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NWZonline.de Ratgeber

Keine Spur von Komfort in Bethlehem

22.12.2018

Schwalbach Der Vorhang fällt, und alle Fragen bleiben offen: Sandra Ohl vom Branchenriesen Procter & Gamble verteidigt mit Verve die Erlkönige der Windelwelt. Eine Außenaufnahme des Gebäudes? „Nicht verfügbar“, teilt die Pressesprecherin mit. Eine Aufnahme im Labor? „Auch nicht verfügbar.“ Alles streng geheim. „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass vieles zum Thema Forschung und Entwicklung von Pampers nicht öffentlich kommuniziert wird.“ Das Fracksausen in Schwalbach ist verständlich: Man hat Angst vor Geheimnisverrat.

Windeln der Zukunft

Die hessische Kleinstadt vor den Toren Frankfurts ist das Herz der weltweiten Windel-Forschung. Dort tüfteln seit der Jahrtausendwende kluge Köpfe an den idealen Windeln der Zukunft. Für heimische Baby-Popos, aber auch für die Kleinen in Afrika, Asien und in Amerika. Tag für Tag beugen sich Experten hinter wuchtigen Labortüren über „volle Beladungen“, so heißen dort volle Windeln.

Die 590 Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung beschäftigen sich mit nichts anderem als den Ausscheidungen der Kleinsten: Materialwissenschaftler und Ingenieure, Biochemiker und Dermatologen, sogar Meteorologen, Ernährungswissenschaftler und Schlafforscher. Schließlich, so der Tenor, kann sich die Zielgruppe ja „nicht verbal mitteilen“.

Morgens ab neun Uhr vor dem Prototypen-Labor: Unentwegt öffnen und schließen sich die automatischen Schiebetüren. Mütter – und vereinzelt Väter – schieben ihre Kinderwagen durch den separaten Elterneingang. Tausende junge Eltern wickeln dort Woche für Woche für die Forschung ihre Babys. Sie bringen benutzte Testwindeln zur Analyse, deponieren das riechende Material in Kühlschränken und füllen Fragebögen aus: Zwickt das Bündchen am Oberschenkel? War die Haut trocken? Wann wurde die Windel an-, wann abgelegt? Hat es gerochen? Feldforschung am Wickeltisch: Das einmalige Zentrum versorgt die jungen Familien wöchentlich mit Testpackungen. Dafür müssen sie, so Pressesprecherin Ohl, penibel Windeltagebuch führen oder ihre Kinder in vollen Windeln vorstellen“.

Vollgestopft mit raffinierter Technik verlassen heute jährlich geschätzte 3,5 Milliarden Windeln die Produktionsstätten. Um die 30 Komponenten stecken in einer Einwegwindel. Neben Zell- und Klebstoffen der sogenannte „Superabsorber“ im Saugkern der Windel. Ein vielseitiges Material, das unter anderem auch bei der Brandbekämpfung und bei Kabel-Ummantellungen von Tiefseeleitungen zum Einsatz kommt.

Das Granulat aus kleinen Kunststoffkügelchen saugt Flüssigkeiten wie eine Art Schwamm auf. Soviel mag Sandra Ohl verraten: „Der Saugkern einer Windel enthält im Schnitt zwölf Gramm Granulat.“ Damit kann er mehr als ein Drittel Liter Pipi aufsaugen. Noch vor einigen Jahren konnten Eltern von solchen „Füllmengen“ nur träumen: Die erste deutsche Pampers, 1973 noch um ein Vielfaches größer, bestand ausschließlich aus Zellstoff und schaffte nicht einmal die Hälfte der Saugkraft.

Jesu Windel im Schrein

Von diesem Komfort konnte der Knabe in der Notunterkunft von Bethlehem nur träumen. Der heilige Sprössling schlief im Futtertrog, eine Art Binde bedeckte seinen entblößten Leib. Im Spätmittelalter entwickelt sich ein eigener Handelszweig für Reliquien: Windeln Jesu werden zu horrenden Preisen gehandelt. Noch heute pilgern alle sieben Jahre Gläubige aus ganz Europa zur „Aachener Heiligtumsfahrt“. Das Objekt der Begierde: eine mit gelben Bändern und Seidenstoffen umwickelte Textilreliquie aus der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts. Die Windel Jesu im Marienschrein des Doms, 68 Zentimeter hoch, 94 Zentimeter breit. Nicht die Echtheit, sondern der „symbolische Gehalt und Verweis auf die biblischen Erzählungen“, stehen laut Bistum im Vordergrund.

In welche Stoffbahnen Martin Luthers sechs Kinder gehüllt wurden, ist nicht überliefert. Nur so viel: Windeln zu wechseln vermochte der Reformator wahrscheinlich wie eine Eins. Männer, so Luther 1522, könnten doch einen ganz neuen Zugang zur Familienarbeit finden. Wer ein Kind zu zeugen vermag, der könne es auch als eine von Gott gegebene Würde sehen, „das Kindlein zu wiegen, seine Windeln zu waschen“.

Über 400 Jahre später ärgert sich die amerikanische Architektin Marion Donovan (1917–1998) über das Windelwaschen: Als 29-jährige Mutter muss sie ihren schreienden Babys mehrmals täglich die Stoff-Windeln wechseln. Windeln sind anrüchig: Sie nehmen Urin und Stuhl auf. Die Geschäfte gehen in die Hose, kleben an Babys Po und Mamas Händen. Ein Geistesblitz sorgt 1946 für eine Revolution: Genervt reißt die gestresste Mutter im Bad den Duschvorhang aus der Verankerung, zerteilt den Kunststoff und näht daraus eine Art Hose. „Boaters“ (Bootsmann) tauft sie ihren Auslaufschutz, der später aus Fallschirm-Nylon und Druckknöpfen besteht. Amerikas Mütter sind dankbar: Die Windel wird zum Hit auf US-Wickeltischen.

Vermögen dank Erfindung

Auch die erste Einweg-Windel mit Papiereinlage erfindet Marion Donovan. Doch die Premiere floppt: Keiner riskiert, das gute Stück zu produzieren. Das schafft erst 1956 Victor Mills, ein Chef-Ingenieur beim Global Player „Procter & Gamble“. Der ehemalige Kohlenschaufler auf einem amerikanischen Schlachtschiff verdient mit seiner Erfindung ein Vermögen.

1973 tragen die ersten deutschen Babys Pampers. Den Welterfolg ihrer Idee erlebt die Mutter aller Einweg-Windeln noch mit. Marion Donovan stirbt 1998. Zu Ehren kommt sie spät: Erst 2015 wird sie posthum in die „Hall of Fame“ der amerikanischen Erfinder aufgenommen.

Heute gilt das Wort „Pampers“ (englisch: „to pamper“, verwöhnen) längst als Synonym für Windeln, ähnlich dem Begriff „Tempo“ bei Papiertaschentüchern. 19 von 20 deutschen Wickelkindern tragen Einwegwindeln. Alltäglich, Millionen von Babys. Durchschnittlich 3800 Windeln verbraucht ein Kleinkind. Experten schätzen den heimischen Marktanteil von Pampers auf 70 Prozent. Praktisch ein Monopol – auch Dank Tausender Babypopos im Taunus.

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