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NWZonline.de Ratgeber

Nussknacker: Knackig-kernige Männer mit Biss im Einsatz

24.12.2020

Seiffen Eine freundliche Frauenstimme tönt am Telefon: „Erfinderwerkstatt Füchtner, ja bitte!“– „Guten Tag! Ich bin mit Herrn Füchtner verabredet!“ Im Hintergrund ertönen Säge- und Bohrgeräusche. „Einen Moment bitte!“ Der Werkstattlärm verstummt. Eine freundliche Männerstimme ist am Apparat: „Hallo! Hier Markus Füchtner!“

Reportage in Corona-Zeiten, kurz vor Weihnachten: Kontakte eingeschränkt, kein Raum in den Herbergen, die Reisen beschwerlich, das Telefon die sicherere Verbindung. Wir sind mit dem Geburtshaus des Nussknacker-Königs verbunden. Und eine Frage brennt einem als erstes auf den Nägeln: Lässt das Virus den Hotspot Seiffen in Ruhe? Bricht der Umsatz ein? „Im Gegenteil!“ so Markus Füchtner: „Es boomt derzeit. Weil die Menschen aus der Umgebung wegen Corona nicht weit verreisen können, kommen sie jetzt zu uns!“ Viele bestellten auch im Internet.

„Jeder Tag Weihnachten“

Im Hintergrund steigt der Lärm wieder an: „Das ist die Familie!“, verrät Holzkünstler Füchtner. Alle sind im Einsatz, seit sieben Uhr in der Früh. Vater Gunter, Mutter Rosemarie, Onkel Volker, die Lebensgefährtin, früher auch Opa und Oma. „Bei uns ist jeden Tag Weihnachten.“

Holzspielzeugmacher Markus Füchtner ist ledig und 39 Jahre alt. Der bärtige Sachse hütet die Familien-Tradition mittlerweile in der achten Generation. Vor 150 Jahren drechselte sein Ur-Ur-Ur-Großvater Wilhelm Friedrich (1844 bis 1923) den ersten Mann mit Biss. Eine Königsfigur, 35 Zentimeter hoch, mit schwarzgold-gezacktem Schachtelhut und Schnurrbart, in roter Jacke, gelber Hose und schwarzen Stiefeln, bekrönt und bewaffnet mit Zähnen aus Holz.

„Es war der Urtyp des weltberühmten Seiffener Könignussknackers!“ erzählt Füchtner. Vorbild für den Ur-Knacker war das Weihnachts-märchen „König Nussknacker und der arme Reinhold“ (1851) des Struwwelpeter-Autors Heinrich Hoffmann: „Eine Majestät, mächtig schön und groß, mit Scepter, Kron und roter Hos...“

Spielzeugdorf Seiffen nahe der Grenze zu Tschechien. Ein bunter Weihnachts-Flecken wie in den zahllosen Werbebroschüren, die normalerweise jeden Dezember Tausende Touristen in den Ort locken. Hätte das Christkind eine Heimat, sie läge hier am rauen Erzgebirgskamm. Hingewürfelt wie Spielzeug verteilen sich die Häuser am Berg. Die Schieferdächer sind mit Schnee bedeckt. Die Ortsschilder im buckeligen Nussknacker-Land tragen märchenhafte Namen. Sie heißen Morgenröte und Rautenkranz, Rittersgrün und Schneckenstein.

Wundervolle Landschaft

Das Geburtshaus des Nussknackers liegt weit außerhalb des Dorf-Zentrums hinter einer Bergkuppe. Der Weg führt vorbei an Ateliers und kleinen Läden, wo Myriaden von Bergknappen, Räuchermännchen, Kurrende-Sängern und liliputanischen Engels-Orchestern zum Leben erwachen. In den Fenstern leuchten Weihnachtslaternen, Lichter-Engel und Schwibbögen.

Von warmer Kerzenluft angetrieben, fahren Maria und Joseph Karussell. Füchtner gerät ins Schwärmen: „Wie ein Märchenbuch“ sähe es im Winter aus. Oft türmen sich vor der Werkstatt meterhohe Schneewehen, die seine Familie mit Fräse und Schaufel beseitigen muss. An Weihnachten ist manchmal alles dicht: „Wir liegen auf 700 Metern!“

Wohnhaus und Werkstatt sind dieselben wie anno dunnemals: Hier haben alle Füchtners die meiste Zeit ihres Lebens verbracht, seit mehr als 200 Jahren. Ein typisches Erzgebirgshaus, wie aus der Zeit gefallen: Verwinkelt, mit kleinem Vorhäuschen, tiefen Decken und schiefen Wänden. „Manche trauen sich gar nicht rein!“ lacht Füchtner. „Die finden unsere Klingel im Vorhäuschen nicht!“

Überall riecht es nach Holz, Leim und Farbe. Gleich im Eingangsbereich beherbergt eine beleuchtete Vitrine eine ganze Nussknacker-Armee unter dem Motto „Zum frohen Fest ein starker Mann, der alle Nüsse knacken kann!“ Stramm stehen sie da, die Husaren in leuchtend rotem Gewand, mit Bärten aus Kaninchenfell, bewaffnet mit Zähnen und Säbeln aus Holz. In 130 Arbeitsschritten per Hand geschnitzt, bemalt und aus 60 Teilen zusammengesetzt.

Alle Farben und Formen

Großmäulige Hebelmänner in den verschiedensten Formen und Farben blicken aus dem Schaukasten: Knackige Feuerwehrmänner im roten, Förster im grünen Rock, Nachtwächter mit Filzhut, Laterne und Hellebarde. Eisenbahner winken mit der Signalkelle. Grimmig dreinschauende Gendarmen schultern ihre Gewehre, und schneidige Kürassiere in blauer und roter Uniform paradieren neben den Urtypen des erzgebirgischen Nussknackers: den roten, blauen und lilafarbenen Königen.

Dass fast alle Figuren Vertreter der Oberschicht darstellen, ist kein Zufall: Wenigstens in der Weihnachtszeit wollte man den Mächtigen das Maul mit einer Nuss stopfen. Napoleon und Bismarck, August der Starke und Hillary Clinton wurde diese Häme zuteil. Die Obrigkeit, so Füchtner, sollte Sklavendienste für das Volk leisten. „Damit wurden die Reichen verspottet.“

Einst Bergbau-Region

Die Schöpfer der hölzernen Gesellen selbst hatten harte Nüsse zu knacken: Jahrhundertelang lebte man im letzten Zipfel Sachsens vom Bergbau. Mitte des 18. Jahrhunderts zwang der Niedergang des Zinn-Abbaus Bergleute und Zimmermänner an die Hobelbank: Auch der Füchtner-Clan besann sich auf das, was es noch im Überfluss gab: Holz aus dem Erzgebirgswald.

1834 sägten und bohrten, hämmerten, schnitzten und drechselten in den engen, zugigen Werkstätten „310 zinszahlende Drechsler“ und etwa 750 „mithelfende Familienangehörige“, sogar Kinder, manche erst vier oder fünf Jahre alt. Auch Füchtner hat schon als Junge mit der Laubsäge an den Brettern rumhantiert. Von morgens um sieben bis manchmal 10 Uhr abends flogen zu Hause die Späne. Die komplette Familie sorgte mit Stechbeitel und Drechseleisen für den Lebensunterhalt.

Füchtner liebt sein Dorf, die kleine Welt, in der ihm alles vertraut ist. Doch seit Jahren schleicht sich eine Sorge ein: Die Einwohnerzahl sinkt. Das Dorf zählt nur noch 2100 Einwohner. „Die Schnitzer werden älter, viele gehen in den Ruhestand.“ Nachwuchs ist kaum in Sicht: „In Zukunft werden Betriebe eingehen. Die jungen Leute haben kein Interesse. Sie möchten studieren.“ Sie wollen ans schnelle Geld und wählen nicht den harten Beruf in einer Gegend, wo im Winter der Frost zwickt.

Keine 200 Kunsthandwerkbetriebe existieren mehr, fünf Werkstätten schließen jährlich. Doch Füchtner will niemals der letzte sein, der in seinem Betrieb das Licht ausmacht: „Für uns ist das ein ständiger Kampf! Reich geworden sind wir nie, aber es hat fürs Nötigste immer gereicht.“

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