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„World Restart A Heart Day“ im Nordwesten Keine Hemmung vor der Reanimation – „Der einzige Fehler ist, nichts zu machen“

Erleidet jemand einen Kreislaufstillstand, gelten für den Ersthelfer oder die Ersthelferin drei Schlagworte: Prüfen, rufen, drücken.

Erleidet jemand einen Kreislaufstillstand, gelten für den Ersthelfer oder die Ersthelferin drei Schlagworte: Prüfen, rufen, drücken.

IMAGO

Im Nordwesten - „Ohne ihn hätte ich meine Enkelkinder nicht mehr kennengelernt.“ So spricht Ludwig Menssen heute über den Mann, der ihm 2015 das Leben rettete. Der Wittmunder erlitt an der Kasse im Supermarkt einen Herzinfarkt, als er für einen Obstsalat einkaufte. Pascal Eilts, der damals erst 19 Jahre alt war, arbeitete an der Kasse und wollte Menssen gerade sein Wechselgeld überreichen, als dieser vor seinen Augen umkippte. Ohne lange zu zögern, begann Eilts erste Hilfe zu leisten, wie unsere Redaktion damals berichtete.

Nur 11 Prozent überleben

„Angeblich ist vier Minuten später der Rettungsdienst da gewesen“, erzählt der heute 67-jährige Menssen, der sich selbst an nichts mehr erinnert. Fast ebenso lange pumpte Eilts auf dem Brustkorb des Mannes und rettete ihm mit dieser Herzdruckmassage das Leben. Der Schüler wusste, was zu tun war, da er nur wenige Jahre zuvor an einem Erste-Hilfe-Lehrgang teilgenommen hatte. Vorfälle wie dieser machen deutlich, wie wichtig die Weiterbildung in lebensrettenden Maßnahmen ist. Daran erinnert auch der Deutsche Rat für Wiederbelebung (GRC) jährlich am 16. Oktober mit dem „World Restart A Heart Day“.

Kurse, um an Dummys die Herzdruckmassage zu üben, gibt es viele. Dennoch liegen teilweise Hemmungen vor, wenn es zum Ernstfall kommt.

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Thilo Schröder
Im Nordwesten

Laut dem Jahresbericht des Deutschen Reanimationsregisters von 2022 erleiden in Deutschland rund 60 000 Menschen pro Jahr einen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb eines Krankenhauses. Nur etwa 11 Prozent der Betroffenen überleben. „Wenn die Laienreanimation noch schneller und verlässlicher beginnen würde, dann könnte sich die Überlebenswahrscheinlichkeit verdoppeln oder verdreifachen“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Koppert. Er ist der niedersächsische Landesvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Prüfen, rufen, drücken

Die DGAI hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Bewusstsein für die lebensrettenden Fähigkeiten jedes Einzelnen zu schärfen. Denn der Grund, warum viele Menschen zögern bei einem Notfall einzugreifen, sei die Angst, erklärt Koppert: „Die Leute fürchten, etwas falsch zu machen.“ Diese Angst muss den Menschen durch Aufklärung genommen werden. „Man kann in so einem Fall nichts falsch machen“, sagt der Mediziner. „Das Einzige, was man falsch machen kann, ist, nichts zu machen.“

Die meisten von uns haben wohl in der Fahrschule das letzte Mal mit Erste Hilfe zu tun gehabt. Für wen das schon zu lange zurückliegt, der sollte sich drei Schlagworte merken: Prüfen, rufen und drücken. „Das ist das Motto, unter dem die Laienreanimation steht“, so Koppert. Die Fokussierung auf das „drücken“ ist ganz bewusst gewählt, erklärt er: „In der Regel ist ein Laie damit überfordert, gleichzeitig zu drücken und zu beatmen.“ Zudem stelle die Mund-zu-Mund-Beatmung bei Fremden eine große Hürde dar.

Wichtig sei, bei einem Kreislaufstillstand sofort mit der Reanimation zu beginnen. Denn Zahlen des Deutschen Reanimationsregisters zufolge beträgt die Zeit zwischen Eingang des Notrufs bis zum Eintreffen des ersten Rettungsfahrzeugs in Deutschland durchschnittlich knapp sieben Minuten. In ländlichen Gegenden oder bei unvorhergesehenen Verkehrshindernissen kann es auch mal 10 bis 15 Minuten dauern. So lange dürfe man nicht mit der Reanimation warten, sonst finde „ein irreversibler Schaden im Gehirn statt“, sagt Koppert.

So funktioniert die Überlebenskette

1. Prüfen: Sprechen Sie die bewusstlose Person an und schütteln Sie kräftig an beiden Schultern. Prüfen Sie dann, ob die Person noch atmet, indem Sie ihren Kopf überstrecken und hören sowie fühlen, ob sie atmet.

2. Rufen: Setzen Sie den Notruf (112) ab oder bitten Sie Umstehende, den Notruf abzusetzen. Geben Sie laut und deutlich Ihren Namen, den Standort und den Unfallhergang durch.

3. Drücken: Knien Sie sich neben die bewusstlose Person. Platzieren Sie einen Handballen auf die Mitte des Brustkorbs und eine zweite Hand auf den Handrücken, sodass beide Hände übereinanderliegen. Strecken Sie die Arme durch und drücken das Brustbein tief – fünf bis sechs Zentimeter – ein. Sie müssen dabei 100 bis 120 Mal pro Minute drücken, das entspricht dem Rhythmus des Liedes „Stayin‘ Alive“ von den Bee Gees, „Atemlos“ von Helene Fischer oder „Highway to Hell“ von AC/DC.

Wichtig: Die Herzdruckmassage sollten Sie ohne Unterbrechung durchführen, bis der Rettungsdienst eintrifft und die medizinische Notfallversorgung übernimmt.

„Bin ihm sehr dankbar“

Ludwig Menssen verbrachte nach seiner Reanimation zwei Wochen in der Klinik und drei Wochen in der Reha. Erst einige Zeit später trifft er seinen Lebensretter das erste Mal wieder und kann sich persönlich bei ihm bedanken. „Das Treffen war emotional“, erinnert er sich. „Und ich bin ihm heute noch sehr dankbar.“

Maike Schwinum
Maike Schwinum Thementeam Soziales
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