Im Nordwesten - Wenn Theis sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist es schwer, ihn davon abzubringen. Er ist zwar schon acht Jahre alt, lebt aber mit einer Autismus-Spektrum-Störung und braucht deshalb viel Begleitung. Der ganze Alltag der Familie Meinen aus Wilhelmshaven dreht sich um Theis, das Kind mit den besonderen Bedürfnissen. Dafür hat sein großer Bruder Joah viel Verständnis. Dennoch ist es seiner Mutter Tina Meinen wichtig, dass Joah aus dem Schatten seines Bruders heraustritt. Weil sie mit genau dieser Herausforderung leben, wurden die Geschwisterkinder in solchen Familien lange auch „Schattenkinder“ genannt. Heute ist der Begriff umstritten, weil nicht der Eindruck entstehen soll, diese Kinder würden grundsätzlich ein Leben im Schatten führen.
Joah ist das gesunde Kind der Familie, das immer pflegeleicht und unkompliziert war. Doch gerade deshalb kam er oft zu kurz. Das ist längst vorbei, seine Mutter hat das erkannt. „Zuerst war es nicht leicht, sich einzugestehen, dass Joah mehr Aufmerksamkeit braucht. Ich habe Kontakt zum Geschwisterkinder-Netzwerk aufgenommen und mich an die Evangelische Familienbildungsstätte Friesland-Wilhelmshaven gewandt, weil es hier in der Region keine Angebote für Geschwisterkinder gab. Dort wurde daraufhin eine Gruppe gegründet.“
Tina Meinen achtet auch im Alltag darauf, dem „gesunden Kind“ die Aufmerksamkeit zu schenken, die es braucht. Damit es auch gesund bleibt. Denn wer in der Kindheit oft zurückstecken muss, entwickelt im Erwachsenenleben häufiger psychische Probleme, sagt Julia Geffron, Leiterin des Geschwisterkinder-Netzwerks in Hannover. Das Netzwerk ist die einzige Organisation, die Brüdern und Schwestern von Kindern mit Behinderung in ganz Niedersachsen Hilfe anbietet.
Große Belastung
„Es ist belegt, dass Kinder, die mit einem behinderten Geschwisterkind aufgewachsen sind, später häufiger Angststörungen entwickeln oder Probleme haben, Beziehungen einzugehen“, sagt Julia Geffron. „Als Kinder merken sie nicht, wie groß die Belastung ist, aber irgendwann kommt das zutage.“ Es sei typisch, dass Geschwisterkinder in solchen Familienkonstellationen oft ruhig, angepasst und unauffällig seien. „Sie wollen den Eltern nicht noch mehr Schwierigkeiten machen“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin. „Was wir aber auch merken, zum Beispiel in den Gruppen und auch jetzt bei unserer Sommerfreizeit, ist, dass sich bei den Geschwisterkindern Schwierigkeiten zeigen wie selbstverletzendes Verhalten und Essstörungen. Das fängt schon im Grundschulalter an und verfestigt sich in der Pubertät.“
In Oldenburg gibt es verschiedene Angebote für Geschwisterkinder von der Elterninitiative krebskranker Kinder Oldenburg. Angesprochen werden dabei aber vor allem Geschwister von Kindern mit Krebserkrankung. Somit ist die Geschwister-Gruppe in Wilhelmshaven die einzige für Brüder und Schwestern von Kindern mit Behinderung in der Region. Die nächsten Angebote für Geschwisterkinder gibt es in Lingen (Emsland) und Lilienthal bei Bremen.
Weitere Informationen über diese Angebote gibt es online unter www.stiftung-familienbande.de sowie unter www.eltern-kinderkrebs-ol.de.
In einer Studie zur Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen mit behinderten Geschwistern haben die Forschenden des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg schon 1997 festgestellt, „dass in den meisten Familien mit einem behinderten Kind zumindest phasenweise, wenn nicht permanent besondere Belastungen vorliegen, welche die nichtbehinderten Geschwister (...) ganz zentral und dauerhaft in ihrer persönlichen Lebensgestaltung und Persönlichkeitsentwicklung berühren“.
Gefühle zeigen
Das Wichtigste, sagt Julia Geffron, sei, dass die „gesunden Kinder“ lernen, dass auch ihre Bedürfnisse wichtig sind und dass Gefühle wie Scham oder Wut da sein dürfen. „Sie müssen lernen: Alle Gefühle gehören dazu. Man darf auch traurig und wütend sein und das mal rauslassen. Denn vor allem diese Gefühle werden zu Hause oft unterdrückt – und wenn jemand auf Dauer Gefühle unterdrückt, hat das Folgen.“
Seit Joah regelmäßig bei den Treffen der Geschwisterkinder-Gruppe der Familien-Bildungsstätte in Wilhelmshaven dabei ist und seine Mutter auch besonders darauf achtet, dass er mit seinen Bedürfnissen zu Hause nicht zu kurz kommt, hat er sich verändert, sagt Tina Meinen. „Man merkt, wie gut ihm das tut. Zu Hause fordert er jetzt auch öfter genau die gleichen Rechte ein, die auch sein Bruder hat. Er ist schon viel selbstbewusster.“
