastung zu sehen.“

Fachkräftemangel in der Pflege

In den Pflegeberufen fehlen Fachkräfte. Die Gewerkschaft ver.di rechnet aktuell mit einem Bedarf von allein 110.000 zusätzlichen Pflegefachkräften. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aus dem Jahr 2020 fehlten in Deutschland rund 130.000 Pflegefachkräfte.

Bis zum Jahr 2035 könnten laut dem Institut der deutschen Wirtschaft in Köln in der stationären Versorgung in Deutschland bis zum Jahr 2035 rund 307.000 Pflegekräfte fehlen. Die Versorgungslücke im Pflegebereich insgesamt könnte sich bis zu diesem Jahr auf insgesamt knapp 500.000 Fachkräfte vergrößern. Der Prognose zum Fachkräftemangel des IW Köln basiert dabei auf Berechnungen des Statistischen Bundesamtes zur Entwicklung der Pflegebedürftigkeit in Deutschland.

Immer mehr Menschen werden in Zukunft pflegebedürftig sein. Das Statistische Bundesamt prognostiziert bis zum Jahr 2060 einen Anstieg auf deutschlandweit rund 4,53 Millionen pflegebedürftige Menschen. Ursache hierfür ist vor allem die stetig wachsende Zahl älterer Menschen in Folge einer besser werdenden medizinischen Versorgung.

Sandra Binkenstein
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