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NWZonline.de Ratgeber

Handarbeit: Schafwolle zur Hochzeit statt Seide

16.01.2016
NWZonline.de NWZonline 2016-01-18T09:27:30Z 280 158

Handarbeit:
Schafwolle zur Hochzeit statt Seide

Oldenburg Es war Sommer, und Gloria-Sophie Wille tat das, was andere im Winter tun: Sie verbrachte ihn exzessiv häkelnd. Doch sie häkelte nicht Mützen und Schals, wie andere es tun. Sie häkelte ein Brautkleid. Ein Brautkleid im Hippie-Look.

Altbacken? Ganz und gar nicht. Herausgekommen ist ein Kleid, dessen wollweiße Spitze von der Taille aus den Körper bis zum Boden hinunterfließt. Dort sammelt sie sich zu einer kleinen Schleppe. Ein Hingucker sind die kleinen Puffärmel und die zierliche Knopfreihe am Rücken. Aber nicht nur Romantik steckt im Kleid, sondern auch Pragmatismus: Das Brautkleid ist ein raffiniert versteckter Zweiteiler. Rock und Oberteil können dadurch auch nach der Hochzeit noch weiterhin unabhängig voneinander getragen werden.

Häkel-Ausstattung

Das Spontanprojekt hat Gloria-Sophie Wille so viel Spaß gemacht, dass sie die Nadel nach der letzten Masche nicht aus der Hand legte, sondern Kleider-Ausstattungen für die gesamte Entourage der Braut häkelte – für die Blumenmädchen und eine Krawatte für den Gatten. Die Trauzeugin trug ein schwarzes Minikleid, hochgeschlossen, mit Spitze im Dekolleté.

Die Häkel- und Strickeuphorie ist in den vergangenen Jahren international wieder erwacht. Lange Zeit war Häkeln und Stricken aus der Mode. Junge Leute dachten dabei an Ringelsöckchen strickende Omas oder an ihre Mütter, die sich damals damit die Zeit der Vorlesungen an der Universität vertrieben.

Jetzt aber häkeln und stricken auch junge Männer und Frauen in Strickcafés, die es mittlerweile auch außerhalb Berlins gibt. Wollläden haben ihr Sortiment an die neue Kundschaft angepasst, und auch die Mode-Designer haben den Wollstoff wieder für sich entdeckt.

Die Boshi-Mützen-Erfinder Thomas Jaenisch und Felix Rohland, ein Informatiker und ein Wirtschaftswissenschaftler aus dem fränkischen Hof, haben sich dabei an die Spitze der Maschenbewegung gehäkelt. Seit 2009 verkaufen die beiden ihre Boshi-Mützen über das Internet. Der Kunde kann seine Bestellung dort selbst aus diversen Mustern und Farben zusammenstellen. Längst häkeln 40 Häkel­omas aus der Region auf 400 Euro-Basis für das Start-Up-Unternehmen. 2012 erschien das erste Boshi-Buch mit Anleitungen.

Von Lied inspiriert

Gloria-Sophie Wille schaut durch ihre Oma-Brille, wie sie momentan wieder angesagt ist, ihr Pony ist streichholzkurz. Sie ist aufgeweckt, lacht oft, redet viel und wirkt entspannt. Die 27-Jährige jobbt derzeit auf einer Hütte bei Mittenwald, in einem der südlichsten Zipfel Deutschlands, in den Alpen. Dort kümmert sie sich um hungrige und durstige Wanderer. Davor wohnte sie in Nantes am westfranzösischen Atlantik, verdiente ihr Geld mit Kinderhüten, Putzen und ein bisschen Musik. Dabei saugte sie Kultur und Sprache auf.

Nantes war auch eine Spontanaktion. Sie hörte ständig das Lied „Nantes“ der US-amerikanischen Band Beirut, radelte von Bordeaux in die besungene Stadt – und blieb. Genauso war’s mit dem Kleid. „Ich wohnte in Oldenburg, hatte einen miesen Job, mal wieder Fernweh und suchte irgendwie nach dem Sinn.“

Ihr Lieblingslied sei in dieser Zeit ‚The wetsuit’ (übersetzt: „Der Taucheranzug“), aber auch das Lied ‚All in white’ (übersetzt: „Alles in Weiß“) habe ihr gut gefallen, erinnert sich die ehemalige Oldenburgerin. Dadurch sei sie zum Häkeln eines weißen Hochzeitskleides inspiriert worden. „Eigentlich hätte es ein Taucheranzug werden müssen, aber das zweite war irgendwie passender.“

In dem Gesangsstück geht es um eine verlorene Liebe und das Bedauern, dass es nicht geklappt hat. „Ja, manche Menschen treffen Entscheidungen aufgrund von Jobs, Beziehungen, Studium. Ich höre lieber Musik und denke mir: Na, häkelst’ das Lied mal. Oder ziehst’ mal dahin, weil’s ein schönes Lied drüber gibt.“

Die 27-Jährige macht sich eben ihre Welt, wie sie ihr gefällt, und bleibt auch da, wo es ihr gefällt. Oldenburg war nur eine Station. Davor jobbte sie in Chicago in der Kulturabteilung des Goetheinstituts, lebte kurz in New York, wo sie, wie sie sagt, von all den Hipstern und Künstlern beeinflusst wurde, mit denen sie ihre Zeit verbrachte.

Ganz am Anfang, nach dem Abitur, studierte sie in ihrer Heimatstadt Osnabrück Betriebswirtschaftslehre, dann Soziologie und Politik.

Sie verbrachte ein Semester in Südafrika, reiste zwei Monate lang in Swasiland herum. Auf einem Markt in Swasiland entdeckte sie schließlich per Zufall ihre verschüttete Leidenschaft wieder. „Eineinhalb Stunden lang unterhielt ich mich mit einer Verkäuferin an ihrem Häkelmützen-Stand“, erinnert sie sich. „Zuhause zeigte ich meiner Mutter die gekauften Mützen und sagte: Zeig’ mir, wie’s geht.“ Schon bald verkaufte sie selbst Mützen an einem Marktstand auf dem Osnabrücker Nachtflohmarkt.

Ihre Hände ruhen seitdem nie: „Seit 2011 trage ich jeden Tag etwas Selbstgemachtes. Und wenn es nur die Socken sind.“ In Nantes sind neue Hochzeitskleider entstanden. „Diesmal sogar mit gehäkelten Blumensträußen!“ Sie träumt davon, irgendwann von ihrem kreativen Hobby leben zu können.

Wochenlange Arbeit

Spannend fände sie es, in Zukunft mit Kundinnen gemeinsam deren individuelles Brautkleid zu entwerfen und dann auf den Leib zu häkeln. „Es gibt einen Markt dafür“, ist sie sich sicher. Leider musste sie aber auch feststellen, dass viele Menschen ihre Kleider toll finden, aber nicht 400 Euro bezahlen wollen. Weniger wolle sie aber nicht dafür verlangen, schließlich stecke darin wochenlange Arbeit, betont sie.

Und Gloria-Sophie? „Ganz in Weiß?“, wie Roy Black 1966 sang? Daran denkt sie nicht. „Ich häkle keine Hochzeitskleider, damit ich schneller vom Markt weggeheiratet werde. Ich liebe einfach Hochzeiten und Kleider. Sie sind für mich wie Kunst. Heiraten – das sollen andere machen.“