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Popsongs, Emojis, Memes „Rechtsextreme fluten das Internet mit rassistischen Inhalten“

Prof. Dr. Mario Dunkel lehrt und forscht seit 2017 an der Universität und ist derzeit Direktor des Instituts für Musik. Zu den Schwerpunkten seiner Forschung zählen Musikpädagogik und transkulturelle Musikvermittlung.

Prof. Dr. Mario Dunkel lehrt und forscht seit 2017 an der Universität und ist derzeit Direktor des Instituts für Musik. Zu den Schwerpunkten seiner Forschung zählen Musikpädagogik und transkulturelle Musikvermittlung.

Universität Oldenburg

Im Nordwesten - In den sozialen Netzwerken werden Bilder mit geschmacklosen Hitler-Witzen geteilt, auf Partys werden rassistische Texte zu Popsongs gegrölt, in Chats verwenden Rechtsextreme scheinbar harmlose Emojis, mit denen sie ihre Gesinnung ausdrücken: Rechtsextremes Gedankengut hält Einzug in die Alltagskultur. Prof. Dr. Mario Dunkel hat eine Professur für Musikpädagogik an der Universität Oldenburg und befasst sich auch damit, wie rechtsradikale Bewegungen die Popkultur unterwandern. Er ist sicher: Dass scheinbar harmlose Songs oder Emojis mit rechtsradikalen Bedeutungen aufgeladen werden, ist kein Zufall.

Welche Strategie steckt dahinter ?

„Es war schon Mitte der 2010er Jahre eine Strategie der neuen Rechten in den USA, sich für die Verbreitung rechtsextremer Inhalte viel stärker der populären Kultur zu bedienen“, sagt Prof. Dr. Dunkel. „Auch heute geht es der rechtsextremen Szene darum, Ideen und Motive aus der ,rechten Ecke’ zu holen und sie zu verharmlosen.“

Wie das funktioniert, zeige das Beispiel des Songs von Gigi D’Agostino, zu dessen Melodie auf Partys im ganzen Land immer wieder derselbe rassistische Text gegrölt wird. „Es werden hier zwei Dinge zusammengefügt, die eigentlich nicht zusammenpassen: ein leichter, gefälliger Popsong und eine harte rechtsradikale Parole. Gerade diese Inkongruenz, die uns irritiert, kommt bei einigen Menschen gut an: Das ist besonders provokant.“ Mit Provokation und Humor zu arbeiten, sei nicht nur eine Strategie der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung. „Auch die AfD greift in ihren Werbevideos zu diesen Stilmitteln, die etwas Verharmlosendes haben.“

Gleichzeitig würden sich einige Musiker auch selbst rechtspopulistischer Inhalte bedienen, um damit eine gewisse Nachfrage zu bedienen und aktuelle Themen aufzugreifen.

Auf ihrem Instagram-Account buhlt die Alternative für Deutschland (AfD) mit Comic-Style-Bildern um neue Mitglieder.

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IMAGO/Hanno Bode

Dennoch: Der Einzug des rechtsextremen Gedankenguts in den Alltag junger Menschen wird von einer rechten Szene forciert, die auch an sich unverdächtige Symbole kapert. Dazu gehört etwa das Finger-Emoji, bei dem Zeigefinger und Daumen einen Kreis bilden, während Mittelfinger, Ringfinger und kleiner Finger gespreizt sind. Taucher benutzen dieses Zeichen unter Wasser für „alles in Ordnung“. „Alle, die eingeweiht sind, sehen in den drei gespreizten Fingern ein W und in dem Kreis aus Daumen und Zeigefinger ein Teil des Buchstabens P. Das steht für White Power“, erklärt Prof. Dr. Dunkel. Diese Infiltration des Alltäglichen wird als „Dog Whistle“ bezeichnet: Wie eine Hundepfeife nur von Hunden gehört werden kann, nehmen nur Eingeweihte die Symbolik wahr.

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Doch auch offen Rechtsextremes wie Memes, Fotos oder Spruchbilder mit rechtsradikalem Hintergrund („Keep Calm and Heil Hitler“ zum Beispiel) sind im Netz zuhauf zu finden. „Es ist ein offenes Ziel der rechtsextremen Szene, das Netz mit solchen Inhalten zu fluten, um sie zur Normalität zu machen.“

Welche Rolle spielen die Schulen ?

Die Gefahr besteht, dass vor allem jüngere Menschen dadurch abstumpfen, weil sie ständig mit menschenfeindlichen Inhalten konfrontiert werden. Kann da mehr Aufklärung helfen, etwa im Geschichtsunterricht? Das Regionale Landesamt für Schule und Bildung (RLSB) in Osnabrück sagt auf Nachfrage unserer Redaktion, am Thema Nationalsozialismus werde im Geschichtsunterricht intensiv gearbeitet. „Unsere Schulen leisten bereits einen großen Beitrag in der Demokratiebildung und -Erziehung von Kindern und Jugendlichen“, teilt das RLSB mit. Dem RLSB liegt daran, deutlich festzuhalten, dass Rechtsextremismus „ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist und gesamtgesellschaftlich angegangen werden muss. (…) Ein freiheitlich-demokratisches Grundverständnis muss überall vorgelebt werden, damit Jugendliche zum Beispiel rechtsextreme Aussagen auch als solche einordnen und entlarven können.“

Prof. Dr. Dunkel von der Uni Oldenburg findet, Rechtsextremismus müsste nicht nur im Geschichtsunterricht, sondern zum Beispiel auch im Musik- und Kunstunterricht behandelt werden. „Das Verstehen der Strategien zur Verbreitung von Rechtsextremismus sollte Teil des Musikunterrichts sein. Es ist wichtig, da auch mit aktuellen Beispielen zu arbeiten und darüber zu sprechen, wie Musik auf politischer Ebene auf uns wirkt.“

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