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NWZonline.de Ratgeber

Bernstein-Künstler Michael Neubauer: Auf Suche nach dem Gold des Meeres

22.02.2020

Prerow Der Himmel hängt tief und grau über dem Nordstrand. Dort verlieren sich eine Handvoll Spaziergänger und deren Hunde, die der frische Südwestwind in Richtung Seebrücke Prerow treibt. Diese ragt als brauner Strich auf Stelzen ins ruhige Meer. Im Westen liegt schmutzig-grün der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, der das Ostseebad Prerow umschließt. Die Buden hinter der Stranddüne sind geschlossen, die meisten Ferienwohnungen stehen leer. Im Winter ist in Prerow und den übrigen Orten auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst zwischen Rostock und Stralsund nicht viel los. Für Michael Neubauer ist dagegen Hochsaison.

Der gebürtige Osnabrücker, der in Bremen aufgewachsen ist, dort studiert und lange gelebt hat, zog zur Jahrtausendwende auf den Darß. Wegen der ursprünglichen Landschaft, in die sich der 53-Jährige sofort verliebt hat, und wegen des Bernsteins. Den liebt der grauhaarige kräftige Mann mit den tiefblauen Augen noch länger. Seit seinen Grundschultagen sucht, sammelt und verarbeitet Michael Neubauer die durchsichtig schimmernden Steine, die wegen ihrer Farbe auch „Gold des Meeres“ heißen.

Schmuck im Laden

Was Michael Neubauer aus den leichten, weichen und unterschiedlich farbigen Schmucksteinen macht, präsentiert er in seinem Bernsteinkunstatelier. Das Lädchen liegt an der Waldstraße. Die Prerower Magistrale wirkt im Winter genau so verwaist wie der Rest des 1500-Einwohner-Dorfes. In gläsernen Schränken, Körben und Vitrinen schimmern, glitzern und glänzen geschliffene, polierte und akkurat gearbeitete Bernstein-Anhänger, Colliers, Ringe sowie Objekte.

Michael Neubauer und seine Freundin Katrin Hofmann kombinieren Bernstein mit Sodalithen, Türkisen, Süßwasserperlen beziehungsweise mit Treibholz, Muscheln, Hühnergöttern, Fossilien sowie anderen Funden.

„Ich bin Strandsammler“, charakterisiert sich Michael Neubauer und richtet seinen winterlichen Tagesablauf ausschließlich nach der jeweiligen Wetterlage. Denn Winterzeit ist Bernsteinzeit. Und je kräftiger der Wind aus Nordosten bläst, am besten in Sturmstärke, desto mehr freut sich Michael Neubauer auf seine Strandtouren, die sechs bis 36 Stunden dauern können. Mit einem Fahrrad, Taschen, einer Lampe sowie ausreichend Trinkwasser sucht er den kompletten Halbinsel-Strand ab und legt nicht selten bis zu 50 Kilometer täglich zurück. Für den ehemaligen Marathonläufer trotz kaputter Knie kein Problem, sagt er.

Steine zwischen Tang

Im Winter bei rauer und kalter See sind die Chancen am größten, Bernstein zu finden. Auflandige stürmische Winde wirbeln den Meeresgrund auf und treiben den Baltischen Bernstein nach oben, den die Strömung dann an Land spült, wo er zwischen Algen, Tang und verwittertem Holz liegen bleibt. Im Sommer ist das Wasser zu warm, und Bernstein bleibt am Boden liegen.

Während seiner Ausflüge sackt Michael Neubauer neben Bernstein auch alles andere ein, was ihm auffällt und wozu ihm häufig schon beim Anblick eine kreative Idee durch den Kopf schießt. Im Geschäft hängt an der Wand eine Flotte kleiner Segelboote, deren Rümpfe und Masten aus Treibholz bestehen; die Segel sind aus heller Keramik. Andere Boote fertigt der Künstler komplett aus dunklem Holz und verziert sie manchmal mit einem leuchtenden Bernstein. Mit Seepocken besetzte Stiefel, Lederteile oder Seeglas verarbeitet Michael Neubauer ebenfalls zu maritimen Objekten. Im Winter sammelt Michael Neubauer den Rohstoff, aus dem er im Sommer Kunst macht. Diese kostet im Geschäft dann vier bis 400 Euro.

Wie viel Bernstein Michael Neubauer in seinem Leben gefunden hat, kann er nicht sagen. Nicht mal schätzen. Angefixt wurde er als Neunjähriger, als er in einer Kindersteinsammelgruppe mitmachte und erstmals einen Bernstein sah. Der begeisterte Michi überredete seine Eltern mit ihm im Winter nach St. Peter Ording zu fahren, wo er prompt ein Marmeladenglas vollmachte mit den schimmernden Harzbrocken. „Das war gigantisch und ein Schatz für mich.“

Die Suche ging weiter, und der Teenager wurde auch in Kiesgruben und Steinbrüchen im Ammerland und südlich von Bremen fündig. Mit Schleifpapier und Schlämmkreide machte der Bernstein-Fan aus seinen verkrusteten Funden durchsichtig glänzende Sammlerstücke. Heute benutzt der Autodidakt Maschinen. „Mich fasziniert besonders die jeweilige Farbe und Form, die den Steinen ihren Charakter geben“, erklärt Michael Neubauer, der seine Staatsexamensarbeit über die Verbreitung des Baltischen Bernsteins in Nordwestdeutschland geschrieben hat.

Anstatt danach als Geografie- und Biolehrer zu arbeiten, folgte er seiner wahren Leidenschaft und verdiente seinen Unterhalt, indem er selbst hergestellten Bernsteinschmuck auf Märkten verkaufte. Dabei ist es geblieben; nur dass er seine Kreationen seit 20 Jahren im eigenen Geschäft anbietet und dort lebt, wo andere Urlaub machen.

Klimawandel spürbar

Dabei ist Michael Neubauers Bernstein-Märchen auf dem Darß nicht frei von Rückschlägen. So hat sich in den vergangenen Jahren die Klientel verändert. Statt gut betuchter Urlauber besuchten Prerow mehr und mehr junge Familien mit schmalen Budgets. Und die kauften seltener Bernsteinschmuck.

Außerdem spüre er an der Ostseeküste deutlich den Klimawandel. Es gebe seit sieben, acht Jahren kaum noch Stürme, auf die davor im November und um Ostern stets Verlass gewesen sei. Gleichzeitig hätte die Zahl der Sammler stark zugenommen, sodass sich inzwischen viele wenig Bernstein teilen müssten. „Die Zeiten der großen Funde sind vorbei“, meint der Wahl-Prerower frustriert. Doch Aufgeben ist für ihn keine Option. „Ich jag’ immer weiter. Ich möchte noch einmal einen faustgroßen Bernstein finden; das treibt mich an.“ Als er das sagt, klingt Michael Neubauer schon wieder euphorisch und ist bereit für den nächsten Nordost.

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